Blick zurück

Gaststätte als Ortsmittelpunkt

1874 nahm in Etelsen Hermann Hinrich Rotermund den Betrieb eines Gasthauses auf. Bis zur Schließung der Gaststätte im Zentrum der Ortes 2005 folgten zahlreiche weitere Betreiber. Ein Blick zurück.
28.10.2020, 16:18
Lesedauer: 4 Min
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Von Rainer Pöttker

15 Jahre ist es her, dass die Traditionsgaststätte „Zum Mittelpunkt“ in Etelsen nach mehr als 130-jähriger Ausschank-Geschichte ihre Pforten schloss. Im Herbst 1874 hatte alles seinen Anfang genommen, als der Schmied Hermann Hinrich Rotermund beim hohen Amte in Achim den Antrag stellte, in seinem Hause mit der Brandkassennummer 74 neben der gut florierenden Schmiede eine Gastwirtschaft mit Übernachtungsmöglichkeit einzurichten. Die Genehmigung ließ nicht lange auf sich warten, die Räumlichkeiten entsprachen den damaligen Vorgaben. Zum 1. Oktober 1874 konnte nach der Erledigung einiger Auflagen das erste Bier den Zapfhahn verlassen. Leider erlebte Schmiedemeister Rotermund den künftigen Aufschwung nicht mehr, er starb schon im August 1877 und die Konzession ging auf seine Ehefrau Katherine über.

Inzwischen hatte in der mittlerweile aufgegebenen Schmiede eine Backstube aufgemacht und Sohn Wilhelm Rotermund schrieb 1893 an den Kreisausschuss in Achim folgendes Gesuch: „Seit einem Jahr ist meine Mutter erkrankt, selbstverständlich trete ich in jeder Weise für sie ein und nehme ihr jede Sorge und Last möglichst ab. Dankenswerter Weise hat sie mir die Anbaustelle 74 verpachtet, die Gastwirtschaft aber für sich behalten. Nun möchte ich darum bitten, statt ihrer das Gewerbe weiterzuführen. Das Fortbestehen der Wirtschaft ist auch ein Bedürfnis. Etwa in der Mitte von Etelsen in der Nähe zweier gut beschäftigter Schmieden gelegen, wird unsere Stelle unmittelbar von der Chaussee Hagen-Grinden nach Grasberg und Ottersberg berührt, während an der östlichen Seite die Verden-Bremer Heerstraße vorbeiführt. Der Verkehr auf diesen Straßen ist sattsam bekannt! Er alleine würde das Bestehen einer Gastwirtschaft rechtfertigen.“

Keine Zusage zu Kaisers Zeiten

Ohne abgeleisteten Militärdienst gab es zu Kaisers Zeiten aber keine Zusage und der Leumund musste auch stimmen. Das bestehende Nebengewerbe mit Backstube und Hokenhandel ohne Gehilfen und Lehrlinge wurde genehmigt. Es konnten genügend Pferde untergebracht werden, die Dunggrube und der Brunnen lagen in ausreichender Entfernung vom Hause. Toiletten im heutigen Sinne gab es nicht und die Geschäfte wurde außen in einem kleinen Nebengebäude oder im Freien erledigt.

Am 6. Dezember 1893 bekam Wilhelm Rotermund die erwünschte Konzession. Anfang des 20. Jahrhunderts erlebten die Gaststätten eine bis dahin nicht dagewesene Blüte und nahmen im Dorfe eine wichtige Stellung ein. An diesem Aufschwung hatte das aufstrebende Vereinsleben einen maßgeblichen Anteil. Die Geschäfte liefen auch in Etelsen gut und Rotermund dachte an den Neubau eines größeren Hauses. Dieses entstand um 1908 und war ein wahres Schmuckstück mit sehr ansprechendem Äußeren und optimalen Räumlichkeiten, wo es nicht nur etwas zu feiern gab. Mit dem Tanzsaal im Obergeschoss und der Gaststube mit Stammtisch im Erdgeschoss konnte bei schönem Wetter der einladende Biergarten die Etelser und andere Gäste begeistern, ebenso „kaffeesierte“ man gerne unter altem Baumbestand. Der Radfahrverein und die Turner und Tänzer des TSV Etelsen fanden hier ihr Stammlokal und Vereinsmittelpunkt für Kunstradfahrvorstellungen, Turnübungen und den obligatorischen Kommerz im November mit rauschenden Festen, an die man sich heute noch rückblickend gerne erinnert.

Haus wurde verkauft

Wilhelm Rotermund hatte aber nicht mehr viel Freude an seinem neuen Gasthaus, er verstarb mit 40 Jahren im Sommer 1911 und die Angehörigen entschlossen sich, das Haus zu verkaufen. Anfang 1912 bemühte sich Friedrich König als Käufer der „Rotermundschen Wirtschaft“ um die Konzessionserteilung für den Gaststättenbetrieb. Er wollte das Geschäft in der altbekannten, soliden Weise weiterführen und bekam die Konzession bereits am 16. März 1912.

Auch Gastwirt König konnte sich nur 13 Jahre über seine gutlaufende Schenkwirtschaft erfreuen, seine Witwe verpachtete das Haus mit allem Inventar und Räumlichkeiten 1925 an Hermann Friedrich Spanuth für zunächst sechs Jahre. Vor der Übergabe gab der Landrat aus Achim eine Meldung an das Landjägeramt in Baden, die „stillen Örtchen wären vom Saale aus als auch von der Gaststube namentlich bei Dunkelheit kaum zu finden, die Zugänglichkeit und die Anzahl ließen zu wünschen übrig".

Die Mängel wurden abgestellt und der gelernte Bankkaufmann aus Bremen führte das Lokal bis 1950, als die Witwe Frieda Spanuth auf die Ausübung der Konzession verzichtete und die Erlaubnis zum Weiterbetrieb als „Ländliche Bierwirtschaft“ an den Gastwirt Hans True überging. Dieser blieb nur bis 1952, als das junge Paar Gertrud und Ehler Blohme mutig den Schritt in die Selbstständigkeit wagte und den Pachtvertrag zur Bewirtschaftung von „Königs Gasthaus“ mit einem kleinen Kaufmannsladen abschloss. Das Gasthaus wurde nun zum Mittelpunkt in Etelsen und auch so benannt. Es ging in den „Wirtschafts-Wunderjahren“ stetig bergauf unter Mudder Blohmes Händchen und man fühlte sich wohl. Im Gasthaus „Zum Mittelpunkt“ erloschen am 31. Dezember 2005 die Lichter und Gertrud Blohme ging mit 85 Jahren – 53 Jahre davon hinterm Tresen – in den wohlverdienten Ruhestand.

An dem Ort an der heutigen Dorfstraße kommen die Menschen aber auch jetzt noch gerne zusammen, denn es hat sich in den Räumen ein beliebtes Eiscafé etabliert. Damit bleibt der Eingangsbereich im Erdgeschoss traditionsgemäß als Begegnungsstätte mit einer sehr langen Geschichte erhalten. Und auch die Fassadengestalt des ortsbildprägenden Gebäudes aus der Kaiserzeit ist trotz einer nötigen Verjüngungskur der Bausubstanz erhalten geblieben.

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