Premiere in der Emhuser Mühle

Drei Schiffbrüchige auf hoher See

Zum ersten Mal hat es am Sonnabend eine Theateraufführung in der Emhuser Mühle gegeben. Zu Gast war das Delmenhorster Ensemble Proszenium, das mit seinem nachdenklichen Stück „Auf hoher See“ begeistern konnte.
24.11.2019, 16:59
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Drei Schiffbrüchige auf hoher See
Von Jürgen Juschkat
Drei Schiffbrüchige auf hoher See

Der Briefträger (Jens Fischer/Zweiter von links) sieht sich den Schiffbrüchigen ausgesetzt. Dran glauben will auch er nicht.

fotos: Jürgen Juschkat

Schiffbruch und dessen Folgen – es war etwas ganz Besonderes, was die Zuschauer am Sonnabend in der alten Emhuser Mühle zu sehen bekamen. Mit dem nachdenklich stimmenden Einakter „Auf hoher See“ von Slawomir Mrozek, aufgeführt durch das Ensemble Proszenium aus Delmenhorst, betrat der Dorfverein Emtinghausen-Bahlum Neuland, denn eine Theateraufführung hatte es bislang in der Holländer-Galerie-Mühle noch nicht gegeben. „Wir müssen sehen, was ankommt“, sagte Martin Schmitt vom Dorfverein, „und hoffen, dass die Zuschauer nach der Vorstellung dableiben und miteinander reden".

Und das Theater-Stück in der deutschen Übersetzung von Ludwig Zimmerer kam beim Publikum an. Das war am Applaus deutlich zu spüren. Gemütlich war es nicht nur während der Aufführung unter den rustikalen Holzbalken, sondern auch danach. „Von mir sind mit Petra Wahed-Harms und Wolfgang Witt zwei Kollegen dabei“, erklärte Schmitt, der das Stück schon in Bremen im Wohnzimmer eines anderen Mitarbeiters gesehen hatte und gleich begeistert gewesen war. „Es ist ein vielschichtiges Stück mit sehr hoher Intensität. Die Schauspieler sind dicht am Publikum dran“, fügte der Organisator an.

Die Bühne fiel schlicht aus. Vor einer weißen Leinwand im dezenten Scheinwerferlicht standen drei Sitzkisten und zunächst ein Rednerpult. In den Fensternischen flackerten weiße Kerzen. Die Zuschauer versanken etwas im Dunkeln der Mühle, doch sie verfolgten gespannt das Geschehen im Bühnenbereich. Zunächst zog Anke Domke, Vorsitzende von Proszenium, mit dem balladenhaften Gedicht „Seenot“ von Erich Mühsam durch wechselnde Stimmungslagen die Zuschauer in ihren Bann und stimmte so auf das folgende Theaterstück ein.

Dabei ging es um einen Leck geschlagenen Dampfer auf hoher See, auf dem die Reichen sich nicht vom Feiern abhalten lassen, mögliche Rettungsmaßnahmen ignorieren und sogar boykottieren. „Ich habe Hunger.“ – „Ich will etwas essen.“ – „Sind die Vorräte erschöpft?“ Nachdenklich stimmte das Theaterstück, in dem drei Männer, denen die Lebensmittel ausgegangen sind, auf einem Floß im Meer treiben. Da ist für die Schiffbrüchigen guter Rat teuer, denn sie wollen überleben. In dem Theaterstück über Macht, Intrigen und Manipulationen soll einer dran glauben und den anderen Bärtigen als Überlebens-Notspeise dienen. Eine Abstimmung bringt derweil gar nichts ein. „Eine typische Staatskrise“, wird festgestellt. „Die Abstimmung macht Appetit“ sagt der Dicke (Michael Weimann), der mit dem Mittleren (Heinz-Günther Harms) und dem Schmächtigen (Lutz Echtermann) die Schicksalsgemeinschaft bildet.

Zwei Darsteller halten „Hunger“-Plakate Richtung Publikum. „Ich will nicht“, sagt der Schmächtige, der sich nicht opfern will. Ausreden und Anschuldigungen häufen sich in der Folge. Dem privaten Umfeld eines jeden Schiffbrüchigen wird auf den Grund gegangen und dabei festgestellt, dass nur einer noch eine Mutter hat. Scheinbar jedenfalls. Ein heran geschwommener Briefträger (Jens Fischer) bringt diesem eine Nachricht vom Ableben der Mutter. „Nun sind wir alle Waisen“, sieht sich der Mann auf dem gleichen Level wie die beiden anderen und damit in scheinbar verbesserter Position. Schließlich rückt auch der Lakai (Wolfgang Witt), mit leuchtender Rettungsweste ausgestattet, in den Mittelpunkt. „Herr Graf, Herr Graf…“, ruft er dem Mittleren zu, doch dieser sieht sich entlarvt, dreht sich weg und reagiert mit „weg, weg…“. Am Ende wird der Tisch gedeckt mit den Worten „Alles wie es sich gehört. Schließlich sind wir zivilisierte Menschen.“

Wirklich „dran glauben“ musste im Theaterstück schließlich keiner, jedoch alle fünf Darsteller, als es um den Applaus ging. Deutlich wurde an diesem Abend, was passiert, wenn der Mensch dem Menschen ausgeliefert ist. Dieser Frage sind Theaterstück-Schreiber Slawomir Mrozek und Dichter Erich Mühsam akribisch nachgegangen. Die fünf Schauspieler drückten es auf ihre Art und Weise eindrucksvoll aus und begeisterten nunmehr das Publikum in der Mühle. Den Beweis, dass Kultur auch auf dem Dorf funktioniert, lieferte der Dorfverein Emtinghausen-Bahlum Neuland an diesem Abend allemal.

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