Ottersberger Geschichte

Als Anne Frank durch Ottersberg fuhr

Der Ottersberger Bahnhof hat wie auch andere Bahnhöfe zahlreiche Geschichten, auch traurige Schicksale, zu erzählen. Der Verdener Historiker Joachim Woock hat über dieses Thema einen Vortrag gehalten.
18.12.2019, 16:06
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Von Jörg Hübner
Als Anne Frank durch Ottersberg fuhr

Der Verdener Lehrer und Historiker Joachim Woock hat jüngst die Besucher im Rektorhaus mit seinem Vortrag über den Ottersberger Bahnhof in seinen Bann gezogen.

Björn Hake

Die Schicksale von vielen Menschen sind und waren oftmals mit der Eisenbahn und Bahnhöfen verbunden. Dass auch der Ottersberger Bahnhof in seiner Historie zahlreiche Geschichten zu erzählen hat, nahm die Geschichtswerkstatt im Ottersberger Kulturverein im Rektorhaus um ihren Leiter Friedrich Bartels jüngst zum Anlass, in einem Vortrag an eben solche Schicksale zu erinnern. Als Gastredner konnte der Kulturverein mit dem Verdener Lehrer und Historiker Joachim Woock einen echten Kenner des Ottersberger Bahnhofs gewinnen.

Der Referent war vor seinem Ruhestand als Geschichtslehrer am Berufsschulzentrum in Verden-Dauelsen tätig und hatte im Jahr 2003 im Rahmen eines Projektes über Zwangsarbeiter gemeinsam mit Schülern einen restaurierten Güterwaggon der Reichsbahn als Mahnmal gegen den Holocaust eingeweiht. Zudem fungierte er als Vorsitzender des Vereins für Regionalgeschichte in Verden. Dieser hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Landkreises Verden aufzuarbeiten, umfassend zu dokumentieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen (wir berichteten).

Seit der Verein vor einigen Jahren aufgelöst wurde, hat der Historiker dessen Aufgaben in Privatinitiative weitergeführt und viele Fakten sowie Daten, die die wechselvollen Begebenheiten auf den örtlichen Bahnstrecken speziell während der Nazi-Zeit belegen, ermittelt. Die gewonnenen Erkenntnisse hatte Woock zudem in seinem Aufsatz „Als Anne Frank durch Ottersberg fuhr“ im soeben erschienenen „Jahrbuch für den Landkreis Verden 2020“ veröffentlicht.

Verbindung zu Konzentrationslagern

Als der ehemalige Geschichtslehrer nun im Rektorhaus mit seinen Ausführungen begann, war es mucksmäuschenstill. Seine Worte ergänzte Woock mit zeitgenössischen und ausdrucksstarken Bildern. Der Experte berichtete ausführlich über die örtlichen Schienenstrecken, die einst als Verbindung von Konzentrationslagern wie Bergen-Belsen, Buchenwald, Theresienstadt und dem holländischen Westerbork dienten. Auch zeigte er Dokumente mit Transportlisten, auf denen die Namen der Häftlinge – so auch die der Familie Frank – zu lesen waren und präsentierte Tabellen mit Zahlen der wenigen Überlebenden der Transporte.

Besonders beeindruckend waren die von Woock vorgelesenen Zeitzeugenberichte, die von den menschenunwürdigen Massenunterbringungen und dem unendlichen Leid der Häftlinge, darunter ganze Familien, in den Waggons erzählten. Für seine Recherche hatte der Historiker in aufwendiger Arbeit einige Überlebende ausfindig gemacht und interviewt. Aber auch Informationen über Kriegsverbrecher kamen zur Sprache – zum Beispiel die Verhaftung durch englische Fahnder von Heinrich Himmlers Stellvertreter Oswald Pohl, der sich nach Kriegsende in Ottersberg versteckt hatte.

Neben dem Vortrag des Gastreferenten ließ Friedrich Bartels die Anwesenden an einer Zeitreise teilhaben. Er berichtete in einem bebilderten Beitrag über die Wandlung des Ottersberger Bahnhofs von seiner Eröffnung während der Kaiserzeit bis zu seiner Schließung im Jahr 1988. Dabei zeigte er unter anderem Fotos, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammten und Zeugnis über das zeitgenössische Treiben auf dem Bahnhofsgelände ablegten. Aber auch Originalaufnahmen von dem sich im Jahr 1906 ereigneten Zugunglück am Ottersberger Bahnhof, bei dem acht Menschen starben, waren zu sehen. Weitere Informationen über die Geschichte des Bahnhofs bis zur heutigen Nutzung rundeten den Vortrag ab.

Übergabe des Bahnhof-Modells

Der Ottersberger Bahnhof steht derweil an diesem Freitag, 20. Dezember, ein weiteres Mal im Mittelpunkt einer Veranstaltung. Der passionierte Modellbahner Uwe Nowotnik aus Sottrum hat im Auftrag des Ottersberger Kulturvereins in langer Heimarbeit ein maßstabgetreues Modell des Gebäudes mit Gelände angefertigt. Die Übergabe des Modells soll in einem feierlichen Akt um 17 Uhr im Rektorhaus (Am Brink 9) erfolgen.

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