Neue Ausstellung in Fischerhude

Der etwas andere Modersohn

Frühlingsbilder statt düstere Moorlandschaften: Die neue Ausstellung im Modersohn-Museum in Fischerhude zeigt Werke des Künstlers auf dem Weg in die Moderne. Bis Anfang 2020 ist sie geöffnet.
08.09.2019, 17:29
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Von Wilfried Adelmann
Der etwas andere Modersohn

Ruhig etwas länger vor den Bildern verweilen – wurde bei der Vernissage empfohlen.

Björn Hake

Der Regen prasselt laut auf das Zelt, in dem zahlreiche Gäste der Ausstellungseröffnung auf die Rede von Rainer Noeres warten. Der Nachwuchs hat es sich hinter dem Rednerpult gemütlich gemacht und es braucht nur noch eine kleine Verstärkeranlage und ein Mikrofon, damit Noeres mit seiner Begrüßungsrede beginnen kann. Der Regen lässt nach, das Mikrofon funktioniert und die Gäste erfahren, dass es sich bei den Bildern, die seit Sonntag bis zum 5. Januar 2020 im Modersohn-Museum in Fischerhude gezeigt werden, um viele private Leihgaben handelt, die manchmal sogar für die Betreiber des Museums eine Überraschung waren.

Neben einer Kladde, in der Otto Modersohn fein säuberlich die Preise für seine Arbeiten notiert hatte, sind Bilder zu sehen, die von ihm in einem kleinen Format auf Holztafeln gemalt wurden. Der damalige Kunsthallendirektor Dr. Emil Waldmann aus Bremen schrieb dazu einst: „Er malt kleine Bilder, intim, fein, durchgebildet bis ins Letzte und von einer bezaubernden frischen Grazie der Empfindung. Aufgegeben hat er nichts von seinen ursprünglichen Vorzügen, mit denen er Ende der 1990er-Jahre des vorigen Jahrhunderts so erfolgreich hervortrat. Gewonnen aber hat er eine ruhigere und sichere Vertiefung.“

Die im Jahr 1917 gemalten Bilder beeindrucken durch ihre Reduzierung auf das kleine Format und die Absicht Modersohns, die dekorative Wirkung aus seinem Werk heraus zu halten. Auch die großformatigen Bilder in der Ausstellung zeigen, wie er mit der Reduzierung auf das Wesentliche experimentiert. Die Motive werden flächig angelegt, ohne dabei an Tiefe zu verlieren und mit der Verwendung von viel Malmittel erreicht der Künstler, dass der Betrachter den geistigen Vorgang beim Erstellen der Werke nachvollziehen kann.

Rainer Noeres empfiehlt daher in seiner Rede am Sonnabend den Gästen der Ausstellung, sie sollten nicht flanieren, sondern vor einem Bild lange verweilen und dann die Differenziertheit des Dargestellten in sich aufnehmen. „Es ist ein anderer Modersohn, der uns hier begegnet.“ In seinen Frühlingsbildern lässt eine starke Kolorierung die Besucher daran zweifeln, hier den düsteren Moormaler vor sich zu haben. Die Betonung des Ganzen als Harmonieanspruch wird deutlich. „... das Stoffliche muss man ganz überwinden, alle Dinge müssen etwas Gemeinsames haben, wie ein Gewebe ...“, schreibt Modersohn 1921. Der direkte Zugang des Künstlers zur Natur über das malerische Werk ist ein Akt der Freiheit, wenn er die Schöpferkraft frei walten lässt, ist Modersohn überzeugt.

Den neuen Strömungen, wie zum Beispiel den Kubismus, Dada oder Surrealismus gegenüber ist er zwar nicht offen, aber auch er befindet sich auf dem Weg in die Moderne und mit der Betonung des freiheitlich, schöpferischen Gestaltens bereitet auch er den Weg für neue Konzepte. Besonders zeigt sich dies an dem Bild „Winterlandschaft mit Graben“. Er notiert dazu 1925: „Meine letzte Winterlandschaft muss mein Wegweiser sein für die Zukunft. Alle verstandesmäßige Klügelei hält nicht stand.“ Und in der Tat ist in diesem Bild die Reduzierung sehr weit fortgeschritten und es überzeugt mit einer Stimmung, die das Wesentliche betont und dem Satz recht gibt „Alles Überflüssige – raus“. Nicht das Filigrane der Form überzeugt, sondern man spürt den Maler und seine Auffassung in diesem Bild. Farbe, Form und Inhalt stehen in Harmonie mit der Ganzheit – mit der Kraft der individuellen Gestaltung eines Stücks Daseins.

Die Schöpferkraft des Künstlers Otto Modersohn zeigt diese Ausstellung sehr gut und so mancher Gast verweilte tatsächlich lange vor den Heide-, Moor-, Wümme- und Winterlandschaften, um einen anderen Modersohn kennenzulernen.

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