Fußball-Bezirksliga

Emrah Tavan: „Wir müssen nicht in die Landesliga“

Emrah Tavan ist seit 2018 Chefcoach des FSV Langwedel-Völkersen. Im Interview spricht er unter anderem über seine bisherige Amtszeit und ein Angebot, das er nicht ausschlagen würde.
17.02.2021, 18:30
Lesedauer: 8 Min
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Emrah Tavan: „Wir müssen nicht in die Landesliga“
Von Maurice Reding
Herr Tavan, Sie haben kürzlich beim Fußball-Bezirksligisten FSV Langwedel-Völkersen Ihren Vertrag verlängert und gehen damit bei Ihrem Heimatverein ins vierte Jahr als Trainer. Was für Emotionen hat die Vertragsverlängerung bei Ihnen ausgelöst?

Emrah Tavan: Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass ich hier weiter Trainer sein werde. Ich hatte dem Verein signalisiert, dass ich gerne weitermachen würde. Der Verein ist mit meiner Arbeit zufrieden, das wusste ich. Ich wusste auch, dass die Mannschaft komplett hinter mir steht. Es war mir wichtig, dass die Mannschaft diesen Weg mit mir gehen will. Umso mehr hat es mich gefreut, dass keine Gegenströme aus der Mannschaft kamen.

Also war die Verlängerung nur noch reine Formsache?

Ja, mehr oder weniger. Mir war aber – wie schon gesagt – wichtig, dass die Mannschaft hinter einer Verlängerung steht. Das habe ich den Verantwortlichen auch gesagt. Klar kannst du es nicht immer jedem Recht machen, aber wenn du eigentlich die komplette Mannschaft hinter dir hast, macht das einen schon glücklich. Dann weißt du, dass du hier einiges richtig machst.

In den drei Saisons ist vom Abstiegskampf und der Rettung am letzten Spieltag bis hin zur Corona-Pandemie, die seit der vergangenen Saison das beherrschende Thema ist, einiges passiert. Was ist Ihnen in der bisherigen Zeit positiv und was negativ in Erinnerung geblieben?

Die Saison 2018/2019 war eine schwierige, das muss man ganz klar sagen. Ich bin da vom Spieler zum Trainer geworden. Wir haben uns am letzten Spieltag gerettet, und das noch nicht mal aus eigener Kraft, sondern dank der Schützenhilfe von Pennigbüttel. Wenn ich nur mal eben ein paar Zahlen sprechen lasse: Ich habe in der Saison 38 verschiedene Spieler eingesetzt. Da hattest du nie die Mannschaft auf dem Platz, die du gerne gehabt hättest. Das musste alles erst einmal ineinandergreifen und war nicht einfach. Wir haben 90 Prozent der Spiele mit einem Tor Unterschied verloren. Das Wichtigste war, dass wir die Klasse gehalten haben. Wenn man aber von der ersten Saison bis jetzt guckt, sieht man schon, dass da ein positiver Trend zu erkennen ist.

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Woran machen Sie das fest?

Die letzte Saison, die abgebrochen wurde, haben wir auf Platz acht beendet. In der Saison hatten wir gute Spiele. Wenn ich da nur an das Flutlichtspiel gegen den TSV Achim denke, als wir 6:0 gewonnen haben, oder an das Heimspiel gegen Heeslingen, als wir 4:1 gewonnen haben. Da war schon klar zu erkennen, dass die zweite Saison besser läuft als die erste. Wenn Corona uns nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte, bin ich davon überzeugt, dass wir noch zwei, drei, vier Plätze höher hätten stehen können. Wir haben gute Spieler dazubekommen und uns immer besser zu einer Mannschaft gefunden. Sie ist im Gesamtpaket reifer geworden.

Diese Reife hatten Sie zu Beginn Ihres Trainer-Engagements nicht. Sie wurden förmlich ins kalte Wasser geworfen und haben die Position des Coaches der ersten Herren ohne Erfahrung übernommen. Warum haben Sie sich damals dazu entschlossen, diesen Schritt zu gehen?

Ich habe gesagt, dass ich immer hinter dem Verein stehe. Ich bin schon seit mehr als 25 Jahren dabei und hätte den Verein nie im Stich gelassen. Wir haben uns damals spät von unserem Trainer Dariusz Sztorc getrennt (kurz vor der Vorbereitung, Anm. d. Red.). Der Zeitpunkt war natürlich ungünstig, die Vorbereitung musste langsam mal losgehen. Ich habe dann unseren ersten Vorsitzenden Rolf Korb angerufen und gesagt, dass ich als Trainer übernehmen würde und mit den Jungs trainiere, sodass wir in die Vorbereitung starten konnten. Es hat mir und den Jungs Spaß gemacht. Nach ein paar Wochen wurde ich gefragt, ob ich mir das nicht weiter vorstellen könnte, weil viel positives Feedback von der Mannschaft kam. Ich habe gesagt, dass ich bereit bin, wenn die Mannschaft und der Verein wollen. Ich wollte Langwedel nicht hängen lassen, weil das mein Verein ist.

Hatten Sie schon immer den Plan, Trainer zu werden, oder hat es der Zufall in Langwedel so gewollt?

Der Gedanke war schon mal da, aber wenn ich ehrlich sein soll: Zu dem Zeitpunkt war der Gedanke nicht da. Dass ich jetzt Trainer bin, ist der damaligen Situation geschuldet. Ich hätte schon gerne zwei, drei Saisons weitergespielt. Wegen der Situation bin ich dann kürzergetreten, was das Fußballerische auf dem Platz angeht. In dem Moment habe ich an den Verein gedacht und mir gesagt: Wenn ich als Trainer und nicht als Spieler gebraucht werde, mache ich das.

Mit einigen von Ihren jetzigen Spielern wie Daniel Throl, Martin Kusnik oder Lukas Krempel haben Sie selbst noch zusammen auf dem Platz gestanden. War das komisch, plötzlich der Chef zu sein?

Komisch eigentlich nicht. Ich finde es umso schöner, wenn du mit diesen Spielern auf dem Platz gestanden hast und jetzt diese Jungs trainierst. Ich muss auch sagen, dass die Jungs es mir nicht schwer machen. Es könnte natürlich nach hinten losgehen, aber ich bin anerkannt. Als Spieler hatte mein Wort auf dem Platz ebenfalls Gewicht gehabt. Die Jungs ziehen super mit und ich arbeite sehr gerne mit ihnen zusammen.

Haben Sie sich mittlerweile daran gewöhnt, an der Seitenlinie zu stehen, oder juckt es noch in den Füßen?

Ich habe mich selbst schon öfter dabei erwischt, als ich eine Situation gesehen habe und dachte: Das hättest du jetzt anders gemacht. Beispielsweise: Warum sucht der nicht den Abschluss? Ich hätte das Ding einfach draufgehauen. Ich bin aber einer, der an den Verein denkt. Ich bin gerade als Trainer, und nicht als Spieler, wichtig. Die Jungs machen das gut und brauchen mich gar nicht auf dem Platz. Nebenbei kicke ich bei uns bei den Altherren. Das ist für mich ein Ausgleich.

Ist es einfacher oder schwieriger, Trainer des Vereins zu sein, in dem man selbst gespielt hat?

Man kann es von der einen und der anderen Seite sehen. Schwerer vielleicht, weil man mit den ganzen Leuten schon ewig zusammenarbeitet und dort eine Beziehung herrscht, in der man befreundet ist. Das könnte dem einen oder anderen Trainer zum Verhängnis werden. Bei uns ist das aber nicht so. Als Spieler habe ich auch schon Entscheidungen herbeigeführt. Deshalb finde ich es nicht schwerer. Leichter ist es in der Hinsicht, weil man den Verein sowie die Pläne und Strukturen kennt. Man ist in die Pläne involviert und kennt jeden Spieler von Kopf bis Fuß. Ich weiß, wie jeder tickt, was er braucht und wie ich mit ihm umgehen muss. Das ist schon eine Hilfe für mich.

Unter Ihnen hat sich der Verein in der Tabelle stetig verbessert. In der ersten Saison waren Sie noch Zwölfter, in der vergangenen Spielzeit Achter und aktuell rangiert Langwedel auf Platz vier. Sind Sie mit der Entwicklung zufrieden?

Mit der Entwicklung bin ich auf jeden Fall zufrieden. Ich habe einiges in der Zeit geändert, auch vom Spielstil. Ich will mich jetzt nicht selbst loben oder in den Vordergrund stellen, aber unser Fußball ist ganz anders geworden. Wir spielen viel besseren Fußball. Als ich selbst noch Spieler war, haben wir keinen schönen Fußball gespielt. Da nehme ich mich selbst nicht raus. Jetzt spielen wir attraktiv, der Ball läuft besser und viel über das Kurzpassspiel. Das Auftaktspiel in Heeslingen in dieser Saison war wohl das beste Spiel, das wir in den vergangenen drei Jahren gezeigt haben. Das war von beiden Seiten ein starkes Spiel und hatte Landesliga-Niveau. Wir sind auf dem richtigen Weg. Wenn die Saison fortgesetzt werden sollte, haben wir gute Möglichkeiten, uns weiter nach oben zu schrauben. Wir wollen natürlich in die Aufstiegsrunde.

Stichwort Landesliga: Ist das der nächste logische Schritt in der Entwicklung?

Das so zu sagen, wäre vielleicht falsch. Natürlich ist der Wunsch nach der Landesliga von jedem Einzelnen kein Geheimnis. Aber das würden wir uns nicht als Ziel setzen. Für uns als Verein ist es in Ordnung, wo wir stehen. Mit dieser Mannschaft ist sehr, sehr viel möglich. Da bin ich mir sicher, das habe ich den Jungs auch gesagt. Wir können in der Bezirksliga jede Mannschaft, auch aus der anderen Staffel, schlagen. Es ist auch kein Geheimnis, dass wir versuchen, uns weiter zu verstärken und uns im Hinblick auf die nächste Saison verbessern wollen. Wenn wir dann oben mitspielen – gerne.

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Sprich: Die Landesliga ist kein Muss?

Wir würden uns dem nicht verweigern, in die Landesliga aufzusteigen. Dafür muss aber sehr viel zusammenkommen. Du brauchst eine richtig gute Mannschaft und musst von Verletzungen sowie Sperren verschont bleiben. Es spielt auch eine große Rolle, wie du in die Saison startest und die Vorbereitung davor läuft. Da muss alles zusammenpassen, dass du dir dieses Ziel setzen kannst. Wir sagen nicht, dass wir in die Landesliga müssen. Wenn wir am Ende Dritter in der Bezirksliga werden, können wir das auch als großen Erfolg werten.

Könnten Sie sich eigentlich vorstellen, mal einen anderen Verein als den FSV Langwedel-Völkersen zu trainieren, oder wollen Sie Ihre Laufbahn bei Ihrem Heimatverein beenden?

Das erste Angebot, das ich auf jeden Fall annehmen würde, wäre das vom FC Bayern München (lacht). Vorstellen kann man sich immer alles. Ich bin jetzt nicht mit Langwedel verheiratet, bin aber gerne hier. Das ist mein Verein, den ich mit großgezogen und geformt habe. Das darf ich auch wirklich so sagen. Aber das ist nicht für immer. Manchmal ist es auch ganz gut, wenn man mal was anderes sieht. Es ist nicht so, dass ich sage: Ich werde ein Leben lang hier Trainer sein. Das Feuer für den Job hier ist aber immer noch da.

Das Interview führte Maurice Reding.

Info

Zur Person

Emrah Tavan (31)

ist seit 2018 Trainer des FSV Langwedel-Vökersen. Vor seiner Beförderung als Chefcoach spielte der 31-Jährige selbst jahrelang in der ersten Mannschaft des Fußball-Bezirksligisten. Unter Tavan haben sich die Langwedeler kontinuierlich weiterentwickelt und streben bei einer möglichen Saisonfortsetzung die Aufstiegsrunde für die Landesliga an.

Info

Zur Sache

Eine Beziehung, die ihresgleichen sucht

Emrah Tavan und der FSV Langwedel-Völkersen – das ist eine Beziehung, die im Fußball nicht so oft zu finden ist. Der 31-Jährige hat die Geschichte des Vereins mitgeprägt. Seit einem Vierteljahrhundert schnürt Tavan für den Fußball-Bezirksligisten die Schuhe. Bis der FSV Langwedel-Völkersen sich in der Bezirksliga etablierte, dauerte es aber. Jahrelang traten die Klubs FC Langwedel und TSV Völkersen als SG Langwedel-Völkersen im Herrenbereich an. Weil die Spielgemeinschaft nicht aufsteigen durfte, kamen Tavan und Co. nicht über die Kreisliga hinaus.

Zur Saison 2012/2013 kam es zum Zusammenschluss der beiden Vereine. Aus der SG Langwedel-Völkersen wurde der FSV Langwedel-Völkersen. Gleich in der ersten Spielzeit unter dem neuen Namen schaffte die Mannschaft den Aufstieg in die Bezirksliga – und das nach 42 Jahren. „Das war natürlich besonders“, erzählte Tavan kürzlich im Gespräch mit unserer Zeitung.

Maßgeblichen Anteil am Aufstieg hatte der damalige Mittelfeldspieler, der in 28 Spielen 13-mal netzte. Besonders vom Punkt blieb Tavan eiskalt. Alle sechs Versuche verwandelte er. In der Bezirksliga landete Langwedel in der ersten Saison nach dem Aufstieg gleich mal auf Platz sechs. Eine Saison später hätte der Klub beinahe für eine Überraschung gesorgt. Am Ende stand ein starker dritter Rang. Der FSV Langwedel-Völkersen gehört seit dem Aufstieg 2013 der Bezirksliga Lüneburg 3 an und hat sich vor allem unter Tavan als Coach weiterentwickelt.

Mit Spielern wie Daniel Throl, Edward Kelsch oder Keeper Moritz Nientkewitz gehört Langwedel zweifelsohne zu den Teams, die einen starken Kader besitzen. Ob der Verein in dieser Saison den Sprung in die Landesliga schafft, hängt zunächst einmal davon ab, ob die Saison fortgesetzt werden kann. Sollte dies der Fall sein, zählt der Klub bei voller Ausschöpfung seiner Qualität zu den Mitfavoriten im Kampf um den Aufstieg. Der Sprung in die Landesliga wäre ein weiteres Kapitel in der Beziehung zwischen Emrah Tavan und dem FSV Langwedel-Völkersen.

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