Buch über das Kriegsende

Auf der Suche nach Zeitzeugen

Die Zeitgeschichtliche Werkstatt im Kapitelhaus Wittlohe arbeitet an einem weiteren Buch über das Kriegsende. Diesmal sollen Geflüchtete im Mittelpunkt stehen.
12.04.2021, 15:50
Lesedauer: 3 Min
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Von Marie Lührs
Auf der Suche nach Zeitzeugen

Bei den Recherchen für ihr Buch sind Hermann Meyer (v. l.), Harm Schmidt und Wilhelm Timme auf diesen Bollerwagen gestoßen, der eine Gruppe auf ihrer Flucht nach Kirchlinteln begleitete.

Björn Hake

Wie ist es Menschen, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in der Gemeinde Zuflucht gefunden haben, ergangen? Dieser Frage geht die Zeitgeschichtliche Werkstatt im Kapitelhaus Wittlohe (Zwik) aktuell nach. Mit einigen Zeitzeugen haben die Ehrenamtlichen bereits gesprochen, doch die Suche nach weiteren Geschichten gestaltet sich schwierig. Die Erlebnisse der Menschen, die in ihren Heimatstädten ausgebombt wurden oder aus Schlesien und Ostpreußen flohen, sollen in einem zweiten Buch über das Kriegsende in Kirchlinteln münden.

Im Fokus steht die Integration der Menschen. „Als vor einigen Jahren der Flüchlingsstrom nach Deutschland kam, ging ein Riss durch die Bevölkerung“, erinnert sich Pastor Wilhelm Timme, der gemeinsam mit Harm Schmidt, Hermann Meyer und Wilhelm Hogrefe an dem Projekt arbeitet. Unterstützung bekommt das Herren-Quartett von der aktuellen FSJlerin der Wittloher Kirchengemeinde Judith Wieters. Als 2015 und 2016 zahlreiche Schutzsuchende nach Deutschland kamen, waren viele Menschen bemüht, eine Willkommenskultur zu schaffen. Die Neuankömmlinge wurden mancherorts mit Applaus und Plakaten begrüßt. Doch es gab auch den Gegenentwurf: Menschen, die ankommende Busse mit Geflüchteten anpöbelten. „Das Thema Integration hat Deutschland gespalten“, sagt Timme. „Da ist es doch interessant, einmal zu beleuchten, wie das eigentlich 1945/1946 war.“

Über 20 Frauen und Männer konnte das Team bereits interviewen. Für die Gespräche haben sie einen detaillierten Fragenkatalog ausgearbeitet. Neben der Herkunft, dem damaligen Alter der Flüchtenden und ihren Familien wollen die Heimatforscher erfahren, wie die Neuankömmlinge nach ihrer Ankunft in Kirchlinteln ihr Leben organisierten. Wo kamen sie unter? Wo gingen sie zur Schule oder zur Arbeit? Wie versorgten sie sich? Besonderes Interesse haben Timme und seine Mitstreiter außerdem daran, wie sich die Einheimischen den Geflüchteten gegenüber verhalten haben.

Den Neubürgern wurde es teilweise nicht leicht gemacht, sich zu integrieren. „Ob Gottes Gnaden in Kirchlinteln oder Auf dem Glinn in Hohenaverbergen – die Flüchtlinge wurden oftmals weit außerhalb der Ortskerne untergebracht“, nennt Hermann Meyer ein Beispiel. Auch in Bendingbostel oder Weitzmühlen sei das so gewesen. „Neben der Unterbringung interessiert uns auch, wie sich die Flüchtlinge damals organisiert haben, um ihren Anliegen Gehör zu verschaffen“, ergänzt Schmidt.

Mit der Ankunft der ausgebombten Familien aus Bremen, Hannover, Hamburg und anderen Städten und den Geflüchteten aus den Ostgebieten des Dritten Reichs wuchs die Bevölkerung in Regionen wie dem Kreis Verden schlagartig an. Teilweise haben sich die Einwohnerzahlen verdoppelt, macht Schmidt die extreme Entwicklung deutlich, die sich binnen weniger Jahre zeigte.

Ziel der Recherchen sei „ein Geschichtsbuch, kein Geschichtenbuch“, erklärt Schmidt. „Wir wollen kein nettes Lesebuch“, ergänzt Timme. Das Ergebnis soll auch „wissenschaftlich abklopfbar“ sein. Damit das gelingt, ist die Zwik auf möglichst viele Gesprächspartner angewiesen, deren Berichte einander bestenfalls bestätigen. Die rund 20 bisher Befragten stammen aus dem Bereich Kirchlinteln, der Kirchengemeinde Wittlohe und anderen Orten aus dem Kleinbahnbezirk. An Kontakten in die Geest fehlt es noch. „Dabei wollen wir natürlich auch wissen, wie es damals in Sehlingen oder Schaftwinkel war“, betont Schmidt. Auch Zeitzeugen, die inzwischen außerhalb der Gemeinde Kirchlinteln leben, sind eingeladen, sich bei der Zwik zu melden.

Oft seien Erinnerungen durch den Lauf der Jahre getrübt, erklärt das Quartett. Entsprechend groß ist daher auch die Freude über alte Briefe oder Tagebücher, in denen die Neuankömmlinge ihre ersten Erfahrungen in Kirchlinteln konservierten. Einige Überlieferungen dieser Art liegen der Zwik bereits vor.

Wer schriftliche Hinterlassenschaften aus den letzten Kriegsjahren für das Buchprojekt beisteuern oder seine eigene Lebensgeschichte beisteuern möchte, kann sich telefonisch an die Recherchierenden wenden: Hermann Meyer ist unter 04236/1397 zu erreichen, Harm Schmidt unter 04231/928180, Wilhelm Timme unter 04238/493 und Wilhelm Hogrefe unter 04236/724.

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