Kleintierpraxis Daverden Tragische Storys, gutes Ende

Um auf das Leid der Straßenkatzen aufmerksam zu machen, veröffentlicht die Kleintierpraxis in Daverden ihre spannendsten Fälle – etwa jenen von Liselotte, die gerade noch so vor dem Tod gerettet werden konnte.
01.03.2019, 15:31
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Tragische Storys, gutes Ende
Von Ivonne Wüsthof

Munter springt Liselotte durch das Behandlungszimmer. Obwohl das kleine Katzenmädchen die Kleintierpraxis in Daverden schon in- und auswendig kennt, gibt es immer noch etwas Neues zu entdecken. Mit einem großen Satz hüpft es mit Leichtigkeit vom Schreibtisch über den Behandlungstisch. Ihr Ziel ist das Körbchen mit kleinen Wattebällen auf der Arbeitsfläche an der anderen Seite des Raumes – denn sie liebt es, mit den Wattebällen zu spielen.

Dass die kleine Samtpfote überhaupt noch herum tollen kann, war lange Zeit nicht klar, denn sie ist Protagonistin einer der spannendsten und dramatischsten Fälle aus dem Praxisalltag. Seit Anfang des Jahres veröffentlicht die Tierarztpraxis diese und ähnliche Geschichten im Internet. Ziel ist es, Tierhaltern und auch der Öffentlichkeit das Leid vieler Wildkatzen zu veranschaulichen und gleichzeitig Aufklärungsarbeit zu leisten.

Über Wochen aufgepäppelt

„Liselotte kam im vergangenen Jahr als herrenlose Fundkatze zu uns. Ihr Zustand war sehr schlecht“, erinnert sich Tierärztin Eva Graca. Nicht nur, dass das Katzenbaby völlig geschwächt, abgemagert und von Parasiten befallen war. Es musste über eine Magensonde und einen Venenzugang versorgt werden. Hinzu kamen neurologische Symptome wie Taumeln, ein schwankender Gang und Stürze. Da zu dem Zeitpunkt noch nicht klar war, was der kleinen Katze fehlte, wurde Liselotte stationär aufgenommen und erhielt eine umfangreiche Behandlung, sagt Graca. „Drei Tage haben wir sie intensiv versorgt und es ging ihr langsam immer besser.“ Die Finderin konnte die Katze nicht behalten und so fand die zarte Samtpfote bei der Tierärztin ein liebevolles Zuhause. Seitdem stellt sie mit ihrer lebhaften und neugierigen Art den Praxisalltag auf den Kopf und ärgert gerne den zehnjährigen Ridgeback-Rüden Taro, der auch als ungewolltes Haustier vor einigen Jahren sein Körbchen bei Graca fand.

„Andere Tiere haben leider nicht so viel Glück“, kann die Tierärztin aus ihrer Erfahrung berichten. „Sehr oft haben wir auch wilde Katzen oder andere Wildtiere da, denen wir nur noch mit der Euthanasie helfen können.“ Ein großes Problem sehen Graca und ihre Kollegen in der unkontrollierten Vermehrung von Wild- und Freigängerkatzen. Das Land Niedersachsen und der deutsche Tierschutzbund haben im vergangenen Jahr eine Kastrationsaktion organisiert, durch die freilebende Katzen kostenlos kastriert werden konnten. So sollte die unkontrollierte Vermehrung der wilden Katzenpopulation eingedämmt werden. Auch die Daverdener Praxis beteiligte sich daran. Doch innerhalb kürzester Zeit sei das Budget aufgebraucht gewesen, erzählt die Tierärztin.

Kostenfrage als Problem

Eine Kastration ist für Kater und Katzen ein vergleichsweise kleiner operativer Eingriff, die Kosten meist überschaubar. Doch es wird problematisch, wenn die Finder oder auch Halter von (Wild-)Katzen diese Kosten selbst nicht tragen können oder wollen. Seitens der Politik besteht aus Sicht der Tierärztin daher dringend Handlungsbedarf. „Manchmal bleiben wir auf den Kosten sitzen, sowie bei Liselotte. Aber wir tun es für die Tiere.“

Natürlich gibt es auch das Gegenteil: Tierhalter, die ihren Vierbeinern jegliche Therapie zukommen lassen möchten und dabei an ihre finanziellen Grenzen stoßen. So, wie es bei Kater Moses der Fall war – einem anderen Patienten, dessen Geschichte die Kleintierpraxis veröffentlicht hat. Auch an die Odyssee des roten Katers erinnert sich Graca noch sehr genau. Mit einer großen Wunde an der rechten Bauchwand und Schmerzen im rechten Hinterbein wurde der damals zweijährige Kater in die Praxis gebracht. Durch eine Röntgenaufnahme konnten die Tierärzte einen unnatürliche Lufteinschluss im Gewebe (Emphysem) sowie eine abgerissene Kralle und einen abgebrochenen Eckzahn diagnostizieren.

Dreimal musste der Kater in Narkose gelegt werden, um die stark infizierte Hautwunde zu behandeln. Die abgerissene Kralle wurde amputiert und die Wurzel des abgebrochenen Eckzahnes entfernt. „Moses hatte das Glück, dass seine Besitzer alles getan haben, um seine Behandlung zu stemmen“, sagt Graca rückblickend. Wie sich der junge Kater seine gravierenden Verletzungen zugezogen hat, kann nur vermutet werden. Am wahrscheinlichsten sei ein Wildtierangriff.

„Es gibt immer eine Lösung“

Dass die Behandlungskosten für Hund, Katze und allen anderen Haustiere schnell in die Höhe gehen können, ist kein Geheimnis. Daher schließen immer mehr Tierhalter eine Kranken- und Operationsversicherung für ihre Tiere ab. Eine Maßnahme, die die Daverdener Tierärztin für sinnvoll hält. Andere Halter sparen sich die Behandlungskosten auch zusammen oder zahlen diese in Raten. „In der Regel gibt es immer eine Lösung. Aber wenn der Besuch beim Tierarzt so lange hinausgezögert wird, dann kann das einen schon wütend machen.“ Denn viele Erkrankungen könnten noch behandelt werden, sofern das Tier rechtzeitig vorgestellt wird.

Ein Grund mehr für Graca und ihre Kollegen von der Daverdener Kleintierpraxis, die Geschichten von Liselotte, Moses und den vielen zukünftigen Patienten zu erzählen. Denn die Tierärztin ist sich sicher: „Nur wenn wir darauf aufmerksam machen, können wir etwas ändern.“

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