Nach zwei Erdbeben an einem Abend

Politiker fordern Ende der Erdgasförderung im Landkreis Verden

Nach den bislang schwersten Erschütterungen in der Region Verden fordern Politiker aller Parteien einen sofortigen Stopp der Erdgasförderung. Bürger sollen Schäden an ihren Häusern umgehend melden.
21.11.2019, 17:33
Lesedauer: 4 Min
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Politiker fordern Ende der Erdgasförderung im Landkreis Verden
Von Jörn Dirk Zweibrock
Politiker fordern Ende der Erdgasförderung im Landkreis Verden

Der Gasversorger Dea will seinen Förderplatz am Rande des Wasserschutzgebietes Panzenberg künftig sogar noch erweitern.

Björn Hake

Mittwochabend gegen halb Sieben: Kirchlintelns Bürgermeister Wolfgang Rodewald nimmt in seinem Büro den ersten Erdstoß wahr. Rund vier Stunden später bebt die Erde erneut. Aus Angst, dass die Bürodecke einstürzen könnte, eilt der Verwaltungschef in Richtung Türrahmen, will dort Schutz suchen. Dort angekommen, ist plötzlich wieder alles ruhig.

Das bislang schwerste Erdbeben hat den Landkreis Verden am Mittwochabend erschüttert. Der Niedersächsische Erdbebendienst (NED) am Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) hat um 18.28 Uhr und 22.32 Uhr zwei Erdbeben mit einer Lokalmagnitude von 3,2 und 3,0 registriert. Hinzu kommt ein seismisches Ereignis mit einer Lokalmagnitude von 1,5 um 20.52. Zum Vergleich: Das zuvor stärkste Erdbeben in der Region am 22. April 2016 hatte nach Angaben des Landesbergamtes eine Magnitude von 3,1. Auch damals hatte Rodewald die Erschütterungen bereits zu Hause in Bendingbostel wahrgenommen.

Laut LBEG-Sprecher Björn Völlmar liegen die Epizentren der aktuellen Erdbeben bei beziehungsweise südlich von Kirchlinteln am südöstlichen Rand des Erdgasfeldes Völkersen. „Die aktuellen Erdbeben stehen sehr wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Erdgasförderung. Die Förderung von Erdgas führt zu Spannungen im tiefen Untergrund. Wenn diese an Schwächezonen im Untergrund impulsartig abgebaut werden, kann es zu spürbaren Erschütterungen an der Oberfläche kommen. Die genaue Ursache wird in detaillierten Untersuchungen zurzeit analysiert“, erklärt Völlmar.

Während das LBEG explizit von Erdbeben spricht, verwendet der Energieversorger Wintershall Dea in diesem Zusammenhang lieber den Begriff „seismische Ereignisse“. Wann spricht man nun also von einem seismischen Ereignis und wann von einem Erdbeben? „Ab einer Magnitude von 1,9 bis 2,0 können Menschen Erdstöße wahrnehmen. Das seismische Ereignis von 20.52 lag mit einer Magnitude von 1,5 demnach also unter der Spürbarkeitsschwelle“, erläutert Völlmar.

Vor drei Jahren hatte der Energieversorger Wintershall Dea sein Krisenmanagement nach dem Erdbeben grundlegend geändert und die entstandenen Schäden rasch reguliert. Auch im aktuellen Fall verspricht Heinz Oberlach, Sprecher für den Förderbetrieb Gas Nord, wieder eine „schnelle, unbürokratische“ Schadensregulierung. Bereits am Morgen nach den beiden Erdbeben lagen dem Niedersächsischen Erdbebendienst mehr als 60 Meldungen vor. „Viele Beobachtungen stammen aus dem rund fünf Kilometer von den Epizentren entfernten Verden“, schildert Völlmar. Auch bei der Polizeiinspektion Verden/Osterholz und der Rettungsleitstelle waren nach den Beben zahlreiche Anrufe von besorgten Bürgern eingegangen.

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Über die Parteigrenzen hinweg fordern nun Politiker, Bürgerinitiativen (BI) sowie die Bewegung Fridays for Future umgehend die Einstellung der Erdgasförderung im Landkreis Verden. Der Kreistag hatte bereits 2016 einstimmig eine Resolution gegen die Erdgasförderung verabschiedet. Gleich nach dem Beben hat sich der heimische Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt (CDU) an seinen Parteifreund, den niedersächsischen Wirtschaftsminister Bernd Althusmann, gewandt: „Auf meine Anfrage wurde mir von Herrn Althusmann mitgeteilt, dass ein sofortiger Stopp der Erdgasförderung in Niedersachsen aufgrund der Erdgasreserven und wirtschaftlichen Verpflichtungen nicht umsetzbar ist“, berichtet Mattfeldt enttäuscht. Er wirft der rot-schwarzen Koalition in Hannover deshalb eine „unerträgliche Ignoranz und Arroganz gegenüber dem ländlichen Raum“ vor. Mattfeldt distanziert sich in dieser Sache nach eigenen Worten eindeutig von seiner Parteilinie.

Rückendeckung bekommt er von den anderen Parteien: „Es darf nicht sein, dass die Energiekonzerne große Gewinne einfahren und gleichzeitig die Gesundheit und das Eigentum der Bürger gefährdet werden“, sagt beispielsweise Amira Mohamed Ali, neue Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag. Auch Imke Byl, umweltpolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion, findet deutliche Worte: „Die Landesregierung weicht den Problemen aus, gründet statt notwendiger Konsequenzen runde Tische mit der Industrie.“

Seit acht Jahren kämpfen die kreisweit aktiven Bürgerinitiativen gegen Gasbohren nun schon für eine Einstellung der Förderung. „Nüchtern betrachtet, hat sich nicht viel getan. Es wird immer noch Lagerstättenwasser verpresst, und die Förderplätze werden weiter ausgebaut“, lautet das resignierte Fazit von Andreas Noltemeyer, Sprecher der BI No Fracking Langwedel. Er fordert aus diesem Grund nicht nur das baldige Aus für Öl-, sondern auch für Gasheizungen.

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Das Brisante: Der Energieversorger Wintershall Dea will seinen bereits vorhandenen Bohrplatz am Rande des Scharnhorster Wasserschutzgebietes Panzenberg künftig noch erweitern. Nach dem Druck aus der Bevölkerung hatte das Unternehmen eine freiwillige Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) beim zuständigen LBEG in Hannover beantragt. Auch Althusmann hatte sich bei einem Besuch in Verden dafür ausgesprochen. Völlmar teilt auf Nachfrage mit, dass dem Antrag bereits stattgegeben wurde, der Versorger allerdings noch keinen Rahmenbetriebsplan eingereicht habe.

Bürger sollten die Schäden unter 0 42 32/ 93 32 00 an den Förderbetrieb Gas Nord melden. Außerdem ist es wichtig, dass sie ihre Beobachtungen auf der Seite des Landesbergamtes (https://nibis.lbeg.de/makroseismik/) dokumentieren. Sollten die Schäden nicht zur Zufriedenheit reguliert werden, rät Landtagabgeordnete Dörte Liebetruth (SPD) dazu, die Schlichtungsstelle Bergschaden unter 0 42 61 / 9 83 28 53 zu kontaktieren.

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