Gegen Berge und Wetter

Radsportler Stefan Moritz bezwingt die Alpen

Der Kirchlintler Stefan Moritz legt beim „Three Peaks Bike Race“ die Strecke von Wien nach Nizza zurück. Dabei bewältigt er 15 Bergpässe.
15.08.2020, 21:01
Lesedauer: 5 Min
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Von Florian Kastens
Radsportler Stefan Moritz bezwingt die Alpen

Hinter Stefan Moritz liegt ein anstrengendes Radrennen. Beim TPBR ging es für den Mann aus von Wien nach Nizza.

Björn Hake

Im Sommer – gemeinhin die Urlaubszeit – sind Städte wie Wien oder Nizza beliebte Reiseziele. Mitunter führt vielleicht auch mal eine Reiseroute einiger Urlauber oder Camper von Wien bis nach Nizza. Der Kirchlintler Stefan Moritz ist Ende Juli genau diesen Weg angetreten, allerdings per Fahrrad. Der 48-jährige war Teilnehmer am „Three Peaks Bike Race“ (TPBR).

Als einer von insgesamt 110 Startern ging es am Samstag, 25. Juli, am Schloss Schönbrunn in Österreichs Hauptstadt los. Das Ziel im französischen Nizza musste mindestens bis Montag, 3. August, erreicht werden. Die Route bis dorthin musste von jedem Teilnehmer im Vorfeld individuell geplant werden. Als Vorgabe des Ausrichters galt es lediglich, drei harte Bergpässe zu überqueren: den Großglockner in den österreichischen Alpen, den Col du Sanetsch (Schweiz) sowie den Mont Ventoux (Frankreich), von dem aus der rund 450 Kilometer lange festgelegte Schlussabschnitt bis nach Nizza führte.

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„Bis auf diese Punkte konnten wir unseren Weg frei wählen. Die Routenwahl war dabei sehr unterschiedlich. Im Prinzip ging es um die Entscheidung, ob mehr Höhenkilometer gefahren werden, dafür etwas weniger Strecke, oder halt umgekehrt“, erklärt Stefan Moritz, der sich für die erste Variante entschied. Für ihn ging es über insgesamt 15 Bergpässe.

Fahren im Windschatten verboten

Bei diesem mehrtägigen Transkontinentalrennen waren die Teilnehmer auch in weiteren Entscheidungen frei. „Die Wahl des Rades, das Gepäck, die Zeit auf dem Rad, Essens- und Schlafzeiten – all das konnte ich selbst bestimmen. Dabei war allein die Vorbereitung schon eine Herausforderung“, verdeutlicht Moritz, der während des Rennens komplett auf sich allein gestellt war: „Hilfe von außen war verboten. Auch durften wir nicht mit anderen Teilnehmern in Gruppen fahren, denn auch Windschattenfahren war untersagt und hätte zur Disqualifikation geführt.“

Mit viel Euphorie startete der Ausdauerathlet in Wien und legte schon am ersten Tag eine beachtliche Strecke zurück. Doch nach einer kurzen Ruhepause folgte schon am zweiten Tag ein Rückschlag. Auf dem Weg hoch zur Edelweißspitze des Großglockners geriet Stefan Moritz in ein Gewitter, die Temperaturen fielen rapide. „Das war rückblickend betrachtet eine wichtige Erkenntnis: Du kannst dich optimal einstellen und auf vieles vorbereiten, nicht aber auf das Wetter. Auf dem Gipfel waren etwa drei Grad bei Wind und Regen, sodass ich meine Finger gar nicht mehr spürte, mich aber zu diesem Zeitpunkt unbedingt noch auf die Abfahrt begeben musste“, beschreibt Moritz den schwierigsten Moment seiner Tour. „Da habe ich im Prinzip zum einzigen Mal an Aufgabe gedacht.“

Radsportler Stefan Moritz aus Kirchlinteln

Viele Strapazen liegen hinter Stefan Moritz.

Foto: Björn Hake

Doch in der Folge lief es wieder besser. Kilometer um Kilometer wurden abgespult. Zeit für Land und Leute blieben da nicht. „Während du auf dem Rad sitzt, bist du im Tunnel. Da nimmst du nicht viel um dich herum wahr. Da wird man schon mal von Touristen komisch angeschaut, wenn man einen sehenswerten Pass überquert und nicht mal kurz die Aussicht genießt und ein Foto schießt“, schmunzelt der Abenteurer. Als sehr wechselhaft beschreibt er seine Stimmung während der langen Fahrt. „Das ist vielleicht auch etwas, das ich unterschätzt habe. Vieles läuft in Extremen ab. Da hast du Hochphasen, die Beine laufen super und schon sechs Stunden später verfluchst du die ganze Welt. Du hast Gegenwind, Durst, es ist heiß und du hast überall Schmerzen. Aber auch da kommt man durch. Ich war eigentlich immer froh, wenn es in die Berge ging und ich beim Anstieg meinen eigenen Rhythmus in einer guten Sitzposition finden konnte“, erklärt Stefan Moritz, der auf den Abfahrten, bei denen es für ihn mit teilweise bis zu 80 Kilometer pro Stunde den Berg hinunter ging, einige waghalsige Konkurrenten beobachten konnte.

Wobei – so wirklich als Konkurrenten sehen sich die Teilnehmer des TPBR nicht. „Am Ende geht es für alle vor allem darum anzukommen. Natürlich sind einige dabei, die so etwas schon fast professionell betreiben und da ganz anders rangehen. Aber allein die Tatsache, dass es für jeden nur ein Cappie mit den Namen aller Teilnehmer sowie im Ziel als Belohnung eine Büchse Gerstensaft gab, zeigt doch, dass es in diesem Rennen nicht um Preisgelder geht“, zollt Stefan Moritz der Leistung aller Finisher Respekt. Rund zwei Drittel aller Starter erreichten auch das Ziel im französischen Nizza.

Moritz landet auf Rang 43

Der Sieger, Ulrich Bartholmös, überquerte die Ziellinie schon nach fast genau vier Tagen und mit über sechs Stunden Vorsprung auf den Zweitplatzierten. Ganz in diesen Sphären war Stefan Moritz noch nicht unterwegs. Als 43. des Gesamtklassements erreichte er Nizza am Sonntag um 10.51 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt hatte er etwa 2200 Strecken- und über 30 000 Höhenkilometer in den Beinen. „Das Überqueren der Ziellinie war dann wider Erwarten komplett emotionslos. Physisch ging es zu diesem Zeitpunkt bei mir tatsächlich noch, aber der Kopf war total leer“, berichtet Stefan Moritz vom Abschluss der Tour.

Die körperlichen Strapazen wurden dann einige Tage später sichtbar. „Hände und Füße sind schon extrem, aber im Prinzip meldet sich der ganze Körper. Schlafen tue ich derzeit wie im Delirium, da gibt es einiges nachzuholen“, kommt Moritz während des Wettbewerbs auf keine 15 Stunden Schlaf: „Auch das kannst du vorher nicht wirklich planen. Ich hatte eine Art kleines Ein-Mann-Zelt dabei. Das schlägt man dann irgendwo auf und ist aber spätestens nach zwei bis drei Stunden wieder wach, weil man total durchgefroren und steif ist. Dann ging es wieder aufs Rad.“ Während des Rennens verpflegte er sich auf dem Bike in erster Linie mit energiereichen Gel-Packs oder Riegeln. In Städten oder Orten gab es dann auch schon mal Croissants bei einem Bäcker oder Nudeln in einer Pizzeria.

Viele Erfahrungen gesammelt

Trotz aller Tortouren glaubt Stefan Moritz, dass er mit solchen mehrtägigen Marathonrennen seine Leidenschaft entdeckt hat. „Am vorletzten Tag war ich noch in einem Tief und war mir sicher, dass ich so etwas nicht wieder mitmache. Doch schon im Ziel musste ich direkt schauen, wo es im nächsten Jahr hingeht“, erklärt Moritz. Mit den Erfahrungen aus diesem Jahr würde er bei einer zweiten Teilnahme schon das ein oder andere verändern. „Meine rund neunmonatige Vorbereitung war okay. Fit genug war ich, das sind im Übrigen alle Teilnehmer. Es geht um andere Dinge. So hatten fast alle eine externe Stromquelle am Rad, um ihre elektrischen Geräte aufzuladen. Mein Navi hielt rund 14 Stunden, dann musste ich sehen, dass ich bei einem Bäcker oder während einer Ruhezeit mal schnell an Strom kam. Zudem war ich wohl fast der einzige Teilnehmer, der ohne einen Triathlonlenker unterwegs war. Auch das würde ich im nächsten Jahr anpassen“, nennt er kleinere technische Begebenheiten.

Das das A und O sei aber die Routenplanung. „Da hatte ich am Ende einige Mehrkilometer auf dem Tacho, weil ich mich verfahren habe. Auch will es gut durchdacht sein, zu welchen Tageszeiten man Pässe oder Großstädte passiert. Es gibt bei mir also definitiv noch Optimierungsmöglichkeiten“, sagt Moritz. Nun gönnt der Kirchlintler seinem Körper zunächst einmal die dringend notwendige Erholung. In einigen Monaten startet dann vielleicht für ihn schon wieder die Vorbereitung auf die Teilnahme am „TPBR 2021“. Der Startschuss fällt wie immer in Wien. Als Ziel haben die Veranstalter dann Barcelona vorgesehen.

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