Kirchenkunst Im Zeichen des Adlers

Sein neuestes Projekt "Die Zwölf" hat Kirchenkünstler Henning Diers nach Dörverden geführt. Dort setzt er den Apostel Johannes entsprechend in Szene.
18.07.2018, 17:11
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Im Zeichen des Adlers
Von Jörn Dirk Zweibrock

Zwölf Monate, zwölf Apostel, zwölf Kirchengemeinden – nachdem er zum Reformationsjubiläum mit seinem Projekt „95 Thesen“ für Furore gesorgt hat, startet Henning Diers nun gleich mit dem nächsten durch. In den Kirchenkreisen Nienburg, Syke-Hoya und Verden setzt der Kirchenkünstler aus Hassel an der Weser den zwölf Aposteln ein künstlerisches Denkmal. Es trägt den bezeichnenden Namen „Die Zwölf“. Das Prinzip ist dabei immer das Gleiche. Pro Kirchengemeinde entsteht jeweils ein Stuhl – stellvertretend für einen Apostel.

Während sich interessierte Gemeindemitglieder aus Dörverden bereits im Juni mit dem Apostel Johannes auseinandersetzt haben, beschäftigen sich die „Schäfchen“ aus der St.-Petri-Gemeinde Kirchlinteln im Februar 2019 hingegen mit dem für sie namensgebenden Petrus. In den nächsten Monaten fertigt Diers also nach und nach insgesamt ein Dutzend Stühle an. Damit füllen sich bildlich gesprochen die Plätze rund um den Tisch, an dem Jesus kurz vor seiner Kreuzigung gemeinsam mit seinen Jüngern gesessen hat. Das letzte Abendmahl fand zu Zeiten des Pessach-Festes statt. „Es muss damals ein unglaublich spannender Abend in Jerusalem gewesen sein“, mutmaßt Henning Diers, für den sein neuestes Kirchenprojekt auch eine Art „Glaubenskurs“ ist. Immer wieder stößt er dabei nämlich auf Dinge, die ihm bis dato noch völlig unbekannt waren. Neben den Sätzen „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut“ wurde auch folgender Ausspruch von Jesus beim letzten Abendmahl überliefert: „Einer unter Euch wird mich verraten.“

Jedem, der in diesen Tagen die Dörverdener Kirche St. Cosmae et Damiani betritt, fällt sofort der gülden schimmernde Stuhl mit dem Adler-Symbol in der Rückenlehne auf. Das Kirchenmöbelstück steht gleich hinter der Kanzel, linker Hand vom Altar. „Das Adler-Symbol erscheint auch auf den Tüchern am Altar, am Lesepult und an der Kanzel als Symbol für den Evangelisten Johannes“, erklärt Dörverdens Pastor Rolf Görnandt. Johannes ist darüber hinaus auf dem Dörverdener Altarbild verewigt. Als Lieblingsjünger steht er mit Maria direkt unter dem Kreuz. „Es sieht nun so aus, als er ob mit seiner Geste direkt auf seinen Stuhl zeigt“, findet Görnandt.

Warum ist der Stuhl eigentlich geneigt? „Die Neigung bringt zum Ausdruck, dass sich der Lieblingsjünger Johannes beim Abendmahl an Jesu Brust gelehnt hat“, klärt der Dörverdener Pastor auf, während Kirchenkünstler Henning Diers mit der Hand über die drei Stuhlbeine streicht. Sie sind unterschiedlich lang, weil sie die unterschiedliche Bedeutung der drei Apostel Petrus, Jakobus und Johannes demonstrieren. Das Trio bildete nämlich später die Säulen der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem. Den Sockel, auf dem der Sitz des Johannes verankert ist, schmücken übrigens eine Schlange und ein Gift-Kelch – die traditionellen Attribute des Apostels. Doch was hat es damit auf sich? Der Legende nach schlug Johannes das Kreuz über den Kelch, das Gift entwich als Schlange, und er konnte schließlich daraus trinken, ohne sterben zu müssen.

Weil der Fischersohn Johannes der Jüngste unter den Jüngern war, wird er stets ohne Bartwuchs dargestellt. Die frischen grünen Pflanzenranken auf dem Sitz stehen symbolisch für seine Jugend, die Stuhlbeine aus rohem Stamm (Walnuss-Holz) dagegen für seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen. Wenn sich Künstler Henning Diers auf das erhöhte Sitzpolster setzt, schrumpft der mit Schaumstoff gefüllte Bezug sofort zu normaler Höhe zusammen, verliert seine vermeintliche Größe. Rolf Görnandt ordnet dies in folgenden theologischen Kontext ein: „Die Brüder Johannes und Jakobus haben Jesus darum gebeten, im Himmelreich zu seiner Rechten und Linken sitzen zu dürfen. Er hat darauf geantwortet: ,Wer groß sein will unter Euch, der soll Euer Diener sein.“ Johannes starb übrigens im hohen Alter eines natürlichen Todes – weder eine Schlange noch ein Giftbecher konnten ihn töten. Für Dörverdens Pastor Rolf Görnandt ist das Johannes-Evangelium ein ganz Besonderes: „Es ist sehr vergeistigt, enthält nur wenige Geschichten.“

Kirchenkünstler Henning Diers nutzt seinen eigenen Schwung aus dem Thesen-Projekt und macht gleich mit den zwölf Aposteln weiter. In vier Gemeinden hat er damit bislang schon Station gemacht. „Jede Kirchengemeinde ist anders. Es sind vor allen Dingen die Menschen, die Pastoren, die Kirchenvorstände, die Gläubigen, die das Projekt prägen“, hat er beobachtet.

Im Februar 2019 folgt dann also Kirchlinteln. „Petrus als eine Figur zwischen festem Vertrauen und dem Verzweifeln über die eigenen Grenzen ist ein spannendes und reizvolles Thema, weshalb es nicht schwer war, sich von Henning Diers begeistern zu lassen. Auch wenn es noch ein bisschen dauert, bis es losgeht, freuen wir uns schon sehr darauf – gerade weil die künstlerische Auseinandersetzung ja noch einmal einen ganz anderen Zugang zu Petrus bietet“, sagt Kirchlintelns Pastorin Merle Oswich.


Wer den Johannes-Stuhl in der Dörverdener St. Cosmae et Damiani Kirche bewundern will, kann dies jeweils zwischen 10 und 18 Uhr tun, denn bei dem Gotteshaus handelt es sich um eine sogenannte offene Kirche.

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