Das Porträt Ein Musiker durch und durch

Als Dirigent des Ottersberger Kammerorchesters und Teil zweier Musikbands ist Clive Ford offensichtlich der Musik verfallen. Eine Leidenschaft, die der gebürtige Brite schon als Kind entwickelte.
13.08.2019, 16:11
Lesedauer: 4 Min
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Von Nico Brunetti

Clive Ford trägt mittlerweile zwei Pässe in seinem Portmonnaie herum. Zum englischen Pass ist nun nämlich auch der deutsche Pass hinzugekommen. Auf die Frage nach dem Warum hatte er die naheliegende Antwort parat. „Die doppelte Staatsbürgerschaft habe ich wegen dem Brexit beantragt. Das war der Ausgangspunkt“, erzählt der 52-jährige Musiker aus Ottersberg und spricht von einem aufwändigen Prozedere. „Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich alles unter einem Hut hatte. Der Einbürgerungstest, der mir leicht gefallen ist, und die Bearbeitung der Dokumente haben Zeit in Anspruch genommen.“ Letztlich übersprang Ford aber alle bürokratischen Hürden erfolgreich, sodass er sich jetzt nicht mehr nur als Engländer, sondern auch als Deutscher bezeichnen darf.

Der gebürtige Brite, der nunmehr seit knapp 30 Jahren in Deutschland lebt, besitzt nach eigenen Angaben auch landestypische Eigenschaften. „Es ist sehr deutsch, direkt zu sein. Das habe ich“, berichtet Ford. In seinem Heimatland sei das Gegenteil der Fall. „In England packt man schön ein, was man möchte.“ Er hat aber auch einiges aus seiner Heimat mit nach Deutschland genommen. „Den englischen Charme habe ich noch und den Humor auch. Der Engländer kann über sich selbst lachen, der Deutsche macht das nicht so gerne“, sagt Ford. Bei seinen Mitmenschen kommt seine Art gut an. Unter anderem als Leiter des Ottersberger Kammerorchesters erfuhr er schon viel positives Feedback.

„Manche Menschen kommen nur wegen der Moderation von mir. Ich rede gerne Blödsinn und versuche für eine schöne, lockere Atmosphäre zu sorgen“, meint Ford. Als Dirigent beim Kammerorchester leitet der im Süden Englands aufgewachsene Ford eine Gruppe mit Musikern zwischen 16 und 80 Jahren. Trotz des großen Altersunterschiedes zwischen den Teilnehmern fällt ihm der Umgang leicht. „Unsere gemeinsame Sprache ist Musik. Ich versuche ihnen hierbei ein Fundament zu geben, damit sie sich sicher fühlen. Mit den Erwachsenen muss ich nicht so viel reden“, sagt der 52-Jährige, der die Fortschritte lobt: „Wir sind mittlerweile ein sehr ambitioniertes Laienorchester. Es wird immer besser.“

Faible für jiddische Volksmusik

Für Ford ist diese Tätigkeit ziemlich planbar. Demnach seien die Termine für die Proben sowie die Konzerte recht klar. Daneben übt er weitere musikalische Aktivitäten aus, beispielsweise ist er Mitglied (Kontrabass, Querflöte, Gesang) der Band „Cladatje“: Sie spielt Klezmer, jiddische Volksmusik. „Im Frühling und im Sommer haben wir viel zu tun, da sind wir fast jedes Wochenende unterwegs“, beschreibt Ford. Er ist im Endeffekt auch Derjenige, der für die Gründung verantwortlich war. Das passierte in seiner Funktion als Lehrer der Freien Rudolf-Steiner-Schule in Ottersberg. „Auf unserer Waldorfschule gab es keine Musik. Da habe ich ein paar Leute gefragt, ob sie mitspielen wollen. Jetzt sind wir fünf Mitglieder, am Anfang waren wir unglaublicherweise zehn Mitglieder“, sagt der 52-Jährige.

Weniger Verantwortung trägt Ford als Mitglied von „Thedas Touch“. In dieser Band tritt er gelegentlich mit seinem 22 Jahre alten Sohn Luke und dem Lilienthaler Manfred Mrotzek auf. „Hier bin ich nicht der Chef, hier kann ich entspannen und musizieren. Das macht Spaß“, berichtete er. All seine musikalischen Aktivitäten existieren schon seit über 20 Jahren, passend zu seiner Person. „Wenn ich etwas mache, dann bleibe ich stetig dabei. Ich bin sehr bestimmend, zielgerichtet und weiß, was ich will.“

Seine Leidenschaft zur Musik entfachte Clive Ford schon als Kind in seiner Heimat. „In England singt und spielt man viel mehr. Mit den Notenheften meiner Lehrer lernte ich Blockflöte, im Gymnasium bin ich dann zum Kontrabass gekommen“, erzählt Ford. Durch seine Liebe zur Musik entdeckte er dann auch Deutschland. „Ich war Musiker der britischen Armee und mit 18 Jahren bin ich dann auf eigenem Wunsch in Deutschland stationiert worden. Mir war es wichtig, etwas anderes zu sehen. Andere Sprache, andere Leute, das wollte ich unbedingt.“ Nachdem er dann nach drei Jahren wieder in seine englische Heimat zurückkehrte, zog er auch wegen seiner damaligen Partnerin irgendwann komplett nach Deutschland – zwischenzeitlich hatte er in England eine Ausbildung als Waldorflehrer abgeschlossen. „Kunst und Musik sind Hauptthemen der Waldorfschule. Zudem spielen Philosophie und Pädagogik eine Rolle, das fand ich sehr spannend“, skizziert er.

Regisseur für Theaterstücke

In Sachen Musik macht ihm sicher kaum mehr jemand etwas vor, so weist Ford eine enorme Erfahrung auf. „Ich kriege aus allen Instrumenten etwas raus, momentan sitze ich zum Beispiel ständig am Klavier.“ Aufgrund seiner Tätigkeiten hält er es auch für wichtig, breit aufgestellt zu sein. „Um meinen Schülern etwas beibringen zu können, muss ich die Strukturen und die Schwierigkeiten kennen“, sagt Ford. Gerne ist er auch auf der Bühne, als Schauspieler tritt er allerdings zu seinem Bedauern nicht auf. Diese Vorliebe kann er trotzdem ausleben. Auf der Freien Rudolf-Steiner-Schule in Ottersberg führt er bei einem Theaterprojekt Regie.

Den nötigen Ausgleich in seinem prall gefüllten Terminkalender holt er sich über den Sport. Denn der Frühaufsteher lässt es sich nicht nehmen, jeden Morgen in Sottrum oder in Ottersberg zwei Kilometer zu schwimmen. Außerdem spielt er Floorball in einem Verein in Lilienthal. „Das ist eine Art Hallenhockey und ich finde das toll. Das ist ein geiles Spiel und Bewegung schadet nicht“, so Ford. In Deutschland fühle er sich zwar grundsätzlich wohl, natürlich gebe es aber auch Dinge aus der Heimat, die der in Newbury geborene 52-Jährige vermisse: „Die Landschaft und die typischen englischen alten Gebäude, die fehlen mir hier.“

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