Vize-Verwaltungschef im Interview

„Es ist auch Wehmut im Spiel“

Nach 46 Jahren im Ottersberger Rathaus steht Vize-Verwaltungschef Jürgen Buthmann-von Schwartz nun der vorzeitige Abschied bevor. Am 30. April hat der 62-Jährige offiziell seinen letzten Arbeitstag.
16.01.2019, 16:35
Lesedauer: 4 Min
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„Es ist auch Wehmut im Spiel“
Von Lars Köppler
Herr Buthmann-von Schwartz, Sie wirken immer ruhig, entspannt und jederzeit souverän. Brodelt es denn kein bisschen in Ihnen bei dem Gedanken, bald nicht mehr Teil des Ottersberger Rathauses zu sein?

Jürgen Buthmann-von Schwartz: Es ist schon ein ungewohntes Gefühl, das muss ich zugeben. Angst habe ich vor diesem Schritt zwar nicht, aber Respekt schon, weil mir viele Dinge auch fehlen werden.

Zum Beispiel?

Die ganzen Gespräche, die ich hier täglich so mit der Bevölkerung und natürlich auch mit den Kollegen führe, werde ich bald nicht mehr haben. Aber auch die Vielfalt an Sachgebieten, von der Straßenbeleuchtung über Bauangelegenheiten, die mir immer sehr viel Spaß gemacht haben, bis hin zum Kindergartenplatz, werde ich vermissen. Man war hier in seiner Arbeit nicht eingefahren. Es ist durchaus auch Wehmut im Spiel. Dafür waren es nicht einfach nur ein paar Wochen oder Monate, die ich hier erlebt habe.

Aber Ihren Abschied haben Sie frei gewählt. Was hat Sie dazu bewogen, mit 62 Jahren in den Ruhestand zu gehen?

Ich bin seit 46 Jahren hier im Rathaus und hätte natürlich auch bis 66 weitermachen können. Jetzt muss ich zwar auf Ansprüche verzichten, aber das Leben ist endlich und es gibt viele Dinge zu Hause, die ich erledigen muss. Wir sind Großeltern geworden und die kleine Emma lebt nicht gerade vor unserer Haustür, sondern in Aachen. Wir fühlen uns somit auch familiär verbunden und verpflichtet.

Haben Sie schon greifbare Pläne, wie Sie künftig außerdem Ihre Freizeit verbringen wollen?

Ja, wir bewirtschaften einen Hof mit Garten, den wir instandhalten müssen. Und das kann ich künftig dann auch mal in der Woche machen. Und ich kann morgens ein bisschen länger die Zeitung lesen. Das mache ich jetzt zwar auch, aber es ist immer ein Schnelldurchlauf. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, im Frühjahr zu gehen. Einmal wegen des Sonnenstandes und außerdem ist es eine Phase, in der ich gleich etwas im Garten machen kann und gefordert bin. Wenn ich in der dunklen Jahreszeit gegangen wäre, was auch eine Überlegung war, wäre mir vielleicht die Decke auf den Kopf gefallen. So kann ich mich im Sommer gleich abreagieren.

Gehen wir aber von der Zukunft noch einmal zurück in die tiefste Vergangenheit. Können Sie sich noch an Ihre Anfänge im Rathaus erinnern?

Ich bin ein Kind der Gebietsreform. Jürgen Braun war der erste Chef, den ich hatte. Er war Gemeindedirektor und hat mich eingestellt. Als Jugendlicher, das muss 1971 gewesen sein, habe ich als Fischerhuder sogar beim Maifest-Umzug gegen den Eintritt Fischerhudes in die Gemeinde Ottersberg demonstriert. Wir hatten einen Wagen mit der Aufschrift „Niemals Ottersberg!“ Das war total bekloppt, wenn man heute daran zurückdenkt. Aber Fischerhude wollte sich nicht eingemeinden lassen, die wollten lieber selbstständig bleiben.

Dann sind Sie aber doch Teil des Verwaltungsapparates mit Fischerhude in der Einheitsgemeinde Ottersberg geworden. Wie hat sich denn das Rathaus in den vergangenen 46 Jahren verändert?

Der technische Fortschritt ist unglaublich. Wir haben damals noch mit einer Schreibmaschine gearbeitet und die Pässe selber mit der Hand ausgestellt. Heute gibt es den Pass mit digitalem Fingerabdruck. Wir hatten nur zwei Telefonnummern, eine Durchwahl gab es noch gar nicht. 215 und 685 lauteten die beiden Nummern, und unser Telefonist hat die Gespräche dann zu uns durchgestellt. An eine E-Mail war überhaupt nicht zu denken. Das Faxgerät war zu der Zeit schon eine Revolution, einfach sensationell. Die Arbeiten im Büro waren nur mit einem relativ hohen Aufwand zu erledigen.

Ein Mann mit Ihrer Vita kann sich bestimmt an viele Ereignisse erinnern. Gibt es eine Anekdote, die Sie als besonders prägend empfinden?

Ich kann viele Geschichten erzählen, die Aufs und Abs, die Tiefschläge. Es gab natürlich auch Dinge, bei denen ich mich gefragt habe: 'Was machst du hier?' Zum Beispiel die Volkszählung 1987. Daran werde ich mich zeitlebens negativ erinnern. Ich war damals der Erhebungsstellenleiter und musste abgeschottet werden. Wir sind im Rathaus von den Bürgern bombardiert worden. Ich war damals ja auch noch viel jünger, da hatte ich noch nicht so eine bestimmte Gelassenheit. Das Thema habe ich auch mit nach Hause genommen. Die Volkszählung ist aber später eingestampft worden vom Bundesverfassungsgericht, weil es das informationelle Grundrecht auf Selbstbestimmung gab.

Aber die positiven Momente überwiegen doch hoffentlich in Ihren Gedanken.

Ja, die Durchführung der Wahlen hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Die Vorbereitung und später auch die Ergebnisse waren immer sehr spannend. Zu wissen, es ist 22 Uhr und alles hat gut geklappt, war immer ein gutes Gefühl.

Welche Wahl hat Sie am meisten berührt?

Das war die erste Kommunalwahl im Jahr 2006, die ich mitgemacht habe. Es war damals ein totaler Umbruch und eine aufregende Zeit, weil wir nach Gerhard Behrens einen neuen Chef im Rathaus bekommen haben.

Tat Ihnen der Abschied weh?

An Gerhard Behrens kann ich mich nur positiv erinnern, weil ich ihn seit seinen Anfängen in der Kommunalpolitik immer begleitet habe. Erst als Ratsvorsitzender, dann als Bürgermeister. Wir haben uns auch immer auf Plattdeutsch unterhalten, weil wir beide aus Fischerhude kommen. In so einem Vier-Augen-Gespräch konnte man das auch gut machen. Da fiel schon mal ein Begriff wie Dösbaddel. Das ist eine schöne Zeit gewesen.

Auch Ihre Zeit im Rathaus läuft ab, am 30. April ist Schluss. Wie läuft die Suche nach dem Nachfolger?

Die Bewerberlage ist schwierig, daher ist derzeit alles noch in der Schwebe. Die Arbeit wird auf die Kollegen im Hause verteilt, weil es wohl nicht mehr gelingen wird, zum 1. Mai einen Nachfolger zu finden.

Was muss der oder die Neue für diese Stelle mitbringen?

Empathisch sein, aber auch bodenständig. Fachwissen haben und in der Lage sein, das Personal kooperativ zu führen.

Das Gespräch führte Lars Köppler.

Info

Zur Person

Jürgen Buthmann-von Schwartz

ist seit dem 1. Juli 1973 beim Flecken Ottersberg beschäftigt. Der Vize-Verwaltungschef und Familienvater hat bis zu seinem Ausscheiden am 30. April dieses Jahres zehn Ratsperioden, vier Bürgermeister und 340 Eheschließungen miterlebt. Besonders bei Bauvorhaben, in der Jugendarbeit und rund um Kunst und Kultur hat sich der 62-Jährige verdient gemacht.

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