Spiel meines Lebens – Stefan Danylyszyn Ein ganzer Ort steht Kopf

Das Relegationsduell des TSV Etelsen mit dem TuS Bodenteich aus der Saison 2007/08 ist bis heute ein wichtiger Bestandteil der Etelser Vereinsgeschichte. Stefan Danylyszyn erinnert sich an das Spiel zurück.
05.02.2021, 18:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Dennis Glock

Relegationsspiele sind in der Welt des Sports besonders für ihre Dramatik bekannt. Egal, ob beim Sieger oder Verlierer – am Ende fließen häufig Tränen. So auch bei Stürmer Stefan Danylyszyn, der mit den Fußballern des TSV Etelsen in der Saison 2007/2008 das Wunder vollbrachte und den Aufstieg in die Bezirksoberliga schaffte. Das alles entscheidende Relegationsspiel gegen den TuS Bodenteich war allerdings nichts für schwache Nerven. Nach einem denkwürdigen Spiel, das erst im Elfmeterschießen seinen Sieger fand, gab es bei den Schlossparkkickern kein Halten mehr. Mit emotionalen Erinnerungen und zum Teil lustigen Anekdoten blickt Danylyszyn auf den 15. Juni 2008 zurück – zum Spiel seines Lebens.

Ein Grundstein für das blau-weiße Fußball-Märchen wurde bereits im Sommer 2007 gelegt: Der Turniersieg bei der Badener Sportwoche sorgte für Rückenwind. Es folgte ein tadelloser Start in die Bezirksliga-Saison. Schnell setzte sich der Abstiegskandidat aus der Vorsaison in der Spitzengruppe fest. Dies lag vor allem an einer Etelser Mannschaft, die von vorne bis hinten hochkarätig besetzt war: Das Tor hütete Eugen Deschner, der keine Kompromisse kannte. Die Abwehr bestand unter anderem aus Dennis Müller, Jörg Nienstädt und Cuma Avanas. Letzterer avancierte in dieser Saison zum unverzichtbaren Abwehrchef. Das junge Mittelfeld wurde angeführt vom Mittelfeld-Trio Davut Kilinc, Timo Schulz und Philipp Kraus. Auf der Außenbahn machte Nikolaj Schweizer über rechts Dampf, Stefan Huhn gefiel als Spielmacher mit makelloser Elfmeterquote. In der Sturmspitze liefen die Torjäger Torjäger Niko Meinke und Stefan Danylyszyn regelmäßig zur Höchstform auf. „Wir waren ein bunter Haufen, der von Anfang an zu einem eingeschworenen Team verschmolz. Einfach eine coole Truppe“, erinnert sich Stefan Danylyszyn.

Mit Bussen nach Gnarrenburg

Im Laufe der Saison entwickelten sich die Schlossparkkicker zu einem echten Spitzenteam. Eine Serie von Siegen führte das Team von Trainer Jens Dreyer bis auf den ersten Tabellenplatz. Dabei überzeugten die Blau-Weißen besonders in der Offensive. Denn die harmlose Abschlussschwäche aus der Vorsaison war seit Beginn der Spielzeit wie weggeblasen. Bis zum letzten Spieltag deutete alles auf die Bezirksliga-Meisterschaft hin. Dementsprechend fuhr das Team mitsamt zahlreicher Fanbusse und kistenweiser Kaltgetränke zum letzten Saisonspiel nach Gnarrenburg.

Gegen den Abstiegskandidaten gingen die Etelser als haushoher Favorit in die Partie. Was sich allerdings dann auf dem Platz abspielte, wusste keiner der Beteiligten so richtig einzuordnen. Der TSV Gnarrenburg spielte die Gäste förmlich an die Wand und ließ der Dreyer-Elf keine Chance. Die satte 0:5-Pleite wirkte sich zudem negativ auf die Tabelle aus. Kurz vor dem Ziel fiel der TSV Etelsen auf den zweiten Platz und verpasste den direkten Aufstieg. Es blieben aber zwei Endspiele in der Relegation gegen den MTV Bokel und den TuS Bodenteich. „Nach dem Schlusspfiff waren wir alle fassungslos. Sekt und Bier waren bereits kaltgestellt und bereit, zum Einsatz zu kommen. Ein sehr bitterer Tag für uns“, sagt Danylyszyn heute über den Misserfolg.

Keine Frage: Den Aufstieg in die Bezirksoberliga hätten die Schlossparkkicker zweifelsohne schneller und einfacher haben können. Die Emotionen wurden den Blau-Weißen zum Schluss aber zum Verhängnis. So verlängerte sich die Saison kurzerhand um zwei Wochen. „Das war schon ein brutaler Nackenschlag für uns, mit dem wir erstmal klar kommen mussten“, erklärt Danylyszyn.

Klarer Sieg zum Relegations-Auftakt

Im ersten Relegationsspiel gegen den MTV Bokel in Oldendorf hatte der TSV die Nase klar vorne. Ein 6:0-Sieg sprang heraus. Hierbei zeigte sich die Dreyer-Elf wieder von ihrer besseren Seite. Nach dem Kantersieg gegen Bokel war nun also alles angerichtet für das alles entscheidende Endspiel am 15. Juni. Hierfür reiste Goalgetter Danylyszyn mit seinem Team nach Soltau, wo es auf den TuS Bodenteich traf.

„Wir waren von Anfang an gut in der Partie, hatten aber mit den Nerven zu kämpfen. Dabei leisteten wir uns den einen oder anderen Patzer.“ So kassierten die Blau-Weißen bereits in der Anfangsphase ein einfaches Gegentor und lagen mit 0:1 zurück. Dieser Treffer fungierte allerdings als eine Art Hallo-wach-Effekt. Von Heiner Jäger, Marc Fromme und Stefan Huhn angeführt und angetrieben bliesen die Schlossparkkicker fortan wieder zur Attacke.

Stefan Huhn, der von allen nur „Chicken“ genannt wurde, brachte den Favoriten wieder in die Spur und glich per Elfmeter zum 1:1 aus. Nur wenige Minuten später ging Etelsen durch einen wuchtigen Rechtsschuss von Torjäger Niko Meinke mit 2:1 in Führung. Die Partie war aus Sicht des Teams von Jens Dreyer gedreht und es war ganz nah dran, den Aufstieg unter Dach und Fach zu bringen. „Es ging wirklich hin und her. Bodenteich machte das insgesamt nicht schlecht und forderte uns immens. Zum Ende hatte ich dann aber das Gefühl, dass wir die Führung über die Zeit retten würden“, sagt Danylyszyn.

Der TSV Etelsen hat in der Saison 2007/08 des Öfteren bewiesen, dass er den Erfolg lieber über Umwege klar machen wollte. Dies wiederholte sich auch im Spiel gegen den TuS Bodenteich. Denn in der zweiten Minute der Nachspielzeit kassierten die Schlossparkkicker noch ein abgefälschtes Tor zum 2:2 und standen mal wieder mit hängenden Köpfen da. So ging die Partie in die Verlängerung. „Es war ein absoluter Schock“, erinnert sich der Stürmer.

Nachdem sich beide Mannschaften in den folgenden 30 Minuten keine Fehler mehr geleistet hatten, musste der Aufsteiger im Elfmeterschießen ermittelt werden. Nun erreichte die Dramatik ihren Höhepunkt. Als erster Schütze trat der erfahrene Stefan Danylyszyn an. „Ich erinnere mich, dass ich mit sehr viel Respekt zum Elfmeterpunkt gelaufen bin. Dennoch habe ich mir keine großen Gedanken darüber gemacht, was eventuelle Konsequenzen sein könnten. Am Ende war das auch gut so, denn ich habe die Kugel sicher verwandelt.“

Jubel beim Schützenfest

Während man in Soltau vor lauter Spannung eine Nadel hätte fallen hören, fand zeitgleich in Etelsen das jährliche Schützenfest statt. TSV-Edelfan Andreas „Fossi“ Meyer nahm dabei eine tragende Rolle ein. Per Handy ließ sich der als gute Seele des Vereins bekannte Anhänger, der seinen Verpflichtungen als entthronter Schützenkönig auf dem Fest nachkommen musste, über die aktuellen Geschehnisse während des Spiels und beim Elfmeterschießen in einer Live-Konferenzschaltung mit Gordon Ruhnau informieren.

Dass TSV-Keeper Eugen Deschner heldenhaft parierte und Timo Schulz den letzten Elfer nervenstark versenkte, verbreitete sich dank „Fossis“ Informationspolitik wie ein Lauffeuer in Etelsens Straßenzügen. Schnell war das Schützenfest nur noch Nebensache, denn in Etelsen schwappte die Begeisterung über den 7:5-Relegationserfolg nach Elfmeterschießen über den TuS Bodenteich und dem damit resultierenden Aufstieg in die Bezirksoberliga förmlich über. Die Vorfreude auf die Rückkehr der „Helden vom Schlosspark“ war denkbar groß.

Derweil lagen sich an der Stätte des Triumphes Spieler, Spielerfrauen und Spielermütter freudetrunken in den Armen. Gemeinsam mit dem in Schampus geduschten Trainer Jens Dreyer johlte das gesamte Team, was die Stimmbänder so hergaben. „Es war ein schier überwältigendes Gefühl, es endlich geschafft zu haben. Einfach Wahnsinn und beeindruckend zugleich, was uns in diesem Moment gelungen ist“, erinnert sich Danylyszyn. Der bis auf den letzten Platz belegte Gelenkbus drohte auf dem Rückweg nach Etelsen im Jubelsturm fast aus allen Nähten zu platzen, überlebte die Fahrt allerdings knapp.

Der zwölfte Mann ein großer Faktor

Daheim angekommen, läuteten die sichtbar entkräfteten Kicker die dritte Halbzeit ein und feierten mit einer Fan-Hundertschaft auf dem Schloss-Balkon. „Diesen Tag werde ich niemals vergessen. Eine ordentliche Portion Dramatik, in der wir zum Schluss das bessere Ende hatten und gemeinsam mit den Fans die Nacht zum Tag gemacht haben. Dieses Ereignis hat aber auch klar aufgezeigt, dass Fußball in Etelsen ohne den zwölften Mann einfach undenkbar ist“, betont Danylyszyn.

Noch heute ist Stefan Danylyszyn beim TSV Etelsen aktiv. Zwar nicht mehr in der ersten Mannschaft, doch bei der Ü32 mischt er immer noch eifrig mit. Ans Aufhören denkt der 40-Jährige allerdings noch lange nicht. „Ich fühle mich beim TSV Etelsen nach wie vor fest verankert. Das Kicken mit den alten Weggefährten macht immer noch unglaublich viel Spaß, daher ist aktuell kein Ende in Sicht. Der Verein ist eine absolute Herzensangelegenheit für mich.“

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