Das Interview „Die Akzeptanz ist deutlich gestiegen“

Seit 2012 nutzt der Verein Kuno das Internet als Plattform, um Kunst zu präsentieren. Im Interview spricht Vorsitzender Paul Kroker über digitale Präsentationen von Kultur – auch mit Blick auf die Corona-Krise.
08.04.2020, 15:59
Lesedauer: 4 Min
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„Die Akzeptanz ist deutlich gestiegen“
Von Marius Merle

Herr Kroker, der Verein Kultur im Norden – Kuno ist nun seit 2012 im Internet mit seiner Plattform aktiv. Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Verlauf?

Paul Kroker : Angesichts der Art und Weise, wie wir unsere Webseite betreuen, bin ich wirklich zufrieden. Denn als digital Immigrant muss ich permanent aufholen und dazu lernen, um Inhalte im Internet etwa so zu teilen, dass die Reichweite noch besser ausfällt. Zufrieden bin ich aber insofern, als dass Kuno ursprünglich als Plattform für Kunst- und Kulturaustausch im analogen und auch im digitalen Raum gestartet ist. Das hat sich klar verschoben, heute verstehen wir uns rein als Online-Plattform für Kunst und Kultur.

Worauf liegt dabei das Hauptaugenmerk?

Es liegt mittlerweile darauf, dass wir Kunstereignisse besuchen und sie dann online besprechen. Und dann, wenn es gut klappt, können wir daraus auch eine eigene Online-Ausstellung generieren – wie zum Beispiel aktuell zur Ausstellung zu Maria Lassnig im Paula-Modersohn-Becker-Museum. Gerade als wir sie online gestellt haben, musste das Museum wegen Corona schließen. An diesem Punkt sieht man, wie wichtig es ist, dass alle Museen einen vernünftigen Online-Auftritt haben.

Hat die digitale Präsentation von Kunst in den vergangenen Jahren insgesamt an Bedeutung gewonnen?

Ganz eindeutig. Wobei man anfangs schon darum kämpfen musste, dass Künstlerinnen und Künstler mit dem Präsentieren ihrer Kunst im digitalen Raum tatsächlich einverstanden waren. Die Akzeptanz ist aber deutlich gestiegen. Auch viele Museen verstehen es heute, Ausstellungen für Interessierte digital vor- und nachzubereiten. Dabei gehe ich gar nicht von uns aus, weil wir ja nur ein Minisegment sind, sondern von den großen Häusern. Das kann aber natürlich kein Ersatz für Kunstliebhaber sein, selbst eine Ausstellung zu besuchen.

Warum sind diese digitalen Angebote trotzdem wichtig?

Man kann virtuell zum Beispiel Dinge sehen, die man sonst nicht sehen kann, etwa weil der Abstand zum Gemälde viel zu groß oder es verglast ist. Auch im Sinne der Nachhaltigkeit im Kunst- und Kultursektor ist die digitale Präsentation wichtig, damit gute Ausstellungen nicht verschwinden, sondern bestehen bleiben. Alle unsere Online-Ausstellungen, die wir selber gemacht haben, sind immer und zu jeder Zeit online im Archiv von Kuno abrufbar.

Corona wurde schon angesprochen: Für Künstler aber auch alle anderen Kulturschaffenden ist das Internet in diesen Zeiten ja quasi die einzige Chance, sich zu präsentieren. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Das Interessante an dieser Situation ist, dass jetzt unglaublich viele Initiativen erwachen, die die verschiedensten Künste im Internet zeigen. Theater etwa bieten von aktuellen Aufführungen Live-Streams an oder aber zeigen als Online-Programm ein Theaterstück aus ihrem Video-Repertoire. Im Moment kann man sich vor Angeboten gar nicht retten.

Das Problem ist, dass die meisten dieser Angebote kostenlos sind. Aktuell bricht vielen Künstlern, Musikern, Schauspielern und Co. – von denen viele als Selbstständige arbeiten – aufgrund fehlender Auftritte durch die Corona-Pandemie aber die Haupteinnahmequelle weg. Umso wichtiger wäre es also, wenn sie durch Online-Angebote auch Geld verdienen könnten. Glauben Sie, dass die Menschen bereit sind, für digitale Präsentationen auch vermehrt zu bezahlen?

Klar, für all diese Künstler ist das aktuell eine brutale Situation. Ebenso für Kinos, Theater, Verlage, Buchhandlungen. Bevor wir aber daran denken, sie etwa in Form von Spendenkampagnen oder Crowd-Funding zu unterstützen, würde ich betonen wollen, dass Kunst und Kultur einen gesellschaftlichen und damit auch einen staatlichen Auftrag haben. Das heißt, die Akteure werden ja auch vom Staat unterstützt. Grundsätzlich ist das jetzt in der Krise nicht anders. Und die Bundesregierung sieht ja auch als Corona-Hilfe bis zu 9000 Euro als Einmalzahlung für Solo-Selbstständige und Kleinstunternehmen vor. Auf Länderebene scheinen die Hilfsprogramme sehr unterschiedlich zu sein. Anfangs fehlten ja bei drei Ländern sogar Angaben zu Freiberuflern und Künstlern, da ging es nur um Betriebe. Auch in Niedersachsen war das der Fall. Es wäre so wichtig, dass die Soforthilfe von Bund und Ländern auch bei all diesen Betroffenen greift.

Aber sollten die Zuschauer vor den Bildschirmen in den heimischen vier Wänden nicht trotzdem ebenso für das kulturelle Programm zahlen, wie sie es im Theater, Museum oder Konzertsaal auch tun?

In der Regel sind ja die vielen Online-Angebote im Bereich Bildung und Kultur kostenfrei. Daneben gibt es manchmal den freiwilligen Verzicht auf die Rückerstattung bereits erworbener Tickets oder Spenden, was positive Zeichen individueller Solidarität sind, aber natürlich die Veranstalter nicht wirklich retten kann. Die Meldungen aus der Kreativ- und Kulturwirtschaft werden zurzeit immer bedrohlicher.

Bietet die aktuelle Situation denn auch Chancen?

Ja, doch. Ich bin beispielsweise sehr dankbar dafür, dass der Deutsche Kulturrat jetzt auch die Perspektive der digitalen Formate betont, mit denen aktuell vermehrt experimentiert wird und die in den großen Gesamtweg einer zeitgemäßen analog-digitalen Kulturlandschaft einmünden. Dafür wäre es aber unabdingbar, dass jetzt die Sofortgelder an Künstler und ihre Institutionen gezahlt werden, damit sie hoffentlich die Krise überstehen können.

Das Interview führte Marius Merle.

Info

Zur Person

Paul Kroker (71)

ist Germanistikdozent im Ruhestand und Übersetzer. Der Langwedeler führt den Verein Kultur im Norden (Kuno), der eine digitale Plattform für Kunst betreibt, als Vorsitzender an.

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