Leichtathletik

Rudolf Lüdemann ist auf der Laufbahn zu Hause

Rudolf Lüdemann hat die Leichtathletik schon in der Kindheit für sich entdeckt. Nach einer schweren Verletzung legte der Läufer aber eine lange Pause ein. Inzwischen ist der 70-Jährige wieder zurück.
18.03.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Dennis Glock

„Ich kann nicht einfach so von heute auf morgen aufhören. Dafür liebe ich diesen Sport zu sehr“, sagt der 70-jährige Läufer Rudolf Lüdemann. Zweifelsohne nimmt die Leichtathletik eine wichtige Rolle in seinem Leben ein. Denn seit mehr als 50 Jahren läuft Lüdemann auf den Laufbahnen der Nation eifrig von Erfolg zu Erfolg. Schluss soll damit noch lange nicht sein. Denn noch immer nimmt er regelmäßig an Wettkämpfen teil und landet dabei nicht selten auf dem Treppchen. Für Lüdemann sind diese Platzierungen aber keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Vielmehr betrachtet er es als absolutes Privileg, dass er nach wie vor so fit ist.

Die Begeisterung für die Leichtathletik entdeckte Rudolf Lüdemann schon früh in seiner Kindheit. Die ersten Ausrufezeichen setzte er dann in der Grundschule. „Ich konnte als Kind schon gut laufen. Das war einfach auffällig. In der Schule habe ich immer wieder meine Runden auf einer kleinen Laufbahn gedreht und in meiner Freizeit die Olympischen Spiele in Rom verfolgt. Eine schöne Zeit“, erinnert sich der 70-Jährige zurück. In besonderer Erinnerung sind Lüdemann die Bundesjugendspielen in Jeddingen geblieben. Seine damaligen Zeiten waren so gut, dass sie noch nicht einmal auf der Punkte-Wertungs-Skala auftauchten. Damit überraschte er nicht nur die Wertungsrichter, sondern auch alle anderen Teilnehmer. „Als Kind konnte ich das damals noch gar nicht so richtig begreifen“, gesteht Lüdemann.

Geplatzter Olympia-Traum

Nach dem Erfolg bei den Bundesjugendspielen wuchs vor allem das Interesse der regionalen Vereine. So nahm er im Jahr 1966 für den VfL Visselhövede an den Kreismeisterschaften für Leichtathletik teil. Nur wenige Monate später ging er für den TuS Rotenburg bei den Bezirksmeisterschaften in der Staffel an den Start. Zu einem echten Highlight kam es 1976, als er ebenfalls mit dem TuS Rotenburg bei den Deutschen Leichtathletikmeisterschaften in Frankfurt am Main genommen hat. Dort lief er die 200 Meter in 21,4 Sekunden. An diese Spitzenzeit, gepaart mit den Ereignissen rund um die Wettkämpfe erinnert sich Lüdemann noch heute gerne zurück: „Eine unglaubliche Erfahrung. Genau solche Zeiten haben mich angeregt, weiter Gas zu geben.“

Die Leichtathletik hat Lüdemann auch während seines Studiums – erst Agrarwissenschaft in Göttingen, später dann Tiermedizin in Hannover – nicht aus den Augen verloren. Zu dieser Zeit trainierte er regelmäßig die Sprintdistanzen über 100 und 200 Meter. Allerdings war er mit seinem Start – vor allem über die längere Strecke – nicht wirklich zufrieden. „Ich war auf den ersten 20 bis 30 Metern eindeutig zu langsam. Allerdings gelang es mir, die fehlende Zeit in den darauffolgenden Metern stets wieder auszugleichen“, sagt Lüdemann. Dennoch steckte er sich auch in dieser Lernphase hohe Ziele und trainierte für einen ganz besonderen Traum: Olympia. „Mein Ziel war es, 1980 zu den olympischen Spielen nach Moskau zu fahren. Für dieses ambitionierte Vorhaben stand ich fast täglich auf dem Sportplatz des Universitätsgeländes.“

Der Traum von Olympia platzte allerdings, bevor er in der Lage war, so richtig Fahrt aufzunehmen. Denn ein Riss des Adduktorenmuskels machte eine Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele in Moskau, die als Boykottspiele in die Geschichte eingegangen sind, unmöglich. Die Verletzung war ein bitterer Rückschlag für Lüdemann, mit dem er einige Zeit zu kämpfen hatte: „Ich dachte erst, dass meine Sportkarriere mit dieser Verletzung so gut wie vorbei ist. Damals sagten mir außerdem auch einige Leute der Leichtathletik-Szene, dass ich, wenn ich wieder vollständig genesen sei, viel zu alt für das Laufen sei. Heute denke ich darüber anders.“

Die schwere Verletzung führte dazu, dass sich Lüdemann aus dem Leistungssport zurückzog und seine Energie voll und ganz seiner Tätigkeiten als Tierarzt und Landwirt widmete. An eine Rückkehr auf den Sportplatz hatte er eigentlich nicht mehr gedacht, wäre da nicht diese eine Begegnung mit einem alten Bekannten gewesen. „Vor ungefähr 20 Jahren wurde ich dazu ermutigt, doch noch einmal meine Laufschuhe aus dem Keller zu kramen. Nach eifriger Überlegung habe ich mich dann dem TSV Daverden angeschlossen und meine Liebe zur Leichtathletik wieder neu entdeckt“, sagt Lüdemann mit einem Schmunzeln.

Gesundheit als Privileg

Dass die Entscheidung, in die Leichtathletik zurückzukehren, eine richtige war, zeigen die Leistungen aus den vergangenen Jahren. Denn Lüdemann hat es noch immer drauf: So ging er beispielsweise im Jahr 2015 in der Altersklasse M65 bei den Norddeutschen Seniorenmeisterschaften in Jüteborg an den Start und sicherte sich über die Distanz von 100 Meter die Vizemeisterschaft. Noch besser lief es für ihn im vergangenen Jahr bei der in Zeven nachgeholten Landesmeisterschaft der Senioren-Altersklassen ab M/W30. Hier krönte sich Lüdemann im 200-Meter-Lauf der M70 mit einer Zeit von 31,14 Sekunden zum Landesmeister. Gerne hätte er auch einen Tag später den Titel über die 100 Meter mitgenommen, doch Konkurrent Borchert Haake vom TuS Huchting war nach besserem Start mit einer Zeit von 14,41 zu 14,95 Sekunden etwas schneller.

Ans Aufhören denkt Rudolf Lüdemann aber noch lange nicht, sowohl beruflich als auch sportlich. „Ich fühle mich noch immer fit genug, die Tätigkeiten in meiner Tierarztpraxis auszuüben. Lediglich bei unserem Bauernhof warte ich darauf, dass der Junior bald übernimmt“, betont er. In der Leichtathletik sieht sich Lüdemann auch in den kommenden Jahren noch fest verankert. Wenn es nach ihm geht, so würde er am liebsten noch mit 80 Jahren laufen und an Wettkämpfen teilnehmen.

Doch auch er weiß, dass alles einmal ein schnelles Ende finden kann: „Das Laufen macht mir immer noch sehr viel Spaß. Ich bin mir dennoch im Klaren, dass Gesundheit und die Tatsache, überhaupt in der Lage zu sein, Sport in diesem Ausmaß betreiben zu können, ein unheimliches Privileg ist.“

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