Das Interview

„Ich möchte diesen Schatz heben“

Tim Willy Weber von der Freien Grünen Bürgerliste Ottersberg möchte am 26. April zum neuen Bürgermeister des Fleckens Ottersberg gewählt werden. Welche Themen ihm wichtig sind, hat er im Interview verraten.
01.04.2020, 15:49
Lesedauer: 6 Min
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„Ich möchte diesen Schatz heben“
Von Lars Köppler
„Ich möchte diesen Schatz heben“

Tim Willy Weber will Zuversicht verbreiten und Lust auf die Zukunft machen. Der FGBO-Kandidat sieht gute Chancen für sich, als Nachfolger von Bürgermeister Horst Hofmann gewählt zu werden.

Jonas Kako
Die Corona-Krise sorgt für Stillstand auf der Welt. Wie gehen Sie als Privatier und Politiker mit dieser Situation um?

Tim Willy Weber: Beruflich ist es tatsächlich nicht so ein großer Einschnitt, weil ich auch vorher schon im Homeoffice gearbeitet habe. Da geht es mir gut. Privat ist das aber natürlich schon eine Einschränkung. Fernsehen schaue ich bewusst nicht. Ich glaube, dass die Bilder, die man sieht, einem nicht guttun. Aber ich beschäftige mich mit den Debatten drumherum. Also zum Beispiel die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen. Ich finde es richtig, wie es jetzt läuft. Aber ich finde es auch wichtig, dass man danach auch nochmal darüber diskutiert. Gesellschaftlich erhoffe ich mir, dass daraus gelernt wird, dass Krankenhaus- und Pflegepersonal besser ausgestattet wird. Wir haben ohne Frage in Deutschland ein hohes Niveau, aber wir gehen mit dem Personal nicht gut um. Und was ich spannend finde: Auf einmal ist ja so vieles möglich, was vorher undenkbar war. Vielleicht können wir das für andere Veränderungsprozesse mitnehmen.

Auch Ihren Wahlwettbewerb mussten Sie wegen der Corona-Regelungen umstellen. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem bisherigen Ergebnis?

Die Umstellung ist ein großer Einschnitt. Ich habe eine Woche gebraucht, um mich mit der Situation anzufreunden, aber jetzt geht es. Normalerweise bin ich schneller. Die Wohnzimmergespräche haben wirklich richtig Spaß gemacht und das geht jetzt nicht mehr. Das war schon verrückt: Am Donnerstag, 12. März, hatte ich noch ein Wohnzimmergespräch, und am Sonnabend darauf habe ich alle abgesagt. Die Plakate stellen wir jetzt auf und da fragen wir uns natürlich, wie viele Menschen diese überhaupt noch sehen. Die Online-Aktivität wird verstärkt und am Sonnabend habe ich auch wieder mit Haustürbesuchen begonnen. Das ging gut, weil man dort zwei Meter Abstand halten kann. Das Angebot wird angenommen. Es machen sogar mehr Menschen die Tür auf. Nur einmal hat jemand gedacht, ich wäre ein Vertreter und hat die Tür wieder zugemacht. Aber ansonsten sind die Menschen sehr nett. Die Haustürbesuche finde ich mit am spannendsten, weil man nicht genau weiß, was einen erwartet.

Glauben Sie, dass der Rückhalt aus den Fraktionen der Bunten Gruppe (SPD und Grüne) ein Vorteil im Wahlkampf ist?

Es ist ein Vorteil, würde ich sagen. Aber es ist hauptsächlich eine Personenwahl, die Kandidaten müssen mit ihrer Person überzeugen und die Bürgerinnen und Bürger entscheiden, wem man es mehr zutraut.

Warum wollen Sie Bürgermeister des Fleckens Ottersberg werden?

Ich gestalte gerne und bin seit 2006 in der Kommunalpolitik. Die Arbeit macht mir viel Freude, aber als ehrenamtliches Ratsmitglied stößt man auch an seine Grenzen. Für mich ist es der nächste Schritt, Bürgermeister zu werden und ich möchte als Bürgermeister sowohl der Gemeinde als auch den Bürgerinnen und Bürgern gerne dienen. Ich traue mir die Führungsverantwortung zu und habe mich im Vorfeld längere Zeit mit dieser Frage beschäftigt. Es sind zusammen mit dem E-Werk immerhin 130 Mitarbeiter. Zwar nicht über einen so großen Stab, aber ich habe seit 25 Jahren Führungserfahrung. Im Vorfeld habe ich mit anderen Bürgermeistern darüber geredet, wie die das einschätzen. Da habe ich viel Zuspruch bekommen.

Was wäre Ihre erste Amtshandlung?

Den Arbeitsplatz einrichten und bevor die Amtszeit beginnt, würde ich die Fraktionen besuchen – zuerst die CDU-Fraktion. Ich würde auch den einen oder anderen Kindergarten und den Bauhof besuchen, um die Mitarbeiter kennenzulernen. Ich möchte gerne die Lobrede auf Herrn Hofmann halten. Denn er war 14 Jahre für die Gemeinde engagiert. Das ist zu würdigen.

Apropos Horst Hofmann: Was würden Sie anders machen als er?

Ich glaube, dass ich es besser verstehe, mit den einzelnen Gruppen zu kommunizieren. Ich kann besser die Brücken bauen. Und ich würde mehr darauf achten, dass Beschlüsse des Rates auch umgesetzt werden, auch wenn ich anderer Meinung war.

Gibt es da ein konkretes Beispiel?

Beim Brückenbauen meine ich meine Rolle bei der Gestaltungssatzung in Fischerhude. Bei in meinen Augen nicht umgesetzten Beschlüssen spreche ich vom Otterstedter See oder der Beleuchtung beim Radweg zwischen Bahnhof und Kernort.

Welche Themen sind Ihnen besonders wichtig?

Die mir wichtigen Themen Wohnen und Verkehr sind mir in den Gesprächen schon bestätigt worden, beim Verkehr durchaus auch Fahrradverkehr und ÖPNV. Hinzugekommen und dringlicher geworden ist der Zustand der Straßen und Wege. Es ist nicht so, dass ich das überhaupt nicht auf dem Radar hatte, aber es ist in der Prioritätenliste wichtiger geworden. Was auch oft genannt wurde, ist die Attraktivität und Weiterentwicklung des Kernortes. Auch das ist jetzt dringender geworden. Von den Unternehmern kam der Wunsch, ein Leitbild für Ottersberg zu erstellen. Die Bürgernähe, die durch die Wohnzimmergespräche und Haustürbesuche entsteht, wurde häufiger von den Menschen hervorgehoben.

Welches Problem im Flecken Ottersberg muss am dringlichsten angepackt werden?

Es gibt soziale Probleme, was sich unter anderem in Vandalismus und Drogenkonsum äußert. Beim Jugendzentrum und beim Sportzentrum haben wir es mit Vandalismus zu tun. Und Drogen werden an den Schulen, zuletzt an der Wümmeschule, angeboten. Die Umwelt leidet in den letzten zwei Jahren unter Wasserknappheit und Artenrückgang. Durch Corona wird es zudem wirtschaftspolitische Unsicherheiten geben. Ich bin da aber gar nicht so pessimistisch, wir werden uns wie nach der Finanzkrise schnell fangen. Das Wichtigste wird sein, trotzdem Zuversicht und Lust auf die Zukunft zu vermitteln und die Menschen damit anzustecken.

Sie sprachen die sozialen Probleme an. Wie lautet Ihr Masterplan, um das in den Griff zu bekommen?

Ich habe keinen Masterplan. Die Kommunalpolitik kommt da an Grenzen. Sicherlich können wir die Jugendarbeit zwecks Prävention besser ausstatten und die Vernetzung mit den Sportvereinen und Unternehmen anregen. Ich hoffe auch auf zivilgesellschaftliche Initiativen.

Wie sehen Sie die Gemeinde wirtschaftlich und finanziell aufgestellt?

Wir haben an die 5000 Arbeitsplätze, das kann sich sehen lassen. Wir haben aber jetzt Probleme mit der Abwanderung renommierter Firmen. Das heißt, dass wir näher an den Unternehmen dran sein müssen. Auch jetzt war die Verwaltung den Unternehmen gegenüber schon offen, aber wir müssen da noch aktiver werden. Und wir müssen nach Flächen schauen, wo wir noch etwas entwickeln können. Der Flecken hat viele Natur- und Landschaftsschutzgebiete, was schön ist, jedoch die Entwicklung von Gewerbegebieten erschwert. Und finanzpolitisch: Klar, wir haben viele Schulden. Aber es wurde bei uns im Land Niedersachsen ja eine Haushaltsführung (Doppik statt Kameralistik) eingeführt, die die Schulden einer Gemeinde ins Verhältnis zu ihrem Vermögen setzt. Ende 2019 haben wir 13,4 Millionen Euro Schulden im Kernhaushalt, bei einer Bilanzsumme von ungefähr 68 Millionen Euro. Das Anlagevermögen beträgt mehr als 60 Millionen Euro. Das heißt, es ist nicht so dramatisch, wie es oft wahrgenommen wird. Dennoch wird es natürlich Thema sein. Ich visiere für das Jahr 2023 an, dass wir mit einem behutsamen Schuldenabbau anfangen.

Sie befinden sich auf der Zielgerade im Wahlwettbewerb mit Reiner Sterna. Welche Stärken hat Ihr Konkurrent und was halten Sie dagegen?

Reiner Sterna ist engagiert für Posthausen, eindeutig. Er hat ein gewinnendes Auftreten und auch sozialpolitisches Verständnis. Was er übersieht und was ich dagegen halten kann, ist, dass er im Ortsrat Posthausen eine Mehrheit von fünf CDU-Mitgliedern hat. Politik im Ortsrat Ottersberg und im Rat bei wechselnden Mehrheiten ist deutlich anspruchsvoller. Wenn ich mir die letzten größeren Konflikte ansehe, wie die E-Werkskrise, die Erweiterung der Firma Brüning oder auch die Gestaltungssatzung, da war Herr Sterna nicht der Wortführer. Und für den Gesamtflecken Verantwortung zu übernehmen, heißt auch, dort in die Wortführerschaft zu gehen. Sowohl die Zusammenarbeit mit SPD und Grünen, als auch mit der Verwaltung und teilweise der CDU lief ja auch maßgeblich über meine Person. Bei den Feuerwehrhäusern finde ich es offensichtlich, dass Herr Sterna und die CDU, als die Haushaltsmittel freigegeben werden sollten, dagegen gestimmt haben. Ihnen war die Maßnahme mit 3,85 Millionen Euro zu teuer. Aber in der Einladung zum Neujahrsempfang haben sie gesagt – mit der Unterschrift von Herrn Sterna: Wir bringen das auf den Weg. Und ich erwarte eigentlich von einem Kandidaten, dass er auch zu seinen Entscheidungen steht.

Welche Botschaft möchten Sie den Bürgerinnen und Bürgern vor der Briefwahl am 26. April noch mit auf den Weg geben?

Mir liegt der Flecken Ottersberg mit seinen Menschen am Herzen. Das merke ich jedes Mal beim Herumfahren mit dem Fahrrad. Ich bin jetzt von Ebbensiek über Benkel bis Grasdorf mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und habe festgestellt, dass der Flecken sehr vielfältig ist. Das macht Politik manchmal etwas anspruchsvoller, aber das ist auch ein riesiges Potenzial. Als Bürgermeister möchte ich gerne dazu beitragen, diesen Schatz zu heben.

Das Gespräch führte Lars Köppler.

Info

Zur Person

Tim Willy Weber (48)

ist verheiratet und hat drei Töchter im Alter von 23, 21 und 19 Jahren. Nach seinem Studium der Politikwissenschaften hat er den Verein Mehr Demokratie aufgebaut, wo er als Geschäftsführer fungiert.

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