Wolfcenter Dörverden In der Nebelblase

Quer über das Gelände verteilt stehen Desinfektions-Stationen: Das Dörverdener Wolfcenter startet in die neue Saison – mit viele Fragezeichen.
11.05.2020, 17:30
Lesedauer: 3 Min
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In der Nebelblase
Von Jörn Dirk Zweibrock

Auf jedem zweiten Tisch im Restaurant Wolfsrevier klebt ein großes Kreuz aus rot-weißem Absperrband. Frank Faß, Inhaber des Dörverdener Wolfcenters, schleppt gerade die überflüssigen Stühle nach draußen. Wie momentan überall, gelten auch im Wolfcenter die gültigen Abstandsregeln. Quer über das Gelände verteilt stehen Desinfektions-Stationen, den Gästen wird darüber hinaus empfohlen, den Wildpark ausschließlich mit Mund-Nasen-Schutzmasken zu besuchen.

Seit Mittwoch, 6. Mai, hat die Touristen-Attraktion im Süden der Gemeinde Dörverden ihre Pforten wieder geöffnet – zwei Monate später als ursprünglich geplant. Normalerweise läuten Christina und Frank Faß die neue Saison bereits Mitte März ein. „Die Pandemie hat uns volle Pulle getroffen“, erinnert sich Frank Faß an den „schmerzhaften Stopp“ bei den Saisonvorbereitungen. Zuvor habe er gerade die gesamte Lichttechnik erneuert, auf kostensparende LED-Beleuchtung umgestellt. Er hätte sich natürlich nicht träumen lassen, dass seine Wolfsgehege erst an Mai-Abenden illuminiert werden.

Schon im Februar haben die Winterstürme dem Wolfcenter ein Besucherminus beschert. „Bei Windstärke neun müssen wir unser Außengelände schließen“, erläutert Faß. Doch auch nach dem Sturm ist bei den Wölfen keine Ruhe eingekehrt – im Gegenteil. Der Ausbruch der Corona-Krise hat Faß wie ein eisiger Wind ins Gesicht geblasen. Er musste seine Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, die eingestellten Saisonkräfte bitten, daheim zu bleiben.

Für die getroffenen Entscheidungen von Bund und Land hat der selbstständige Unternehmer vollstes Verständnis, eines kann er jedoch beim besten Willen nicht nachvollziehen, und zwar den sorglosen Umgang so mancher Mitmenschen. Wenn er am Wochenende die Bilder von gut gefüllten Parks im Fernsehen sehe, stellten sich bei ihm die Nackenhaare auf. Diese Verhaltensweisen empfinde er als russisches Roulette.

„Ich kann nicht sagen, ob wir einen erneuten Lockdown finanziell noch einmal überstehen würden“, findet der Dörverdener deutliche Worte. Als direkte Folge von Corona musste er bereits die Eintrittspreise erhöhen, um zwei Euro für Erwachsene. „Die Preise für Kinder bleiben aber konstant“, verspricht er. Zwar haben seine Frau und er Hilfen beantragt, jedoch müssten die binnen zehn Jahren zurückgezahlt werden. „Eigentlich sind wir davon ausgegangen, dass wir dann alles abbezahlt hätten und jetzt kommt noch einmal eine dicke Schippe obendrauf“, klagt der Betreiber des Wolfcenters. Tilgungsaussetzung, Steuerstundung – Faß kommt sich momentan vor wie in einer Nebelblase, aus der er einfach nicht richtig in die Zukunft blicken kann.

Auch der Alleingang mehrerer Ministerpräsidenten habe bei ihm Kopfschütteln verursacht. „Ich gönne es jedem Zoo, der in anderen Bundesländern rund zwei Wochen früher aufmachen durfte als wir, frage mich jedoch, wo da der Grundsatz der Gleichbehandlung bleibt – Stichwort Wettbewerbsverzerrung. Die Umsatzeinbußen gleicht mir keiner aus.“ Weil der Wolfs-Experte nun einmal ein Mann der Tat ist und es nicht bei Worten belässt, hat er sich in einem Brandbrief an die Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten gewandt. „Ich habe unsere heimischen Abgeordneten gebeten, mein Anliegen an die entsprechenden Stellen weiterzuleiten“, erzählt Faß.

Glück im Unglück hat Faß allerdings mit der Technik. „Da wir bei unseren Führungen sowieso mit Headsets arbeiten, verstehen uns die Besucher auch aus einigen Metern Entfernung.“ Außerdem sei das Restaurant Wolfsrevier ein Bestandteil des Centers. „Mein vollstes Mitgefühl gilt in dieser Zeit allen Gastronomen“, betont Faß.

Die Saison sei „verhalten“ angelaufen, die erwarteten mehrere Hundert Besucher ausgeblieben. „Wir arbeiten wie die Eichhörnchen, müssen in den Sommermonaten die Nüsse sammeln, von denen wir dann im Winter zehren“, betont Faß. In der Nebensaison habe das Center lediglich am Wochenende geöffnet.

Für die Zukunft plant der er die Erweiterung seines Wildparks sowie die Vergrößerung der Präparate-Sammlung. Bis sich die Tierfamilie der Caniden (Hunde) im Dörverdener Wolfcenter jedoch um weitere Attraktionen wie beispielsweise Füchse vergrößert, muss sich erst die Nebelblase lichten, die momentan alles umgibt.

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