Ottersberger Geschichtshefte

Fleißige Meister und ihre Marotten

Die Geschichtswerkstatt des Ottersberger Kulturvereins im Rektorhaus hat jetzt die achte Auflage ihrer Geschichtshefte-Reihe fertiggestellt. Diesmal dreht sich alles um alte Handwerksbetriebe und deren Meister.
02.12.2019, 17:01
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Fleißige Meister und ihre Marotten
Von Lars Köppler
Fleißige Meister und ihre Marotten

Fritz Worthmann, einer von sieben Kindern des Ottersberger Klempners Wilhelm Worthmann, betankt an der elterlichen Tankstelle an der Großen Straße eines der wenigen Autos, die es damals in Ottersberg gab. Er spezialisierte sich später auf Brunnenbau.

Kulturverein im Rektorhaus

Es ist eine Zeitreise durch Ottersberg, die der Kulturverein im Rektorhaus mal wieder mit den Fans seiner Geschichtshefte-Reihe unternimmt. Wie hat ein sogenannter Mollenhauer im frühen 20. Jahrhundert gearbeitet, wann haben sich die Tore der Zimmerei und Sägerei Heinrich Volkmann am Wiestebruch endgültig geschlossen und wer war eigentlich Walter Bertram? Antworten auf diese und viele weitere Fragen liefert das druckfrische Geschichtsheft Nr. 8, das die Geschichtswerkstatt im Ottersberger Kulturverein im Rektorhaus am Sonnabend, 7. und 14. Dezember, jeweils in der Zeit von 9 bis 12 Uhr im Ottersberger Rewe-Markt der Öffentlichkeit präsentiert und dort auch zum Preis von drei Euro verkauft.

Seit Mai 2014 bringen die Ottersberger Historiker ein Geschichtsheft mit einem besonderen Schwerpunktthema heraus. In der achten Ausgabe hat sich die Autorin Ute Fetkenhauer ganz den alten Handwerksbetrieben in Ottersberg gewidmet und aufwendige Recherchearbeit unter teilweise schwierigsten Bedingungen geleistet. „Ottersberg war übersät mit Handwerksbetrieben. Wir mussten aber leider feststellen, dass viele Firmeninhaber verstorben sind und trotz intensiver Umfrage keine Zeitzeugen für Auskünfte zur Verfügung standen“, macht Fetkenhauer das Dilemma deutlich. So sei eine Reihe von Betrieben aus unterschiedlichen Gründen aufgelöst worden. „Entweder gab es keinen geeigneten Nachfolger oder der Berufszweig galt als Auslaufmodell, weil er nicht mehr zeitgemäß war“, stellt die Autorin fest und nennt etwa den Beruf Stellmachers als Beispiel.

Längst vergessene Jahrzehnte

Bei ihrem Ausflug in längst vergessene Jahrzehnte dürfte sich Fetkenhauer zumindest ein wenig in die Lage und den Arbeitsbedingungen versetzt gefühlt haben, unter denen die Handwerker gekonnt und ohne jegliche Technik ihr Tagwerk verrichteten. „Was früher ausschließlich mit der Hand gestaltet worden war, geschieht heute in vielen handwerklichen Berufen mit Hilfe von Computern, denn wie in allen anderen Berufszweigen hat die Digitalisierung längst auch die Fachbetriebe erreicht“, weiß die 76-Jährige zu berichten, die in ihrer Kindheit noch Handwerker vom alten Schlag erlebt hat.

Die Betriebe, die Ute Fetkenhauer im neuen Geschichtsheft erwähnt hat, sollen derweil nur eine kleine Auswahl der Handwerksbetriebe darstellen, die in Ottersberg einst mit großem Engagement dafür gesorgt haben, dass überhaupt gebaut, repariert und restauriert werden konnte. Die Autorin skizziert und dokumentiert die Geschichte des Bezirksschornsteinfegers Hans-Dieter Müller ebenso wie die der Schlosserei von Rudolf Jäger, die im Jahr 1908 bereits ihr 200-jährigen Bestehen feiern konnte und wohl der älteste Ottersberger Handwerksbetrieb war.

Aber auch über den Schuster Brehms, den Maurermeister Heinrich Knoke, den am Dunwisch tätigen Korbmacher Josef Sawada, den Malereibetrieb von Albert Klocke, den eleganten Herrenschneider Willi Rust, den als Allrounder gefeierten Fritz Bullerkist aus dem Pottmoor und die Ottersberger Mühlenwerke von Johann Röben hat Ute Fetkenhauer wissenswerte Details und Anekdoten zusammengetragen. Das 52 Seiten starke Geschichtsheft wird abgerundet von der Schlosserei Berthold Schmidt, dem Mollenhauer Adolf Bartmer, der versierten Schneiderin Katharine Müller, dem Stellmacher und Karosseriebauer Hermann Ahlers, dem unermüdlichen Klempner Wilhelm Worthmann, der sich stets nur sonntags eine Auszeit gönnte, dem Schmied Diedrich Dieckhoff, dem Dachdecker Ferdinand Wedemeyer, der sein Geschäft im Ortsteil Bahnhof betrieb und dem erfolgreichen Bauunternehmer Hinrich Seeger.

Bertram ein bedeutender Ottersberger

Einen besonderen Raum in dem neuen Geschichtsheft nimmt derweil Walter Bertram ein. In der Rubrik „Bedeutende Ottersberger“ hat Ute Fetkenhauer dem 1966 verstorbenen Elektroingenieur einen Extraplatz eingeräumt. Wohl auch deshalb, weil der 1905 in Tilsit geborene Handwerker mit seinem Elektrogeschäft an der Grünen Straße noch heute bei den älteren Ottersbergern ein bekannter Mann ist. Dabei musste Bertram die Zeit von Mai 1940 bis Dezember 1941 – also mitten im Zweiten Weltkrieg – in dem Konzentrationslager Esterwegen im Emsland verbringen. Das Feldkriegsgericht seines Armeekorps habe ihn verurteilt, weil sein Verhalten während einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen einem Vorgesetzten und einem Kameraden Misstrauen erregt haben soll, was die Anklage später als Widerstand deutete, hat Fetkenhauer recherchiert. „Ihm wurde sein Gerechtigkeitssinn zum Verhängnis.“

In Ottersberg versuchte Walter Bertram dann nach dem Krieg einen privaten, beruflichen und politischen Neubeginn und verkaufte in seinem Radio- und Fernsehgeschäft im Jahr 1954 zur Fußball-Weltmeisterschaft die ersten Fernseher an Ottersberger Bürger. „Aber das lange Leiden im KZ und im Krieg haben ihn bald eingeholt“, sagt Fetkenhauer über Bertram, dessen Werdegang sie nur aus den Angaben im Wehrpass, im Familienstammbuch und in einem von der britischen Besatzungsmacht ausgegebenen KZ-Nachweis rekonstruieren konnte.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+