Projekt „Vertrauensfabrik“

„Das Bewusstsein muss weiterwachsen“

Die Familie Hilger aus Langwedel möchte mit dem Projekt „Vertrauensfabrik“ für eine nachhaltigere Lebensweise werben, um die Welt für die nächsten Generationen zu einem besseren Ort zu machen.
17.04.2020, 16:00
Lesedauer: 3 Min
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„Das Bewusstsein muss weiterwachsen“
Von Marius Merle
„Das Bewusstsein muss weiterwachsen“

Jens und Jana Hilger mit ihren Kindern haben die "Vertrauensfabrik" ins Leben gerufen.

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Groß geworden ist Jana Hilger auf einem Bauernhof. „Kühe künstlich befruchten lassen, ihnen die Kälber wegnehmen, um Milch für den menschlichen Verzehr zu gewinnen? Völlig normal“, erinnert sie sich zurück – mit ungutem Gefühl. Sie habe viel Leid gesehen und vieles nicht verstanden. „Mir wurde vorgelebt: Das muss so.“ Noch lange Zeit habe sie dies auch geglaubt, bis sich an einem Tag 2018 alles veränderte. Nun versucht die Langwedelerin, gemeinsam mit ihrer Familie in vielen Bereichen für Aufklärung zu sorgen und einen Teil dazu beizutragen, dass die Welt zu einem etwas besseren und nachhaltigerem Ort wird. Dafür haben die Hilgers vor rund zwei Jahren die „Vertrauensfabrik“ als Familienprojekt gegründet.

Die Idee dazu hatte Jens Hilger bereits 2013, jedoch war sie ursprünglich gedacht als eine Plattform für Unternehmen, auf der sie sich gegenseitig bewerten können. Nach einigen Gesprächen sei es dann mehr darum gegangen, welchen Unternehmen die Endkonsumenten vertrauen können. Gedanken rund um die Zukunft ihrer Kinder machte sich das Ehepaar, das sich 2014 in Langwedel niedergelassen hat, verstärkt einige Monate nach der Geburt der Tochter 2016. Im Oktober 2018 erschien dann der erste Blogbeitrag auf der Seite www.vertrauensfabrik.de, im Mai 2019 das erste Interview auf dem YouTube-Kanal – geführt vom damals siebenjährigen Sohn Kian. Er spricht mit Erwachsenen, „die sich bereits verändert haben und heute nachhaltiger leben“, schildert Mutter Jana Hilger.

Als erstes Produkt der Vertrauensfabrik ist ein „Kleiner Weltretter-Fahrplan“ mit 25 Tipps für ein nachhaltigeres Leben über die Webseite erhältlich. „Wir zeigen, wie einfach es ist, die Umwelt zu schützen und nebenbei Geld zu sparen – und dass es wahnsinnig Spaß macht, wenn man Erfolge erntet“, will die 37-Jährige betont haben. Mit dem „Fahrplan“ gebe man Anregungen und kläre darüber auf, „was vielen Menschen gar nicht bewusst ist oder einfach im Alltag in Vergessenheit geraten ist“. Dafür habe die Familie ihre eigenen Ergebnisse aus stundenlangen Recherchen kompakt und leicht verständlich zusammengefasst, um die Botschaft zu vermitteln: „Du kannst jeden Tag beginnen, ein Weltretter zu sein – warte nicht!“

Wie schnell ein Umdenken und das Umstellen von Gewohnheiten erfolgen kann, dafür ist die Familie Hilger selbst ein gutes Beispiel. Noch 2017 bis 2018 habe das Ehepaar eine Low-Carb-Diät gemacht und sich überwiegend von tierischem Protein ernährt. Täglich Käse, täglich Fleisch. „Ein Video auf Facebook eines Abends hat alles verändert. Es zeigte ein Rind, welches auf sehr brutale Weise kurz vor der Schlachtung gequält wurde. Auch wenn ich ähnliche Bilder kannte, kamen mir plötzlich die Tränen. Ich hinterfragte das ganze System“, blickt Jana Hilger zurück.

Fleisch sei nun tabu gewesen, wenige Monate später verschwanden auch die Milchprodukte aus dem Kühlschrank. Bis ihr Mann Jens seine Sichtweise ebenfalls in dieser Form veränderte, musste das Paar einige nervenaufreibende Monate durchstehen. Besorgniserregende Fakten hätten den 41-Jährigen aber letztlich zum Umdenken bewegt. „Wir haben nur einen Planeten, jedoch leben wir, als hätten wir noch zwei in Reserve“, befindet Jana Hilger und fügt an, dass die richtige Ernährung nicht nur für die Natur von Bedeutung sei, sondern auch für die eigene Gesundheit.

Aber der Langwedelerin und ihrer Familie geht es nicht nur um ein Umdenken im Bereich des Lebensmittelkonsums. Auch andere Produkte und Hersteller, zum Beispiel für Kleidung, sollten hinterfragt werden. „Bevor wir versuchen, unsere Kinder zu ändern, müssen wir bei uns anfangen“, sieht das Ehepaar jeden in der Verantwortung. Vor allem sollte niemand darauf warten, dass die Politik einen Befehl gibt. „Es liegt an uns Verbrauchern, wir steuern das System. Wir können die Welt zu einem besseren Ort für unsere Kinder machen“, sagt Jana Hilger. Während der Corona-Krise würden die Menschen aktuell merken, dass sie sich einschränken können. „Auch wenn es nicht leicht ist, ist es dennoch möglich“, sieht sie den aufgezwungenen Verzicht auch als Chance für die Zukunft.

Erfreulicherweise gebe es schon viele Menschen, die täglich etwas Positives im Hinblick auf ein nachhaltiges Leben tun. Sei es öfter das Fahrrad zu nutzen, Verpackung einzusparen, mehr pflanzliche Produkte zu konsumieren, vorwiegend gebrauchte Kleidung zu kaufen, Lebensmittel vor der Tonne zu retten oder Müll zu sammeln. Möglichkeiten gebe es laut Jana Hilger unendlich viele. „Das Bewusstsein muss jedoch weiterwachsen. Und da sehen wir uns als Hilfe“, sagt die 37-Jährige. Aktuell seien für die Vertrauensfabrik drei weitere Projekte in Arbeit. Eines werde noch dieses Jahr erscheinen. An Ideen mangele es nicht – nur ein wenig an Zeit, wie Hilger sagt. „Denn wir arbeiten für unser Familienprojekt ausschließlich abends und am Wochenende: für uns, für unsere Kinder und für alle, die sich eine nachhaltigere Zukunft wünschen.“

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