Kirchlintelns Rettung Gedenkstelle wird erweitert

Seit vergangenem Herbst erinnert eine metallene Flagge an das Ehepaar Reh, das Kirchlinteln vor der Zerstörung bewahrt hat. Nun wurde die Gedenkstätte um eine Bank erweitert.
18.04.2022, 17:02
Lesedauer: 3 Min
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Gedenkstelle wird erweitert
Von Marie Lührs

Auf den Tag genau 77 Jahre nachdem das Ehepaar Kirchlinteln vor der Zerstörung bewahrt hat, haben sich am Ostersonnabend bei bestem Wetter Interessierte an der im vergangenen Jahr errichteten Gedenkstelle eingefunden. Es galt nicht nur, dem Mut von Carl und Hedwig Reh zu gedenken. Denn auch die Einweihung einer neuen Sitzbank sollte gefeiert werden. Rund 30 Menschen hatten sich zu diesem Anlass an der Straße Zum Heidberg eingefunden. Die Geschichte der Rehs sowie ihrer Zeitgenossen bekomme mit Blick auf den Krieg in der Ukraine erschreckende Aktualität, stellen sie fest.

Damals, blickte Hermann Meyer bei der Einweihung der Bank zurück, sei es nicht so ruhig gewesen, wie 77 Jahre später. Er hatte die Geschichte des Ehepaars recherchiert. "Britische Tiefflieger, Panzer, Flammenwerfer und Flak-Geschütze sorgten für einen Höllenlärm." Britische Soldaten, die aus Richtung Specken und Weitzmühlen über den Osterberg vorrückten, ließen sich von deutschen Soldaten nicht aufhalten. Sie kamen Kirchlinteln immer näher.

Kämpfe hinterließen Spuren

Die Kampfhandlungen hinterließen ihre Spuren: 13 Häuser – überwiegend an der Kükenmoorer Straße – gerieten in Brand. Tiere verendeten in den Ställen. "Es war ein wüstes Durcheinander", verdeutlichte Meyer das Szenario. Die Menschen in Kirchlinteln suchten Schutz in ihren Kellern. Doch der Lärm des Krieges drang bis in die hintersten Winkel.

Auch Hedwig und Carl Reh waren vor 77 Jahren unter den Menschen, die in Kellerräumen Schutz gesucht hatten. Das Paar war in Hamburg ausgebombt worden und hatte gehofft, auf dem Land sicher vor Angriffen zu sein. Wann genau sie nach Kirchlinteln kamen, lasse sich heute nicht mehr rekonstruieren, sagte Meyer. Bekannt ist jedoch, dass Rehs mit mehr als 30 Schutzsuchenden in einem großen Keller ausharrten, als die britischen Truppen immer näher kamen.

"Das Ehepaar Reh wollte nicht tatenlos zusehen, wie ihre bislang zweite Heimat zerstört wird", beschreibt Meyer den Schlüsselmoment. "Sie schnappten sich wohl kurzerhand eine Holzstange, banden daran ein weißes Tuch und gingen mit dieser weißen Fahne den britischen Soldaten entgegen. Das Denkmal, eine stilisierte Flagge aus Metall, erinnert daran.

Notizen von Zeitzeugen

Einer Notiz von Carl Reh lässt sich entnehmen, wie es weiterging: "Als die Engländer hier anrückten, haben wir im Endstadium noch mal ein kleines Risiko übernommen und die Zerstörung unseres Dorfes abgewandt, indem wir zu den anrückenden Engländern hinausgingen und sie veranlassten, die Niederbrennerei der Höfe, mit der sie schon begonnen hatten, wieder einzustellen." Die Rehs hatten Glück. Der Offizier der Avantgarde ließ seine beiden Flammenwerfer wieder abrücken und nahm das Dorf ein. Das deutsche Militär hatte die Gegend bereits verlassen. Das mit der Friedensflagge ausgestattete Paar wurde aufgefordert, wieder in den Keller zu gehen.

"Dieses mutige Verhalten der beiden Hamburger, die unseren Ort vor einer weiteren Zerstörung bewahrt haben, ist durch den Gedenkplatz dokumentiert", sagte Meyer. Über ihre Heldentat informiert nicht nur die Schautafel am Ende der Straße Zum Heidberg, sondern auch ein Faltblatt, das ebenda aus einem Schaukasten genommen werden kann. Die Bank solle nun dazu dienen, dass sich Spaziergänger auf diesem Gedenkplatz niederlassen und die Geschehnisse vom Kriegsende in Kirchlinteln am 16. April 1945 Revue passieren lassen können. Doch auch ganz unabhängig von dem Geschehen vor 77 Jahren dürfen Passanten Platz nehmen, sich ausruhen und die Umgebung auf sich wirken lassen.

Durch Spenden finanziert

Ermöglicht wurde die Aufstellung der Bank durch die Zeitgeschichtliche Werkstatt im Kapitelhaus Wittlohe (Zwik) und zahlreichen Spendern. Zu ihnen gehören auch Mahlene Hoffmann und Margret Junge. 1945 lernten sie von Hedwig Reh Englisch. Mitarbeitende des Bauhofs übernahmen die Aufstellung der Bank aus Edelstahl und Lärchenholz.

Bevor die ersten Besucherinnen und Besucher auf der Bank Platz nehmen konnten, gab ihnen Meyer noch etwas mit auf den Weg: "Die Fahnenstange ist absichtlich schräg einbetoniert worden, um zu verdeutlichen, dass sie vom Ehepaar Reh bestimmt nicht kerzengerade auf dem Weg den britischen Soldaten entgegengetragen wurde." Immer wieder hätten ihn Passanten darauf hingewiesen, dass die Fahnenstange neu ausgerichtet werden müsse.

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