Gedenken Wandeln auf historischen Spuren

1945 hat das Ehepaar Reh Kirchlinteln vor der Zerstörung bewahrt. Eine Bekannte der Familie gibt bei einem Besuch Einblick in das spätere Leben der Rehs.
23.09.2022, 11:00
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Wandeln auf historischen Spuren
Von Marie Lührs

Im April 1945 hat sich das Ehepaar Reh auf dem Heidberg den britischen Soldaten entgegengestellt. Seit vergangenem Jahr erinnert eine Gedenkstätte an diese mutige Tat, mit der das Paar die weitere Zerstörung Kirchlintelns verhindert hat. Den Weg über den Heidberg, den Hedwig und Carl Reh am 16. April 1945 mit einer weißen Flagge ausgestattet gingen, hat nun auch eine Frau aus Helsingborg beschritten. Die Schwedin hat eine besondere Beziehung zu Hedwig Reh.

Christina Tunström lernte Hedwig Reh 1956 kennen, erzählt sie bei ihrem Besuch in Deutschland. Damals war sie sieben Jahre alt und zog mit ihren Eltern in ein Haus in Helsingborg, in dem Reh im Herbst desselben Jahres einen privaten Kindergarten eröffnete. Nach dem Krieg hatte das Ehepaar Reh vergeblich versucht, wieder in ihrer Heimatstadt Hamburg Fuß zu fassen und sich schließlich entscheiden, Deutschland den Rücken zu kehren. 

Noch heute nennt Tunström die Kindergärtnerin "Tante Hedwig". Reh betreute in ihrer Einrichtung Mädchen und Jungen im Alter von vier bis sechs Jahren gemeinsam mit zwei jungen Praktikantinnen. Die Wohnung und Kindergarten bestand aus einem kleinen Saal, zwei Spielzimmern, einer Küchenzeile und einer Toilette. "An der großen Wand eines der Räume hatte Tante Hedwig von dem Künstler Eric Leijon Kinder in verschiedenen Erdteilen malen lassen", erinnert sich Tunström. Heute sei in den Räumen ein Yoga-Studio untergebracht. Das Wandgemälde gebe es noch heute, es werde jedoch von einem Vorhang verhüllt. 

Emotionaler Gang

Nun in Kirchlinteln auf den Spuren des Ehepaares Reh zu wandeln, habe sie sehr bewegt, erzählt Tunström. "Als ich den Weg entlang ging, auf dem Tante Hedwig und ihr Mann 1945 mit einem Laken zwischen ihnen auf die britischen Panzer zugingen, schlug mein Herz viel schneller." Sie habe versucht, sich ein Bild davon zu machen, wie sich alles abgespielt habe. Der Mut, den das Paar dafür aufgebracht haben müsse, habe sie nachdrücklich beeindruckt.

"An der Gedenkstätte empfand ich große Wehmut", erzählt die Schwedin. "Ich wünschte, ich wäre älter gewesen, als ich Tante Hedwig kennenlernte." Vielleicht hätte sie dann von ihrer Heldentat erfahren und mit ihr darüber sprechen können, mutmaßt die Reisende. Es sei schön, dass eine Gedenkstelle das Engagement der Rehs in Erinnerung halte. 

Enge Verbindung zu Reh

Tunströms jüngere Schwester besuchte damals den Kindergarten der Deutschen. So entstand schnell ein regelmäßiger Kontakt zwischen Christinas Mutter und Hedwig Reh. "An einigen Feiertagen war Tante Hedwig auch Gast unserer Familie", erinnert sich Tunström. "Tante Hedwig war eine Frau, die wusste, was sie wollte." Andererseits sei sie auch äußerst fürsorglich gewesen und habe viele junge Mädchen im Laufe der Jahre unterstützt. So ermutigte sie Mädchen, zu studieren und einen Beruf zu erlernen, um auch finanziell unabhängig zu werden. 

Christina Tunström lernte in der Schule Deutsch. Hedwig Reh empfahl ihr, die Sommerferien in Deutschland zu verbringen, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Der Lions-Club in Helsingborg bezahlte das Stipendium. Hedwig Reh brachte die 14-Jährige im Juni 1963 zu ihrer Gastfamilie in Geesthacht und holte sie am Ferienende wieder ab. Aus diesem Besuch entstand ein wiederholter Austausch von Geesthachter und Helsingborger Jugendlichen. 

Recherche der Zwik

Familie Reh ist nach dem Krieg in Vergessenheit geraten. Nur wenige alte Kirchlintler erinnerten sich noch an das Paar, das bereits 1943 in Hamburg ausgebombt worden war. Nur der Nachname und die Herkunft waren noch bekannt. Die Zeitgeschichtliche Werkstatt im Kapitelhaus Wittlohe (Zwik) begab sich schließlich auf Spurensuche und wendete sich dafür an zwei Hamburger Zeitungen.

Dass inzwischen deutlich mehr über die Eheleute bekannt ist, ist auch einem Familienforscher und einem Historiker zu verdanken, die sich nach einem Aufruf in den Hamburger Blättern meldeten. 

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