Behinderten-Einrichtungen im Kreis Verden

Tagesstrukturen sollen in der Corona-Krise Halt geben

Die Corona-Pandemie trifft auch Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. So haben die Verdener Lebenshilfe und die Stiftung Waldheim in Cluvenhagen zurzeit mit den neuen Herausforderungen zu kämpfen.
03.04.2020, 15:49
Lesedauer: 3 Min
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Von Antonia Blome
Tagesstrukturen sollen in der Corona-Krise Halt geben

Oscar Schouten ist Fachbereichsleiter Wohnen der Stiftung Waldheim.

Stiftung Waldheim

Der tägliche Spaziergang in den drei Kilometer entfernten Supermarkt ist eigentlich ein fester Ritual von Wolfgang Meyer. Doch derzeit darf der Bewohner der Stiftung Waldheim in Cluvenhagen nicht mehr einkaufen gehen und muss dies einem Mitarbeiter überlassen. „Klar findet er das doof“, weiß Oscar Schouten, Fachbereichsleiter Wohnen der Stiftung. Aber viele Menschen mit einer Behinderung gehören nun einmal in Bezug auf das Coronavirus zur Risikogruppe. Daher stehen Einrichtungen für Menschen mit Behinderung zurzeit vor großen Herausforderungen und neuen Aufgaben.

"Die Beschränkung sozialer Kontakte trifft diese Menschen doppelt hart, da ihre Teilhabe ohnehin nicht selbstverständlich ist“, erzählt Schouten. Er erlebt nun hautnah, wie die Corona-Pandemie das Leben in der Einrichtung veränder. „Wir haben schon frühzeitig angemessene Sicherheitsvorkehrungen getroffen und erweitern diese nach Bedarf täglich“, berichtet er. Ein Krisenteam komme regelmäßig zusammen, um die aktuelle Situation zu beurteilen und alle Mitarbeiter würden tagesaktuell über präventive Maßnahmen auf dem Laufenden gehalten.

Zu den Hauptaufgaben der Fachkräfte im Waldheim gehöre es, Menschen mit einer geistigen Behinderung den Ernst der Lage zu verdeutlichen. „Wir arbeiten viel mit einfacher Sprache, Bildkarten und Piktogrammen“, erzählt Schouten. Der Alltag für die dort lebenden Menschen habe sich durch die vorsorgliche Schließung der Tagesförderstätten, Förderschule und Waldheim-Werkstätten schlagartig verändert. Viele Anlaufpunkte seien nun geschlossen, alle Freizeitangebote auf Eis gelegt und niemand dürfe das Gelände verlassen. Daher sei der Erhalt der Tagesstruktur besonders wichtig, denn diese gebe den Bewohnern Halt und Stabilität.

„Spüren eine große Solidarität“

Gesellig gehe es im Waldheim trotz der Einschränkungen zu: „Die Wohngemeinschaften kochen und backen viel zusammen, Musik und Spiele stehen verstärkt auf dem Programm und ein bisschen länger schlafen können auch alle“, beschreibt Schouten. Unterstützung bekämen die Mitarbeiter aus dem Bereich Wohnen von ihren Kollegen aus der Tagesförderung, Schule und Werkstatt. „Wir spüren eine große Solidarität untereinander, auch seitens der Angehörigen und Familien“, erzählt er.

Zurzeit werde versucht, den Kontakt zwischen den Bewohnern und ihren Familien auf digitalem Wege zu ermöglichen. Die moderne Telekommunikation helfe auch bei Bewerbungsgesprächen, denn die Bemühungen, junge Erwachsene für eine Tätigkeit im sozialen Bereich zu gewinnen, würden in der Stiftung Waldheim nicht abreißen. „Wir fahren derzeit eine Kampagne in den sozialen Netzwerken und führen die Bewerbungsgespräche über Skype“, erzählt der Heilerziehungspfleger.

Grundlegende Veränderungen

Nicht nur die Stiftung Waldheim, sondern auch die Lebenshilfe Rotenburg-Verden begegnet zurzeit grundlegenden Veränderungen. Die Werkstätten der Lebenshilfe sind vorerst bis zum 18. April geschlossen. Die Beschäftigten gehen somit tagsüber nicht mehr ihrer Arbeit nach, sondern bleiben zu Hause, bei ihren Eltern oder in den Wohneinrichtungen. Aber wie verläuft der neue Alltag bei der Lebenshilfe und wie kommen alle Beteiligten mit der neuen Situation zurecht? Vor allem sei es laut Hans-Joachim Hopfe, Bereichsleiter Wohnen, nun wichtig, den Alltag in den Wohnbereichen weiterhin zu strukturieren. Natürlich stelle diese Aufgabe das Team vor personelle Herausforderungen. „Wir waren auf die Situation aber gut vorbereitet“, erklärt Hopfe. Frühzeitig seien Dienstpläne um- und neu aufgestellt worden. Die Unterstützung anderer Mitarbeiter, etwa aus dem Bereich der Werkstätten und den Schulassistenzen sei dabei eine große Hilfe. Die Arbeitsbelastung sei im Wohnbereich hoch: „Das Personal leistet sehr viel und ist am Limit“, betont der Bereichsleiter.

Zusammen Spiele spielen, Geschichten vorlesen, Spaziergänge an der frischen Luft, eine Tagesstruktur schaffen – so sehe der Alltag aktuell aus. Des Weiteren wurde bereits Mitte März ein Betretungsverbot für Besucher der Wohneinrichtungen erlassen. Nur in begründeten Ausnahmefällen und bei telefonischer Absprache dürfen Angehörige die Bewohner nun besuchen.

Obwohl auch die Lebenshilfe-Mitarbeiter alles versuchen, den Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen die Situation in leichter Sprache zu erklären, handele es sich natürlich um eine Belastung für die Bewohner und es flössen auch mal Tränen, erzählt Hopfe. Ein großes Problem sei außerdem der Mangel an Schutzkleidung. In Bezug auf diese Problematik fänden Einrichtungen für Menschen mit Behinderung im Gegensatz zu Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen leider kaum Erwähnung.

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