Stiftung Waldheim

Erleichterung nach schwieriger Zeit

Plötzlich war die Stiftung Waldheim ein Corona-Hotspot und Anfang November stand eine kollektive Hausquarantäne an. Diese konnte nun wieder aufgehoben werden, in Cluvenhagen heißt es kräftig durchatmen.
20.11.2020, 15:56
Lesedauer: 4 Min
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Erleichterung nach schwieriger Zeit
Von Marius Merle
Erleichterung nach schwieriger Zeit

Nahezu 1000 Testungen seit Mitte Oktober fanden allein in der Stiftung Waldheim statt.

Stiftung Waldheim

Der Schreck saß Anfang des Monats allen in den Gliedern, als die offizielle Nachricht kam, das Gesundheitsamt plane einen General-Lockdown für die Stiftung Waldheim. Alle Bewohner, die auf dem Gelände in Cluvenhagen leben, mussten vorsorglich unter kollektive Hausquarantäne. Anlass war das aktive Infektionsgeschehen innerhalb der Einrichtung. Wie berichtet, waren in der zweiten Oktoberhälfte über 50 Personen positiv getestet worden. „50 Bewohner und Mitarbeiter von insgesamt über 800 Personen. Wir sprechen also von gut sechs Prozent“, relativiert Vorstandsmitglied Carl-Georg Issing. Dennoch sei jeder Infizierte natürlich einer zu viel. "Zu unserer großen Erleichterung und Freude hatte die Mehrheit der Erkrankten eher milde Verläufe“, sagt Issing, der nun auch Positives vermelden kann. Denn der Lockdown konnte in dieser Woche zur Freude aller wieder aufgehoben werden. Für die Stiftung Waldheim sei die Infektionslage somit weitestgehend bewältigt.

Vorarbeit zahlte sich aus

Für alle Beteiligten sind die vergangenen Wochen aber sehr nervenaufreibend gewesen. Dabei war die Stiftung Waldheim eigentlich gut vorbereitet gewesen. Zusammen mit seinem Vorstandskollegen Dieter Haase, dem Betriebsratsvorsitzenden und weiteren Leitungskräften der Stiftung gründete Issing bereits im März dieses Jahres ein Krisenteam. Hier wurden ein Pandemiekonzept entwickelt, Quarantänebereiche – zunächst vorsorglich – eingerichtet, Vorräte angelegt, „Worst Case-Szenarien“ durchgespielt und Personal geschult. „Was anfangs in der Theorie schlüssig klang, stellte sich später in der Praxis auch weitestgehend als richtig heraus“, sagt Issing. „Allerdings machten wir die Rechnung ohne den Menschen. Denn als die ersten Corona-Fälle da waren, kam bei einigen auch die berechtigte Angst, sich anzustecken.“

Alle standen unter Strom: Tägliches Körpertemperaturmessen, Tagebuch führen über eventuelle Krankheitszeichen, AHA+L-Regeln einhalten und vieles mehr. Die Haustechnik musste über Nacht Quarantäneschleusen einrichten, die Hygieneanforderungen und das Wäschevolumen in der stiftungseigenen Wäscherei stieg auf das Vielfache bei deutlich weniger Arbeitskräften, denn die Beschäftigten waren in Kollektivquarantäne. Bisher gab die Stiftung Waldheim nach eigenen Angaben 150 000 Euro allein für Schutzkleidung aus. „Die eigentliche Herausforderung jedoch lag und liegt darin, die beeinträchtigten Bewohner mitzunehmen“, sagt Issing. Es habe sehr viel Kreativität verlangt, die Bewohner in den Wohngemeinschaften unter Einhaltung der Abstands- und Hygienevorschriften sinnvoll zu beschäftigen.

Zudem wurden alle Bewohner mehrfach getestet, teilweise bis zu fünfmal. "Natürlich hat das für Widerstand gesorgt. Viele hatten große Angst vor den fremden Menschen in Vollschutzkleidung", berichtet Issing. Insbesondere sei dies der Fall gewesen, als in der letzten Woche ein zwölfköpfiges Bundeswehrteam anrückte, um die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes zu unterstützen. „Niemand lässt sich gern einen Testungsstab tief in die Nase führen“, schildert das Vorstandsmitglied. Bei etlichen Bewohnern habe das blanke Panik ausgelöst. "Eine echte Meisterleistung der Kollegen, alle mehrmals zum Testen zu bewegen“, befindet Issing und nennt Gesamtzahlen: 1850 Tests in knapp fünf Wochen, davon über 500 auf Eigeninitiative der Stiftung Waldheim, die auch die Kosten dafür in Höhe von 30 000 Euro zu tragen habe.

„Bei all unserer Sorge um die Unversehrtheit der Bewohner, dürfen wir nicht vergessen, dass die Selbstbestimmung und die Selbstständigkeit von Menschen mit Behinderung stets zu respektieren sind. Unsere Aufgabe ist es, ihre Teilhaberechte an einem Leben in der Gesellschaft zu achten“, sagt Issing. Das sei natürlich schwer zu leisten, wenn das Gebot der Stunde häusliche Quarantäne für alle heißt – unabhängig davon, ob man kerngesund, ein Verdachts- oder ein Infektionsfall ist.

Mitarbeiter rücken zusammen

Der Vorstand der Stiftung Waldheim findet lobende Worte für die Kooperationsbereitschaft aller Beteiligten, ohne die eine so große Krise nicht zu meistern gewesen sei. „Wir haben sehr viel gelernt und wichtige Erfahrungen gemacht. Corona ist keine Frage von Schuld, sondern von Aufgaben“, sagt Issing. Nachdem plötzlich von einem Tag auf den anderen Betreuungskräfte fehlten, seien die verbliebenen Mitarbeiter zusammengerückt und bildeten sehr engagiert neue Teams. Kollegen aus anderen Bereichen sprangen solidarisch ein und leisteten Extraschichten.

Viele Mitarbeiter meldeten sich laut Oscar Schouten, Fachbereichsleiter Wohnen, freiwillig für den Einsatz mit Vollschutzkleidung in Quarantäne-WGs, obwohl dieser Dienst mit einer sogenannten B-Quarantäne einherging. Das bedeutete für sie, dass das Zuhause nur noch zum Aufsuchen des Arbeitsplatzes verlassen werden durfte. Keine Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder Fahrgemeinschaften, nicht einmal tanken war erlaubt. „Keine leichten Bedingungen, auch nicht für die Familien der Kollegen, denn die mussten natürlich mitspielen“, weiß Schouten. Die Stiftung habe neben mentaler Unterstützung versucht, durch Gratis-Pizzalieferungen oder Care-Paketen mit Lebensmitteln zu helfen.

Nun heißt es erst einmal durchatmen, und am liebsten würden die Waldheimer nun das Ende der Zwangsquarantäne auch kräftig feiern. „Aber Corona ist noch nicht überstanden, der Winter ist lang. Also bleiben wir gemeinsam verantwortungsvoll und stoßen an, wenn die Zeit dafür gekommen ist", betont Issing, dass die Party nun erst einmal gedanklich stattfinden müsse.

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