Lintler Krug

Sartre auf Platt

Mit zwei Vorführungen auf Plattdeutsch gastiert das Theater Spielart im Lintler Krug. Die Zuschauer dürfen sich unter anderem auf „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre freuen.
14.10.2020, 17:07
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Von Hermann Meyer
Sartre auf Platt

Freuen sich auf das Gastspiel: Petra Lindhorst-Köster (l.), Sigrid Lindhorst (r.) vom Kufö sowie Regisseur Thomas G. Willberger und Schauspielerin Inske Albers-Willberger vom Theater Spielart.

FOCKE STRANGMANN

Kirchlintelns Theaterfreunde können aufatmen und sich freuen: Im Lintler Krug wird Sonnabend, 31. Oktober, 20 Uhr, und Sonntag, 1. November, 15 Uhr, Hochkarätiges auf der Bühne in der Kulturdiele gezeigt – und zwar auf Plattdeutsch. Der Kirchlintler Kultur- und Förderverein (Kufö) bietet nach längerer Pause wieder eine Veranstaltung in Kirchlintelns historischer Ortsmitte an – in Zusammenarbeit mit dem Theater Spielart aus der Gemeinde Ahlerstedt im Landkreis Stade.

„Theater muss sein! Niederdeutsches Theater muss sein!“, findet Thomas G. Willberger, künstlerischer Leiter des kleinen Theaters. Der gemeinnützige Verein dahinter besteht aus einer Gruppe gleichgesinnter Theaterschaffender, die sich aus professionellen und semiprofessionellen Theaterfachleuten und an innovativer Theaterarbeit interessierten Amateuren im März 2017 gebildet hat. „Wir spielen für die Menschen, weil wir es uns als Kulturschaffende und weil sie es uns als Theaterinteressierte wert sind“, sagt Willberger. Das Theater Spielart ist nicht nur das einzige Ausbildungstheater dieser Art in Niedersachsen und ein anerkannter Partner der Ländlichen Erwachsenen-Bildung (LEB), sondern auch das einzige überregional agierende niederdeutsche Tourneetheater, mit der Zielsetzung, qualitativ hochwertige niederdeutsche Produktionen im ländlichen Raum zu etablieren. Dazu gehören im Herbst dieses Jahres Spielstätten in Fischerhude, Beverstedt, Kutenholz, Bad Bederkesa, Thedinghausen, Berne und eben Kirchlinteln.

Für die Spielzeit 2020 wurden im vergangenen Jahr drei Stücke eingespielt, von denen nun zwei im Lintler Krug aufgeführt werden: „Geschlossene Gesellschaft“ (auf Plattdeutsch: „Ünner uns“, übertragen von Inske Albers-Willberger), ein Schauspiel von Jean-Paul Sartre und „My Name is Peggy“, eine Komödie von Marc Becker. Da fragen sich doch gleich viele, Sartre auf Platt? Das geht doch gar nicht, oder? Geht doch.

Erfahrungen aus Kriegsgefangenschaft

Der französische Philosoph und Publizist Jean-Paul Sartre schrieb in den Jahren 1943/44 das Theaterstück „Huis clos“ („Geschlossene Gesellschaft“). Das Drama handelt von einem Mann und zwei Frauen, die sich mit allen Tricks des Psychoterrors gegenseitig das Leben zur Hölle machen, wo sie der Fiktion nach schon sind. Als „Huis clos“ am 27. Mai 1944 einen Skandalerfolg auslöste, bestätigte es Sartre als eine zentrale Figur im intellektuellen Paris der Zeit. Sartre erklärte später, dass ihn seine Erfahrungen als Kriegsgefangener zur Wahl dieser Situation inspiriert hätten. Durch das Zusammengepferchtsein, das Leben unter dem ständigen Blick der anderen im Stalag (Stammlager) sei eine Hölle entstanden, die er nie vergessen habe. Die heutige Gedenkstätte Sandbostel (Landkreis Rotenburg) war zum Beispiel ein Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlager.

„Sartre auf Plattdeutsch gibt es nur bei uns“, sagt Willberger und betont zugleich, dass es, wie sonst bei plattdeutschen Stücken meistens üblich, kein Schenkelklopfer-Theater sei. Darum werde diese rund 80 Minuten dauernde Vorführung auch beispielsweise in Bad Bederkesa einmal auf Hochdeutsch und am nächsten Tag auf Plattdeutsch aufgeführt. „Sartre ist eine Bereicherung, ist spannend, weil es um Familienbande, Beziehungen im Spannungsdreieck geht“, ergänzt Thomas G. Willberger, der gleichzeitig Autor, Regisseur und Hochschuldozent ist – und wie alle anderen Akteure ehrenamtliche Kulturarbeit leistet. Der Verein zahlt pro Saison 5000 bis 7000 Euro dazu. Geld werde nicht eingespielt durch das Theater, und eine Produktion koste für zwei Stücke 16 000 Euro. „Der Druck von Heften, Plakaten und Programmen kostet uns jedes Mal rund 280 Euro – das leisten wir uns“, sagte der Regisseur.

„Man dröff doch nich glieks een Hund dotföhrn, um an miene Telefonnummer to komen“, sinniert Inske Albers-Willberger als Peggy in der Komödie „My Name is Peggy“. Eine Frau im besten Alter gewährt fröhlich parlierend in dem Ein-Personen-Stück Einblicke in ihr monoton verlaufendes Privatleben. Sehnsüchte und Enttäuschungen dominieren ihr Singledasein, und sie nimmt kein Blatt vor den Mund, um das Publikum zu den Wechselbädern ihrer Stimmungs- und Gefühlslagen mitzunehmen. „Letztendlich geht es darum, wie abhängig Frau von der Männermeinung ist“, erläutert Willberger.

Geschrieben hat das circa 40 Minuten lange Stück Marc Becker. Der 1969 in Bremen Geborene war unter anderem von 2006 bis 2014 als Hausautor und Hausregisseur am Oldenburgischen Staatstheater engagiert. Ins Plattdeutsche übersetzte Norbert Pfeiffer das Theaterstück.

„Plattdeutsch ist doch so eine nette, blumige Sprache, bisweilen eine Verniedlichung – es kann aber genauso gehetzt werden wie im Hochdeutschen“, sagt Willberger abschließend und macht neugierig auf die beiden Stücke Ende Oktober und Anfang November im Lintler Krug. Der Kufö-Vorstand hat dafür in Absprache mit der Verwaltung ein Hygienekonzept entwickelt.

Anmeldungen erforderlich

Der Einlass erfolgt jeweils 45 Minuten vor Beginn der Veranstaltung. Aufgrund der begrenzten Anzahl von Sitzplätzen ist eine vorherige verbindliche Anmeldung unter der Rufnummer 01 70/ 6 77 49 27 oder per E-Mail an krugevents@gmx.de erforderlich. Die Vergabe der Plätze erfolgt nach der Reihenfolge der Anmeldung. Der Eintrittspreis von zwölf Euro wird am Tag der Veranstaltung vor Ort erhoben.

„Zwei Veranstaltungen im Januar und Februar konnten wir machen“, erzählt Sigrid Lindhorst, Pressesprecherin des Kufö, „dann haben wir alles Geplante abgesagt“. Dazu gehörten neben vier Veranstaltungen auch das Singen unter den Linden und die freitäglichen Radtouren. Eventuell soll im Dezember noch ein Theaterstück für Kinder in der Kulturdiele des Lintler Krugs aufgeführt werden, so die Planung des Kultur- und Fördervereins. Fest steht das allerdings noch nicht.

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