Das schlimmste Spiel meines Lebens

Kurze Nacht, kurze Partie

In unserer Serie erinnern sich Sportler an ihr sportlich negativstes Erlebnis: In Teil zwei ist der gebürtige Ottersberger Rafael Czichos, Fußball-Profi beim 1. FC Köln, an der Reihe.
27.05.2020, 14:20
Lesedauer: 3 Min
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Von Florian Kastens
Kurze Nacht, kurze Partie

Das schnelle Ende eines gebrauchten Tages: Schiedsrichter Tobias Stieler zeigt Kölns Rafael Czichos die Gelb-Rote Karte.

Marius Becker/dpa

Für den gebürtigen Ottersberger Rafael Czichos ging der Weg in den letzten Jahren beständig nach oben. Mittlerweile ist er mit dem 1. FC Köln in der Bundesliga angekommen und war bis zu seiner Halswirbelverletzung unangefochtener Stammspieler. Er hat sich mit seinen Einsätzen in der 1. Liga einen Kindheitstraum erfüllt, und doch sind es zwei Spiele aus der jüngeren Vergangenheit, die ihm in negativer Hinsicht im Gedächtnis geblieben sind: „Im April 2019 haben wir mit Köln bei Dynamo Dresden 0:3 verloren. Das war als Mannschaft ein komplett enttäuschender Auftritt. Kurz danach musste unser Trainer Markus Anfang trotz der Tabellenführung in Liga zwei gehen. Als Team ist so etwas dann auch immer keine schöne Geschichte“, weiß der vor Kurzem 30 Jahre alt gewordene Innenverteidiger zu berichten.

Für unsere Serie „Das schlimmste Spiel meines Lebens“ entscheidet sich Rafael Czichos dann aber für ein Match, das für ihn persönlich vorzeitig endete. „Einige Zeit zu knabbern hatte ich an meinen Auftritt im Heimspiel gegen den FC Augsburg. Elfmeter verursacht, Platzverweis: Ich habe definitiv schon bessere Tage erlebt“, schmunzelt der Linksfuß. Aber der Reihe nach: Am 30. November 2019 empfängt der FC den FCA, Spieltag Nummer 13.Die Partie im Kölner Rhein-Energie-Stadion ist gerade wenige Minuten alt, als Rafael Czichos den einschussbereiten Florian Niederlechner zu Fall bringt und Schiedsrichter Tobias Stieler ohne zu zögern auf Elfmeter entscheidet. „Der Strafstoß war unstrittig. Für mich war es nur extrem heikel, weil ich auch noch einen Platzverweis fürchtete, immerhin hätte Niederlechner nur einzuschieben brauchen. Ich habe mich schnell vom Tatort entfernt. Der Schiedsrichter kam hinterher, ich drehte mich um und war heilfroh, dass es nur die Gelbe Karte gab“, konnte sich Czichos wenig später abermals freuen, als Torhüter Timo Horn den Elfmeter parieren konnte.

Doch wirklich besser lief der Tag fortan nicht mehr für den sonst so konstanten Abwehrspieler, der nicht einmal mehr den Halbzeitpfiff auf dem Rasen erleben sollte. Fünf Minuten vor dem Seitenwechsel brachte ihn Mitspieler Ismail Jakobs mit einem schwachen Pass in Bedrängnis. Anstatt den Ball direkt zu schlagen, misslang Rafael Czichos die Ballannahme. Er konnte den startenden Niederlechner anschließend nur halten und sah die Ampelkarte. „Im Nachhinein ist man immer schlauer. Diese Situation gegen einen in der Form seines Lebens befindlichen Florian Niederlechner spielerisch lösen zu wollen, war sicher nicht die beste Idee“, weiß Czichos, der dennoch den Erfolg des Teams hervorhebt: „Wichtig ist immer noch, dass wir am Ende zumindest unentschieden gespielt haben.“ 1:1 hieß es nach 90 Minuten.

Doch was nimmt er persönlich für sich mit aus solch einem gebrauchten Tag? „Ich habe durchaus etwas gelernt: In der Nacht zuvor hat unser Sohn Ben sehr unruhig geschlafen. Beim nächsten Mal würde ich mich frühzeitig ins Gästezimmer verabschieden, um optimal vorbereitet zu sein. In der Bundesliga reicht es schon aus, wenn dir nur wenige Prozentpunkte zu deiner Topleistung fehlen.“

Vorwürfe oder flapsige Sprüche gab es im Nachhinein keine aus den Reihen seiner Teamkollegen. „Dazu ist unsere Mannschaft einfach zu gut aufgestellt. Da gehen wir sehr fair miteinander um. Ganz im Gegenteil: Ismail hat mich abends noch angeschrieben, um sich für seinen schlechten Pass zu entschuldigen, aber ich bin weit davon entfernt, jemand anderem Vorwürfe zu machen. Ich bin selbstkritisch genug, um die Situation einschätzen zu können. Einen schlechten Tag kann schließlich jeder mal haben, und beim nächsten Spiel sieht die Welt dann schon wieder ganz anders aus“, erklärt Czichos.

Nach Ablauf seiner Speere kehrte er am 15. Spieltag direkt wieder in die Startformation zurück und steuerte seinen Teil zum Triumph im Rhein-Derby gegen Bayer Leverkusen bei. Dies war auch der erste Sieg unter Markus Gisdol als Chef-Coach der Kölner. Gerade die zurückliegenden Wochen führten Czichos vor Augen, dass es Schlimmeres gibt, als ein missglücktes Spiel. Die Corona-Krise ist allgegenwärtig, und vor allem seine Verletzung war nicht zu unterschätzen. Seit Kurzem befindet er sich wieder im Mannschaftstraining.

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