Interdisziplinäres Verkehrskonzept Entschleunigung durch Kunst

An der Ottersberger Hochschule ist jetzt das Projekt „FairVerkehr“ gestartet. Ziel dieses Experiments ist es, den Verkehr auf der Große Straße durch die Installation von Kunstobjekten zu entschleunigen.
16.12.2019, 16:53
Lesedauer: 3 Min
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Entschleunigung durch Kunst
Von Lars Köppler

Lässt sich der Durchgangsverkehr auf der stark befahrenen Großen Straße in Ottersberg tatsächlich durch die Installation von Kunstobjekten entschleunigen? Eine mögliche Antwort auf zu schnelles Fahren im ländlichen Raum mit den Möglichkeiten von Kunst, Verkehrspsychologie und Verkehrswissenschaft versucht jetzt das Team der Ottersberger Hochschule für Künste im Sozialen (HKS) im Zusammenspiel mit der Leuphana Universität Lüneburg und der Technischen Universität Hamburg im Rahmen des Verbundprojektes „FairVerkehr“ auszuloten. Am Montag haben sich die Vertreter dieser Institutionen und Bürgermeister Horst Hofmann zum offiziellen Start des Projektes im Campus an der Großen Straße getroffen und das Konzept vorgestellt.

In diesem interdisziplinären Projekt, das mit Fördergeldern in Höhe von 100 000 Euro vom Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium getragen wird, soll die künstlerische Einmischung in erster Linie das Ambiente des Wohnquartiers verändern, das seinerseits ein den atmosphärischen Bedingungen angepasstes Verkehrsverhalten nahelegt. „Für uns ist das sehr spannend, weil bei diesem Projekt die Kunst mit den präzisen Wissenschaften zusammenarbeitet“, erklärt HKS-Geschäftsführer Ralf Rummel-Suhrcke. Um den aktuellen Stand des Wohnareals entlang der Großen Straße zu ermitteln, sollen die Anwohner aktiv eingebunden und die gewünschten Veränderungen durch die Befragung der betroffenen Bevölkerung ermittelt werden. „Es wird ein Überraschungspaket, auch weil wir auf die Akzeptanz der Bevölkerung angewiesen sind“, sagt Professor Michael Dörner, der neben Ralf Rummel-Suhrcke, Rainer Höger (Leuphana Universität Lüneburg) und Carsten Gertz von der TU Hamburg im März dieses Jahres zu den Antragstellern gehörte.

Einbeziehung der Bevölkerung

Die Bewertung einzelner Abschnitte der Großen Straße sollen nach der Befragung in einer Atmosphärenkarte dokumentiert werden, um bestimmende Hotspots zu identifizieren. Gemeinsam mit der betroffenen Bevölkerung sollen zunächst diejenigen künstlerischen Interventionsvorschläge ausgewählt werden, die am besten geeignet erscheinen, eine Veränderung der Atmosphäre herbeizuführen. Anschließend sollen diese als Installationen im Straßenraum verwirklicht werden. Drei bis vier Kunstwerke, so die Einschätzung von Ralf Rummel-Suhrcke, könnten am Ende die Große Straße säumen und das Ortsbild verschönern.

Begleitend zu diesen Handlungen werden verkehrstechnische Messungen und wahrnehmungspsychologische Untersuchungen – etwa die Analyse des Blickverhaltens der Verkehrsteilnehmer – ausgeführt, um im Sinne eines Vorher-Nachher-Vergleichs die Wirkungen der künstlerischen Installationen zu beurteilen. Die Überprüfung der sogenannten Intervention soll derweil in zwei Phasen erfolgen. Zunächst unmittelbar nach der Aufstellung der Kunstobjekte und im Anschluss mit einem Zeitversatz von anderthalb Monaten als eine mittelfristige Bewertung. „Im Fall einer geglückten Intervention muss herausgearbeitet werden, welche Komponenten wesentlich zum Erfolg der Maßnahme beigetragen haben. Auf diese Weise lassen sich Handlungsempfehlungen zur Übertragung des Maßnahmenpakets auch auf andere Gemeinden formulieren“, erklärt Rainer Höger.

Die Analyse des Verkehrsverhaltens durch die TU Hamburg soll bis Anfang 2020 vorliegen. Mit diesen Erkenntnissen sollen dann Ideen zur künstlerischen Umgestaltung der Großen Straße gemeinsam mit den betroffenen Anwohnern entwickelt werden, bevor letztlich die Kunstobjekte kreiert werden können, die eine „sympathische Veränderung“ der Atmosphäre in dem Wohnareal herstellen sollen. Wichtig sei es der Hochschule dabei, sich auf die Historie der Großen Straße zu beziehen, erklärt Ralf Rummel-Suhrcke.

Fördergelder für die Umsetzung

Von dem zur Verfügung gestellten Fördergeld wird die Ottersberger Hochschule insgesamt 54 000 Euro und damit den Löwenanteil für dieses Projekt erhalten. Darin enthalten sind die Kosten für wissenschaftliches und studentisches Personal, das Material für die Kunstobjekte und Fahrtkosten. Bürgermeister Horst Hofmann findet derweil, dass sich die Große Straße als ehemalige Bundesstraße mit seiner breiten Fahrbahn und dem regen Durchgangsverkehr von tagsüber rund zehn Fahrzeugen pro Minute bestens für dieses Experiment eignet. „Es ist für Ottersberg eine Paradestraße. Ich erhoffe mir, dass die Autofahrer durch die Kunst an der Straße im Unterbewusstsein langsamer fahren.“

Die Große Straße ist indes eine von zwei Untersuchungsorten. Auch in der Gemeinde Axstedt im Landkreis Osterholz, dort im Bereich der Hauptstraße und Bahnhofstraße, soll dieses Projekt mit Begleitforschung getestet werden.

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