Landgericht Verden

Angeklagter spricht von „Spontantat“

Vor dem Landgericht Verden hat am Dienstag der Prozess gegen drei Männer begonnen, denen gemeinschaftlicher versuchter Totschlag zur Last gelegt wird. Die Tat ereignete sich in Langwedel.
14.07.2020, 16:30
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Angelika Siepmann

Ein Vater (54) und seine zwei Söhne (29 und 30) sollen einem säumigen, längst gekündigten Mieter mit drastischen Mitteln verdeutlicht haben, dass ihre Geduld am Ende ist. Was sich am Vormittag des 7. Januar dieses Jahr in der Wohnung in Langwedel abgespielt hat, stuft die Staatsanwaltschaft als gemeinschaftlichen versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung ein. Zum Prozessauftakt vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts hat der 30-Jährige den Vorwurf der versuchten Tötung am Dienstag über eine vom Verteidiger vorgetragene Erklärung zurückgewiesen.

Situation „leider eskaliert“

Darin wird auch bestritten, dass das gesamte Geschehen auf einer entsprechenden Absprache beruht habe. Weder er noch sein Bruder und sein Vater hätten „die Tat geplant oder auch nur in Erwägung gezogen“. Es habe sich um eine „Spontantat“ gehandelt, die Situation sei „leider eskaliert“ beziehungsweise habe sich, wie es anderer Stelle hieß, „verselbstständigt“. Während in der Anklageschrift von der Verwendung einer Brechstange und eines Axtstiels als „gefährlichem Werkzeug“ die Rede ist, wurden in der Erklärung des 30-Jährigen ein sogenannter Kuhfuß und eine Holzlatte genannt.

Der Kuhfuß sei aber nur zum Aufbrechen der Wohnungstür benutzt worden, der Nebenkläger sei nicht damit geschlagen worden, wurde betont. Er selbst habe dem „schimpfenden und schreienden“ Mann einen „wuchtigen Schlag mit der Faust“ an die Schläfe versetzt. Mit der Holzlatte habe sein Bruder hantiert, damit aber nicht gegen den Kopf geschlagen. Ob und gegebenenfalls wie sein Vater an den „Tätlichkeiten beteiligt“ gewesen sei, wisse er jedoch nicht: „Ich stand komplett unter Adrenalin.“ Beim Verlassen der Wohnung sei man „nicht von lebensgefährlichen Verletzungen“ des Mannes ausgegangen. Fazit: „Mein/unser Verhalten war ein schwerer Fehler.“

Die Anklage sieht in etlichen Punkten anders aus. Danach haben alle drei Männer auch noch „mit Gegenständen und Fäusten“ auf den 50-Jährigen eingewirkt, als dieser schon am Boden lag. Sie sollen beim Verschwinden auch angenommen haben, den Mieter tödlich verletzt zu haben. Tatsächlich habe zwar keine konkrete Lebensgefahr bestanden, so Staatsanwältin Pia Geisler, Schläge gegen den Kopf seien jedoch „potentiell geeignet, lebensgefährliche Verletzungen zu verursachen". Beim ersten, vergeblichen Versuch, in die Wohnung einzudringen, soll dem Nebenkläger auch gedroht worden sein: „Heute oder morgen wird dein letzter Tag sein! Wenn du rauskommst, bist du tot!“

Die beiden Brüder waren noch am selben Tag vorläufig festgenommen worden. Sie befinden sich inzwischen nicht mehr Untersuchungshaft. Beide machten zwar am ersten Verhandlungstag von ihrem Schweigerecht Gebrauch. Dies bedeute aber nicht, so die jeweils zwei Verteidiger, dass sich ihre Mandanten von bisherigen Angaben im Ermittlungs- und Zwischenverfahren distanzierten. Die für den 28-Jährigen abgegebene Erklärung („keine Einlassung“) fiel relativ kurz aus und enthielt den Verweis auf die erfolgten geständigen und detaillierten Angaben des Bruders, „denen er voll beigetreten“ sei. Diese Protokolle möge die Kammer im Zuge der Beweisaufnahme verlesen; der Angeklagte lasse sich beim Wort nehmen.

Schmerzensgeld schon bezahlt

Auch sei bereits eine finanzielle Schadenswiedergutmachung erfolgt. Dem Nebenkläger sollen insgesamt 10 500 Euro zugeflossen sein. Ausführlicher fiel aus, was einer der Verteidiger des 30-Jährigen als „Erklärung zum Tatvorwurf“ vortrug, eine Schilderung des Geschehens am 7. Januar, wie es aus der Sicht beziehungsweise Erinnerung des Angeklagten abgelaufen ist. Darin wird auch die Vorgeschichte dargestellt – vom Beginn des Mietverhältnisses Anfang 2016 über die ständigen Schwierigkeiten mit dem Mieter und die Kündigung im Januar 2019 bis zum Tattag.

Diese Erklärung setzte den Schlusspunkt unter den ersten Prozesstag, der zuvor von einem anderen Thema geprägt war: der Tatsache, dass der nach wie vor in U-Haft befindliche 54-Jährige auch im Gerichtssaal, in diesem Fall die Verdener Stadthalle, Fußfesseln tragen musste. Die Schwurgerichtskammer hielt an dieser Maßnahme aus Sicherheitsgründen auch nach wiederholter Intervention der Verteidiger fest.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+