Tierzucht

Bullen für das Baltikum

Bei den niedersächsischen Fleischrindertagen in Verden stehen über 150 Vererber im Ring. Die Züchter monieren das niedrige Preisniveau für Edelteile.
11.02.2020, 16:42
Lesedauer: 3 Min
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Bullen für das Baltikum
Von Jörn Dirk Zweibrock
Bullen für das Baltikum

Internationale Zucht: Janek (v. l.) und Frank Wohlers mit ihrem Fleckvieh (Schweiz), Limousin (Frankreich) und Piemonteser (Italien).

FOCKE STRANGMANN

Bei anderen steht zum 18. Geburtstag ein Auto in der Garage, bei Janek Wohlers aus Emtinghausen hingegen eine Kuh im Stall. Das ist mittlerweile über zwei Jahre her. An diesem Freitag und Sonnabend (14./15. Februar) nimmt der mittlerweile 20-Jährige nun schon zum vierten Mal an den niedersächsischen Fleischrindertagen in Verden teil. Und zwar gleich in doppelter Funktion: Zum einen macht er mit seinem Fleckvieh-Bullen Thor (Simmental) beim Jungzüchterwettbewerb mit, zum anderen präsentiert seine Freundin Johanna bei der Bullenparade den Limousin-Koloss Mark. Eine Rasse, die es dem jungen Züchter aus der Samtgemeinde Thedinghausen besonders angetan hat, sind allerdings die aus Italien stammenden Piemonteser. Doch was schätzt Janek Wohlers, der in Osnabrück einen Mix aus Agrar- und Betriebswissenschaft studiert, so an seiner weißen Eugenia? Er mag sie einfach gerne leiden, denn mit ihren Smokey Eyes sei sie einfach immer perfekt geschminkt. „Ich finde es auch schön, wenn sich meine Freundin schminkt“, verrät der Jungzüchter. Weiterer Vorteil der Piemonteser: Neben ihrer hübschen Optik verfügen die Fleischrinder aus Italien verglichen mit anderen Rassen auch noch über einen überproportional hohen Anteil an Edelteilen (Steak und Co).

Natürlich dürfen auch die Rassen Angus, Charolais, Blonde d'Aquitaine, Galloway, Hereford, Salers und Welsh Black bei den 41. niedersächsischen Fleischrindertagen in Verden nicht fehlen. Die Körung der Bullen beginnt bereits am Freitag, 14. Februar, um 12.30 Uhr. Ab 19 Uhr treffen sich dann Züchter aus ganz Deutschland und Europa zum großen Züchterabend in der Niedersachsenhalle an der Lindhooper Straße. „Wir haben die Spätlese in diesem Jahr extra um eine Stunde auf 20 Uhr vorgezogen, damit anschließend noch genügend Zeit für den Austausch untereinander bleibt“, sagt Johannes Röttger von der ausrichtenden Masterrind. Tags darauf startet dann gegen 9 Uhr der Jungzüchterwettbewerb. 22 junge Züchter zwischen 8 und 25 Jahren sind in diesem Jahr dabei. „Mit 50 Prozent weiblichen Teilnehmern haben wir die Frauenquote voll erfüllt“, freut sich Röttger, dass sich auch immer mehr junge Damen für die Fleischrinderzucht begeistern.

Bei der Bullenparade (10 Uhr) sitzen traditionell viele potenzielle Käufer aus dem Baltikum in der Niedersachsenhalle. Weil es in den baltischen Staaten nun einmal viel Fläche gibt, befinden sich dort noch immer Fleischrinderherden im Aufbau. Und wo findet sich Spitzengenetik, sprich ein Deckbulle? Natürlich bei den niedersächsischen Fleischrindertagen in Verden, wo wieder einmal über 150 Deckbullen im Ring stehen. Zum Vergleich: Bei der sächsischen Bullenauktion am Standort der Masterrind in Meißen wechseln gerade einmal 50 Tiere die Besitzer. Die Bullenparade endet traditionell mit der Wahl des „Mister Verden“, dem besten Bullen über alle Rassen (11.30 Uhr). War im vergangenen Jahr noch die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) Ehrengast bei den Fleischrindertagen, ist es diesmal der agrarpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Gero Hocker.

„Vor zwei Jahren haben wir eine Züchterreise nach Estland gemacht. Ende Mai fahren wir nun mit einer 50-köpfigen Delegation nach Lettland“, erläutert Röttger. Aber auch viele Rumänen befänden sich nach wie vor unter den Käufern. Im Gegensatz zu den Milchkühen, die zu 90 Prozent künstlich besamt werden (Stichwort „Rucksack-Bulle“) kommen bei den Fleischrindern immer noch Deckbullen zum Einsatz. Bewertet werden die Tiere in Verden nach den drei Kriterien Typ, Bemuskelung und Skelett. H wie gehörnt, PS wie Wackelhorn und PP wie genetisch hornlos homozygot – dass es sich bei der Vererbungslehre um eine komplexe Materie handelt, beweist einmal mehr der Blick in den Auktionskatalog.

„Auf den Rücken des Tieres sollte ein Glas Cognac passen“, verkündet Janek Wohlers eine alte französische Limousinzüchter-Weisheit. Sein Vater Frank Wohlers hat damals in Thedinghausen mit der Rinderzucht im Nebenerwerb begonnen und seine Liebe für Fleischrinder an den Filius vererbt. Für den Senior bedeutet die Rinderzucht einfach Entspannung pur. Er genießt es einfach, nach einem anstrengenden Arbeitstag über Land zu fahren und nach seinen Tieren zu schauen. Bevor die jedoch in Verden angeliefert werden, steht natürlich wie immer noch ein bisschen Schönheitspflege auf dem Programm: Waschen, Kämmen, Striegeln. Auch die Pediküre, sprich der Klauenpfleger, schaut vor dem großen Auftritt in der Niedersachsenhalle noch einmal kurz auf dem Hof vorbei. Obwohl Janek Wohlers als kleiner Steppke einmal fast von einem Rind umgenietet wurde, hat er sich sich seine Tierliebe bewahrt. Seine ruhige Ausstrahlung überträgt sich erfahrungsgemäß eben auch auf seine Tiere. Die Siegertitel, die er bereits als Jungzüchter eingeheimst hat, lassen sich gar nicht mehr alle aufzählen. Bei einem Wettbewerb in Hessen hat er übrigens auch seine Freundin Johanna kennengelernt.

Auch in Zeiten des Klimawandels und des Vegetarismus gibt es noch immer viele Konsumenten, die auf ein ordentliches Steak auf dem Teller schwören, sei es nun von blutig (rare) bis ganz durch (well done). „Qualitätsrindfleisch liegt nach wie vor im Trend, obgleich das Preisniveau auf dem Fleischmarkt immer noch zu niedrig ist“, beklagt Johannes Röttger.

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