SPD Kirchlinteln

Heldentat mit weißer Fahne

Vor 76 Jahren rettete das Ehepaar Reh Kirchlinteln vor der Zerstörung. Die SPD beantragt nun, eine Straße nach Hedwig und Carl Reh zu bennenen.
15.04.2021, 16:39
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Von Marie Lührs
Heldentat mit weißer Fahne

Das Kriegsende in Kirchlinteln verlief weitestgehend friedlich. Das ist dem Ehepaar Reh zu verdanken.

Major W. H. J. Sale

Auf den Tag genau 76 Jahre ist die Befreiung Kirchlintelns durch britische Soldaten her. Dass die Gemeinde der Zerstörung entging, hat sie insbesondere Hedwig und Carl Reh zu verdanken. Ihre Heldentat möchte die Kirchlintler SPD nun würdigen und eine Straße nach den Rettern benennen. Als geeignetes Gebiet schwebt den Sozialdemokraten die in Planung stehende Erweiterung des Baugebiets "Auf dem Breck“ vor. Dort könnte künftig eine Straße den Namen "Hedwig-und-Carl-Reh-Weg" tragen.

Das Ehepaar war 1943 in seiner Hamburger Heimat ausgebombt worden und hatte in Kirchlinteln zunächst Schutz gefunden. Als am 16. April 1945 die britischen Soldaten auf den Ort zu rückten und schon einige Höfe an der Kükenmoorer Straße in Brand geschossen hatten, verließ das Paar sein Versteck in einem Keller. Mit einer weißen Flagge ausgestattet, schritten Hedwig und Carl Reh den Alliierten auf der heutigen Straße Am Heidberg in Richtung Osterberg entgegen. Dass die Rehs gut Englisch sprachen, war für sie in dieser Situation vermutlich von Vorteil. Sie schafften es, die Truppen dazu zu bewegen, die Kampfhandlungen einzustellen, erzählt SPD-Pressewart Hermann Meyer, der an der Recherche ihrer Geschichte beteiligt war. Die Briten hatten sich aus Richtung Specken und Weitzmühlen genähert und somit in etwa das Gebiet durchquert, in dem bald eine Straße an den Mut der Rehs erinnern könnte.

Die SPD Kirchlinteln habe in den vergangenen Jahren bereits mehrere Aktionen gegen das Vergessen initiiert, erläutert Meyer. Den Anfang machten seit 2011 die jährlichen Fahrten zu Gedenkstätten, an denen mit historischem Bezug den Opfern der NS-Verfolgung gedacht wird. Es folgten die Vorführung eines Zeitzeugenfilms im Lintler Krug und die Ausstellung „Wider des Vergessen“, die der Ortsverein ausgearbeitet hatte.

2014 wurde bereits auf Initiative der Sozialdemokraten der Hinrich-Heitmann-Weg nach dem Kirchlintler Bahnarbeiter und SPD-Mitglied benannt. Heitmann hatte 1944 bei seiner Arbeit hungernden Zwangsarbeitern Brot zugesteckt, wurde denunziert und daraufhin von der Bremer Gestapo in das „Arbeitserziehungslager“ Bremen-Farge verschleppt.

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Hedwig und Carl Reh haben ihr Leben riskiert und stellten sich mutig den Nazi-Parolen zum Endkampf entgegen, obwohl sie wussten, dass dafür eine Erschießung drohte, erläutert Meyer. Lange war nur der Nachname des Paares bekannt. Mithilfe eines Aufrufs in der Hamburger Morgenpost fand Meyer mehr raus. Daraufhin meldeten sich ein Historiker und ein Heimatforscher. Inzwischen konnte so der Lebenslauf der Rehs weitestgehend rekonstruiert werden. Im Hamburger Staatsarchiv tauchte schließlich ein Dokument von Carl Reh auf, der in einem Schreiben die Situation vom 16. April schilderte. „Als die Engländer hier anrückten, haben wir im Endstadium nochmal ein kleines Risiko übernommen und die Zerstörung unseres Dorfes abgewandt, indem wir zu den anrückenden Engländern hinausgingen und sie veranlassten, die Niederbrennerei der Höfe, mit der sie schon begonnen hatten, wieder einzustellen“, heißt es darin. Der „Offizier der Avantgarde“ ließ seine beiden Flammenwerfer daraufhin wieder abrücken und sicherte das Dorf mittels Infanterie. Das Ehepaar Reh wurde indes zurück in den Keller geschickt, in dem sie mit etwa 32 Dorfbewohnern aus der Nachbarschaft Schutz gesucht hatten.

Auch nach Kriegsende blieb das Paar noch einige Jahre in Kirchlinteln. Diverse Briefe an Senatoren von SPD und FDP in Hamburg beweisen allerdings, wie erbittert das Paar für eine Rückkehr nach Hamburg kämpfte. „Hier auf dem Land sind wir vollkommen lahmgelegt“, heißt es in einem Schreiben des Paares. Beide ließen sich darüber aus, dass ehemalige Nazis in den Ämtern tätig waren. 1949 endete der Schriftverkehr plötzlich. Statt nach Hamburg zurückzukehren, wanderte das Paar nach Schweden aus. In Helsingborg begannen sie ein neues Leben. Das von Carl Reh währte allerdings nicht lange. Er starb 1951 nach schwerer Krankheit. Hedwig Reh überlebte ihren Mann um 50 Jahre. Sie starb mit 90 Jahren in Schweden.

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