Horst Hofmann im Interview

„Ich bin immer gerne zur Arbeit gefahren“

Es ist soweit: Nach fast 14 Jahren als Bürgermeister des Fleckens Ottersberg geht Horst Hofmann zum 30. Juni in den Ruhestand. Im Interview lässt er die Zeit nochmal Revue passieren und blickt in die Zukunft.
26.06.2020, 15:30
Lesedauer: 7 Min
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„Ich bin immer gerne zur Arbeit gefahren“
Von Lars Köppler
„Ich bin immer gerne zur Arbeit gefahren“

Nur noch ein paar Tage, dann wird Horst Hofmann seinen Chefsessel für Tim Willy Weber im Ottersberger Rathaus räumen. Der Christdemokrat blickt auf eine 14-jährige Amtszeit als Bürgermeister des Fleckens Ottersberg zurück.

Björn Hake
Am Dienstag übergeben Sie die Rathausschlüssel offiziell an Ihren Nachfolger Tim Willy Weber. Wie ist Ihre Gemütslage in den letzten Tagen als Bürgermeister?

Horst Hofmann: Im Moment schlafe ich nicht sonderlich gut, das gebe ich zu. Es steht noch so viel auf dem Programm und diese Corona-Zeit ist einfach extrem aufregend. Ich weiß noch nicht so genau, wie ich mit dem Ruhestand umgehen werde. Im Moment ist es so, dass man immer unter Dampf ist, bis Dienstag um 16 Uhr, dann habe ich mich mit Herrn Weber verabredet, um ihm die Schlüssel zu übergeben. Das heißt also, am Mittwoch habe ich keinen Schlüssel mehr. Auf einmal ist dann Schicht. Eine große Verabschiedung ist aber ja nicht drin. Wir haben uns darauf geeinigt, dass es bei der nächsten Ratssitzung am 2. Juli, wenn Herr Weber vereidigt wird, einen kleinen Verabschiedungspart geben wird.

Wie fällt Ihre Bilanz nach fast 14 Jahren aus – haben Sie Ihre Ziele erreicht?

In der Summe hat sich seit 2006 Etliches bewegt. Uns haben anfangs die Prognosen zur demografischen Entwicklung begleitet, danach hätten wir jetzt mal gerade 11 000 Einwohner. Aber jetzt sind es mehr als 13 000. Dieser Trend ist sehr positiv und hängt damit zusammen, dass viele Baugebiete sich entwickelt haben. Und was Kindergärten und Schulen angeht, haben wir hier richtig etwas aufgebaut. Wir hatten ja vor 15 Jahren die schlechteste Übergangsquote zum Gymnasium. Die lag bei nur 27 Prozent. In Oyten waren es damals 40 Prozent. Das war für uns der Anlass zu entscheiden, ein Gymnasium in Ottersberg einzurichten. Das war ein Gemeinschaftsprojekt mit dem damaligen Bürgermeister Gerhard Behrens. Aber ich freue mich auch über jedes Windrad, das im Flecken Ottersberg steht. Erneuerbare Energie war von Anfang an mein Thema. Einer meiner ersten Anträge war, für die Grundschule Fischerhude ein Blockheizkraftwerk zu bauen. So habe ich auch die Biogasanlage in Ottersberg mit angeschoben. Bei Erneuerbaren Energien gehört für mich auch Biogas dazu.

Welche offenen Baustellen hätten Sie gern noch vor dem Ende Ihrer Amtszeit abgearbeitet?

Aktuelles Thema ist ja der Otterstedter See. Es ging ja schon zu meiner Zeit als Ortsbürgermeister in Otterstedt los, dass wir die ersten Probleme mit den Blaualgen hatten und versucht haben, den See zu sanieren. Doch dieses Problem hält auch noch ein bisschen an, bis wir wirklich einen Weg gefunden haben, den Otterstedter See wieder so nutzen zu können, wie wir es gewohnt sind. Aber auch die Bauleitplanung liegt mir am Herzen, ich kann gar nicht sagen, wie viele Bauleitplanverfahren gerade laufen. Ob das jetzt für Gewerbe oder Wohnen ist, immer ist der Naturschutz zu beachten. Denn wir sind ja hier durch unsere Lage in der Wümmeniederung eine Ökolandschaft und durch das Regionale Raumordnungsprogramm können wir daher nicht so einfach Baugebiete entstehen lassen.

Hätten Sie rückblickend etwas grundsätzlich anders machen wollen?

Dieses „Hätte“ ist genau der Grund, warum ich keine Lust mehr habe. Die Entscheidung, die man trifft, trifft man immer nur unter den aktuellen Erkenntnissen. Hinterher ist jeder schlauer. Das hat mir auch die Energie in den letzten Jahren geraubt. Trotzdem bin ich immer gerne zur Arbeit gefahren, das mache ich auch immer noch. Aber dass man jetzt teilweise noch hört, dass uns das Gymnasium so viel Geld kostet und sich damit auseinanderzusetzen, dafür fehlt mir die Energie. Deshalb habe ich die Entscheidung, mit 65 Jahren aufzuhören, für mich getroffen. Dieses „Hätte“ ruft nach einer Perfektion, die zum Zeitpunkt einer Entscheidung meist nicht machbar ist. Aber: Wenn es mir gelungen wäre, den Rat besser unter einen Hut zu kriegen, hätte das vielleicht nicht zu anderen Ergebnissen geführt, aber die Sache sicher etwas entspannt.

Welcher Moment Ihrer Amtszeit bleibt Ihnen in besonderer Erinnerung?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Einen konkreten Höhepunkt kann ich nicht benennen. So bin ich zum Beispiel gerne in die Abschlussklassen der Schulen gegangen und es gibt wirklich viele Sachen, die ich gerne gemacht habe. Seltene Geburtstage zum Beispiel, wenn man als Bürgermeister zu einem 100. Geburtstag fährt, das ist schon etwas Besonderes.

Was werden Sie aus Ihrer Sicht als Bürgermeister besonders vermissen?

Das weiß ich noch nicht und das macht auch ganz unruhig. Langsames Runterfahren geht ja nicht. Was wirklich fehlt und wie ich das auffange, das werde ich erst erfahren, wenn es soweit ist. Dieser Gedanke macht mich im Moment etwas flatterig.

Sie haben sich drei Mal zur Wahl gestellt. Beim ersten Mal waren Sie unterlegen, dann haben sie zwei Mal gewonnen. Welche Amtsperiode hat Ihnen am meisten abverlangt?

Die zweite Periode. Kurz nach der Wahl kam die E-Werk-Krise. Das Problem war heftig, aber wir haben es dank der Einstellung von Herrn Dannat mittlerweile komplett gelöst. Das ist vor allem ihm zu verdanken. Wir haben in ihm einen Klassemann gefunden.

Sie sprechen das Thema an: Kurz nach Ihrer Wiederwahl im Jahr 2014 drehte sich in Ottersberg plötzlich alles um die E-Werk-Affäre. Was hat diese Krise mit Ihnen gemacht und wer hat Ihnen geholfen, diese schwere Zeit als Bürgermeister zu überstehen?

Seit ein paar Jahren schlafe ich nicht mehr gut, weil ich mit dieser Kritik nicht mehr umgehen kann. Früher habe ich das noch weggesteckt. Deshalb höre ich auch als Bürgermeister auf. Die Spannung war besonders am Anfang der Aufbereitung der Krise sehr intensiv. Ich sah meine Verantwortung aber nicht darin, dass ich meinen Hut nehme, sondern darin. das Problem zu lösen. Es mussten viele Fehler aufgedeckt werden und Lösungen gefunden werden. In der Übergangszeit hat uns dann Ernst-Dietrich Braetsch unterstützt. Aber auch das Team hier im Hause hat mir in der Krise sehr geholfen. Der Zusammenhalt war groß.

Diese Phase war bestimmt mental nicht leicht für Sie.

Wegen der psychischen Belastung in dieser Zeit habe ich auch externe Hilfe in Anspruch genommen, um das zu überstehen. Es wurde eben nicht von allen Seiten nach einer konstruktiven Lösung gesucht. Es gab heftige Sitzungen, wo ich ganz schön geschwitzt habe. Das war der Tiefpunkt in meiner Karriere, wobei ich mich im Ergebnis aber freue, dass wir dieses Problem lösen konnten und wir jetzt zum Zeitpunkt meines Antrags an den Landrat im Dezember 2019 auf Versetzung in den Ruhestand einen Haushalt mit einem positiven Abschluss in Aussicht hatten. Auch die E-Werksabschlüsse waren positiv. Das Otterbad ist auf einem guten Weg mit der Sanierung. Ich hinterlasse also keinen Trümmerhaufen.

Auch die Gründung des gemeindeeigenen Unternehmens Breitband Innovationen Nord (BIN) fällt in Ihre zweite Amtszeit. Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung?

Auf die BIN bin ich ein wenig stolz. Die Idee ist auf dem Sportplatz entstanden. Ein Pensionär der Telekom aus Otterstedt hatte mich nach einer Aufgabe gefragt. Ich hatte von dem Bundesförderprogramm für Breitbandentwicklung erfahren und ihm gesagt, er könne ja für Narthauen und Benkel eine Förderung für den Glasfaserausbau beantragen. Er hat es geschafft, wir haben die Förderzusage bekommen und 2011 sind Benkel und Narthauen über diesen Förderantrag an das Glasfasernetz angeschlossen worden. Aber als wir das Netz in der Erde hatten, wollte es keiner mieten. Wir hatten eine große Summe in die Erde gebuddelt, wovon wir ein Drittel selber bezahlt hatten, aber kein Betreiber wollte es mieten. Um das Netz zu betreiben, haben wir dann die Breitband Innovationen Nord als richtiges Start-Up-Unternehmen gegründet. Mittlerweile sind wir mit der BIN auf einem guten Weg und die meisten Ottersberger profitieren schon davon.

Die jüngste Wahl zu Ihrem Nachfolger konnten Sie ganz entspannt aus der Ferne beobachten. Warum haben sich die Bürger aus Ihrer Sicht mit knapper Mehrheit für Tim Willy Weber entschieden?

Ich glaube, dass Herr Weber in den letzten Wochen des Wahlkampfes präsenter war. Dabei sind die letzten zwei Wochen die wichtigsten, doch für beide Kandidaten war die reine Briefwahl eine echte Herausforderung. Tim Willy Weber ist trotz Corona immer noch unterwegs gewesen und hat meines Erachtens genau in dieser Zeit die Stimmen geholt, die den Unterschied ausgemacht haben.

Welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger Tim Willy Weber mit auf den Weg?

Ich traue ihm das Amt zu. Wir haben in den vergangenen Wochen schon viel zusammen gemacht und bereits mehrere Vormittage im Rathaus zusammengesessen, wo wir über die anstehenden Aufgaben gesprochen haben. Er hat auch schon mit den Mitarbeitern und Amtsleitungen gesprochen. Ich glaube, dass er seinen Weg hier machen kann. Er kennt den Rat und war zu meiner Zeit als Bürgermeister der Mehrheitsführer. Er weiß um die neutrale Position, die er hier als Beamter und Bürgermeister einzunehmen hat.

Bald sind Sie Pensionär: Was fangen Sie mit der freien Zeit an?

Aufgaben gibt es genug. Die Familie steht oben an und ich werde mich auf jeden Fall in das Bergstedt-Projekt einbringen. Den Ladenumbau möchte ich gerne begleiten. Aber ich habe nicht vor, dort morgens um 6 Uhr die Brötchen zu verkaufen. Zudem baut unser ältester Sohn baut zurzeit ein Haus, da wird sicher immer etwas Arbeit anfallen. Dann noch etwas Fahrradfahren. Aber feste Pläne habe ich mir nicht gemacht, damit ich nicht gleich wieder unter Stress gerate.

Das Gespräch führte Lars Köppler.

Info

Zur Person

Horst Hofmann (65)

Der gebürtige Otterstedter, Jahrgang 1955, ist seit 38 Jahren verheiratet und zwei erwachsene Söhne sowie mittlerweile einen Enkelsohn und eine Enkeltochter. Fast 14 Jahre lang leitete der Christdemokrat die Geschicke des Fleckens Ottersberg als Bürgermeister. Eine Gemeinde mit mehr als 12 000 Einwohnern zu bleiben, mit vielen Kindern und Arbeitsplätzen vor Ort, gehörte zu den wichtigsten Zielen des CDU-Politikers. Zuvor war der gelernte Maurer seit 1986 als Bauingenieur beim Landkreis Verden für den Brückenbau zuständig. Vor seinem Dienstantritt im Ottersberger Rathaus war Hofmann zehn Jahre Ortsbürgermeister in Otterstedt. Ehrlichkeit, Gradlinigkeit und Sachlichkeit zählten für ihn zu den obersten Geboten im Amt.

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