Fischerhuder Mordprozess Angeklagter von Hass und Rache geleitet

Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Verden versucht derzeit, sich im Fischerhuder Mordprozess ein möglichst umfassendes Bild von dem 64-jährigen Angeklagten zu machen. Denn der schweigt beharrlich.
29.07.2022, 18:00
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Von Angelika Siepmann

Was ist der Mann, der einen Doppelmord begangen und eine weitere Person mit einem Kopfschuss schwer verletzt haben soll, für ein Mensch? Wie verhielt sich der einst begüterte Geschäftemacher, nachdem er alles verloren und auf die Unterstützung anderer angewiesen war? Und wie tickte der Angeklagte vor allem in den Tagen vor den Taten, die er am 28. Dezember vergangenen Jahres in Fischerhude im Auftrag seines einstigen Gönners begangen haben will? Mit größter Akribie versucht die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Verden, sich ein möglichst umfassendes Bild von dem 64-Jährigen zu machen, der im Prozess bislang beharrlich schweigt.

Heimtückisch und aus niederen Beweggründen soll er an jenem Dienstag mit einer Schusswaffe die 73-jährige Mutter und den 56-jährigen Bruder des früheren Freundes und Helfers getötet haben. Laut Anklageschrift war er von Hass und Rache geleitet, habe den Nebenkläger „bestrafen“ und dessen Leben ebenfalls „zerstören“ wollen, indem er die beiden engen Angehörigen umbrachte. Er habe den Mann für sein finanzielles Aus und die Trennung von seiner Lebensgefährtin verantwortlich gemacht. Diese Frau musste sich am siebten Verhandlungstag erneut vielen Fragen der Kammer stellen, im Anschluss aber auch denen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung.

Die 38-Jährige, die 2009 als Angestellte auf die gerade eröffnete Reitanlage in Lilienthal-Seebergen gekommen war und seit 2011 mit dem Angeklagten liiert war, gab wieder ohne Umschweife ausgiebig Auskunft. Sie habe ihn als Menschen erlebt, der stets „sehr risikobereit“ gewesen und sich „prinzipiell nicht an Regeln gehalten“ habe. Für ihn habe es keine Regeln gegeben beziehungsweise: „Er hat seine eigenen gehabt“. Für den Verlust der Anlage und seine gesamte Misere habe er immer „alle anderen“ verantwortlich gemacht, aber niemals sich selbst.

Mittel zum Zweck

Der Angeklagte und der Nebenkläger, die Ende 2019 im Zuge der drohenden Zwangsversteigerung des Lilienthaler Unternehmens in Kontakt gekommen waren, hätten zunächst „untereinander wie best friends“ gewirkt, so die Zeugin. Dass es seitens ihres Lebensgefährten Freundschaft gewesen sei, bezweifle sie. Der Mann, „der das Geld hatte und sehr hilfsbereit war“, sei ihm damals gerade „gelegen“ gekommen und nur „Mittel zum Zweck“ gewesen. Irgendwann habe der Angeklagte dann aber „kein gutes Haar mehr“ an dem 55-Jährigen gelassen, der ihn „auch geschäftlich wieder auf die Füße kriegen wollte“.

Zu diesem Zeitpunkt wohnte die Familie schon kostenlos und mit vielen weiteren Vergünstigungen auf dem Gestüt in Wehldorf. Seine besondere Abneigung habe sich auf den Bruder des Nebenklägers bezogen, den später Getöteten. Ihn habe der Angeklagte als „Taugenichts abgestempelt“. Seine zunehmende Aversion habe sich überhaupt auf die Leute bezogen, „die ihn durchschaut hatten". Im September 2021 habe sie endlich die endgültige Trennung gewollt, sagte die 38-Jährige. Seine markante Bemerkung dazu: „Wenn ich dich nicht mehr haben kann, dann kriegt dich auch kein anderer mehr“.

Briefe aus der U-Haft

Mitte November war dem Angeklagten auf dem Wehldorfer Hof der Rauswurf verkündet worden. Sie habe ihn daraufhin als „total ruhig“ erlebt. „Er sagte nichts. Aber das ganze Gesicht war so verzerrt … Es hätte nur noch gefehlt, dass Schaum aus dem Mund kommt“. Treffen mit der Zeugin und den beiden gemeinsamen Kindern gab es in der Folgezeit weiterhin. Der Mann habe aber nicht „mehr streiten und diskutieren“ wollen. „Er war ganz anders, als wenn eine Wesensveränderung eingetreten sei“. Sie habe noch gedacht, „es wird alles gut“. Aber das sei leider eine komplett falsche Interpretation gewesen.

Die Zeugin hat in ihrer stundenlangen Vernehmung auch von Briefen berichtet, die der Angeklagte ihr in der Untersuchungshaft geschrieben habe. Dort sei es „nicht schön“, stand darin unter anderem, und er habe schon so lange die Kinder nicht gesehen. Er wisse, dass es ihr auch nicht gut gehe. „Aber ansonsten ging es ziemlich viel um ihn“. Und er habe Forderungen gestellt, habe Geld, bestimmte Kleidungsstücke, Adressen und Telefonnummern haben wollen. In einem Brief habe er auch die Kinder direkt angesprochen: „Papa hat einen großen Fehler gemacht“. Der Prozess wird am 4. August fortgesetzt.  

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