Folgen der Erdgasbohrungen im Kreis Verden Leben mit dem Beben

Während das Unternehmen Wintershall Dea, welches für das Beben mitverantwortlich ist, von seismischen Ereignissen statt einem Erdbeben spricht, berichten die Betroffenen von ihrer Angst als die Erde wackelte.
06.12.2019, 21:59
Lesedauer: 4 Min
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Von Helmut Reuter

Der Riss ist gut sichtbar auf dem roten Klinker. „Bislang sind wir immer glimpflich davongekommen. Diesmal hat es uns aber erwischt“, sagt Julia Thöle und zeigt auf den Spalt in der Fassade ihres Einfamilienhauses, in dem sie seit 2003 mit ihrem Mann, ihrem Sohn und den Schwiegereltern wohnt. Der Riss ist nicht riesig, vielleicht 15 bis 20 Zentimeter lang, aber vor dem 20. November 2019 war er nicht da. An jenem Mittwochabend vor rund zwei Wochen bebte – wieder einmal – die Erde auch in ihrer Straße in Dörverden.

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Die 38-Jährige erinnert sich gut. Sie und ihr Mann wollten gerade zu Bett gehen. Es war 22.30 Uhr. „Für uns wirkte das so, als würde der ganze Raum wackeln. Die Fensterrahmen knackten furchtbar, der Boden wackelte, das Bett bewegte sich. So war unsere Wahrnehmung. Ich bekam tatsächlich Angst“, erzählt sie. Das, was sie wahrnahm, meldete das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) als Erdbeben – eines um 18.28 Uhr und eines um 22.32 Uhr mit einer Lokalmagnitude von 3,2 beziehungsweise 3,0.

„Die Schwingung spürt man am ganzen Körper“

Zur Zeit des zweiten Bebens saß Wolfgang Rodewald etwa zehn bis zwölf Kilometer nordöstlich in Kirchlinteln noch an seinem Schreibtisch im Rathaus. Der Bürgermeister des 10.000-Einwohner-Ortes war nach der Sitzung des Ausschusses für Jugend und Soziales noch einmal in sein Büro gegangen, um sich Notizen zu machen. Dann wackelte auch sein Schreibtisch. Das Epizentrum lag etwa drei Kilometer vom Rathaus entfernt beim Dorf Weitzmühlen. „Die Schwingung spürt man am ganzen Körper. Das macht einem schon Angst“, schildert der parteilose Bürgermeister. Auch in der Bücherei der Kirchlintelner Oberschule wurden Risse an der Wand festgestellt.

Auslöser der Beben ist die Erdgasförderung im Landkreis Verden. Seit 1992 beutet der Gas- und Ölkonzern Wintershall Dea das Erdgasfeld Völkersen aus. Und Wintershall Dea kennt die Problematik. Sprecher Heinz Oberlach spricht allerdings ungern von Erdbeben, sondern lieber von seismischen Ereignissen, was das Phänomen möglicherweise besser beschreibt, weil Assoziationen mit Bildern wirklich verheerender Erdbeben umgangen werden. „Ich will das aber nicht verniedlichen“, sagt er.

Heinz Oberlach argumentiert für den Brennstoff Erdgas, der von allen fossilen Brennstoffen der mit den geringsten CO₂-Emissionen sei. „Und auch wenn es etwas platt klingt: Das ist Erdgas aus der Region für die Region.“ Zudem bestehe nicht die Gefahr von strukturellen – also sicherheitsgefährdenden – Schäden.

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Nach den Erdbeben wandte sich die Firma gleich an die Anwohner: „Bei seismischen ­Ereignissen dieser Größenordnung können Schäden wie Putzrisse an den Gebäuden auftreten.“ Betroffene können der Firma Schäden melden. Julia Thöle hat das getan, wartet aber noch auf Antwort. Wie 2016 rechnet das Unternehmen mit 400 bis 500 Anträgen.

Die Art und Weise und auch die Bereitschaft zur Schadensregulierung muss sogar Andreas Mattfeldt anerkennen. „Da haben sie dazugelernt. Das war nicht immer so“, sagt der CDU-­Politiker und Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Osterholz-Verden. Immerhin, soll das heißen – doch Mattfeldt ist ein Verfechter des Sofortausstiegs.

Ausstieg in Etappen

Den fordert der Kirchlintelner Bürgermeister Rodewald dagegen nicht. Er denkt eher in Etappen: Wolfgang Rodewald will die Gasförderung aus allen Wasserschutzgebieten verbannen. Das sei vordringlich.

5000 Meter unter Rodewalds Schreibtisch in Kirchlinteln erstreckt sich auf insgesamt 76 Quadratkilometer das Erdgasfeld Völkersen, dessen Ausbeutung die Anwohner seit Jahren auf die Palme bringt. Die Seismologin Monika Bischoff vom Niedersächsischen Erdbebendienst am LBEG erklärt den Zusammenhang zwischen Förderung und Erdbeben mit den sich auf- und abbauenden Spannungen in dem unter extrem hohen Druck stehenden Sandsteingefüge.

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In den Poren des Sandsteins lagert das Erdgas. Entweicht es durch die Förderung aus dem Gestein, fällt dort der Druck ab. Es kommt zu Spannungen mit anderen Schichten, die sich dann mit entsprechendem Beben gegeneinander horizontal oder vertikal verschieben: „Mechanisch ist das der gleiche Prozess wie bei tektonischen Verschiebungen und natürlichen Erdbeben.“ Viermal bebte die Erde im Gebiet des Feldes Völkersen: 2008 mit einer Lokalmagnitude von 2,8, 2012 (2,9) 2016 (3,1) und nun 2019. „Einen Trend zu mehr und stärkeren Erdbeben haben wir nicht festgestellt“, sagt Bischoff.

Zu 80 Prozent ausgefördert

In Niedersachsen werden rund 96 Prozent des gesamten deutschen Erdgases gefördert. Die heimische Förderung ist aber stark rückläufig und deckt nur noch etwa sechs Prozent des deutschen Verbrauchs. Erdgas wird vornehmlich aus Russland, Norwegen und den Niederlanden importiert.

Für das Erdgasfeld „Völkersen/Völkersen-­Nord“ ist die Zeit in 16 Jahren abgelaufen. „Das Feld ist zu 80 Prozent ausgefördert“, sagt Oberlach. Am Donnerstagabend informierte der Konzern dann die Anwohner darüber, dass die Produktion nicht ausgebaut wird. „Die ­bestehenden Bohrungen werden zu Ende ­gefördert, anschließend nach und nach stillgelegt und rekultiviert. Somit wird die För­derung schrittweise und kontrolliert immer weiter zurückgehen, bevor sie 2036 gänzlich enden wird“, teilte der Konzern mit.

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