Die Mutmacherin "Man muss nicht perfekt sein"

Mina Teichert wohnt auf dem Land bei Ottersberg und schreibt Bücher. Das Schreiben hat therapeutische Wirkung für sie: Es ist ein Ventil und hilft ihr, die Gedanken zu sortieren. Teichert lebt mit ADS.
18.11.2021, 11:56
Lesedauer: 3 Min
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Von Catrin Frerichs

Mina Teichert sitzt in ihrem Büro. Vom Schreibtisch aus blickt sie in den Garten und das dahinterliegende Maisfeld mit den Windrädern. Der Anblick hat etwas Beruhigendes, Friedliches. Ein idealer Ort, um Bücher zu schreiben. Auf der Rückenlehne des Schreibtischstuhls hängt eine große Häkeldecke. „Die hat meine Mutter gemacht“, erzählt Teichert. Zwei bis drei Stunden jeden Tag verbringt die hauptberufliche Autorin vor ihrem Computer. Das Schreiben gibt ihrem Tag eine Struktur, sagt sie. „Es ist ein Ventil, auch für die vielen Gedanken im Kopf.“

Mina Teichert lebt mit ADS. Das ist die Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-­Syndrom. Im Jahr 2017 hat sie darüber das Buch „Neben der Spur, aber auf dem Weg“ geschrieben, das es bis auf die "Spiegel"-­Bestsellerliste geschafft hat. ADS-lern fällt es schwer, ihre Impulse zu steuern. Sie gelten als sehr sensibel, können sich in Probleme hineinsteigern und schlecht Gefahren abwägen. Das Buch wurde viel beachtet, es kamen viele Rückmeldungen aus der Leserschaft und Anfragen von Medien. Teichert war im Fernsehen, wurde in Talkshows interviewt.

Mina Teichert veröffentlicht viel. Drei bis vier Bücher im Jahr. Beim Schreiben kann sie sich entspannen und all die – manchmal absonderlichen – Ideen aus ihrem Kopf herauslassen. Sie schreibt Fantasieromane und Pferdegeschichten zum Beispiel. Sie ist selbst geritten, am Haus stehen drei Shettys: Kurt, Oskar und Spencer. „Dabei bin ich gar kein richtiges Pferdemädchen“, gibt Teichert zu.

Vielleicht macht genau das ihre Geschichten besonders. Die Figuren in den Büchern kommen eher zufällig zu den Dingen oder Pferden. Sie stolpern in Situationen hinein. Genau wie die Hauptfigur im Buch „Honigherzen“, das im April erschienen ist. Darin wagt die 36-jährige Leni einen Neustart mit ihrer sechsjährigen Tochter Romy. Auch Romy hat ADS, was allerdings nicht Thema des Buches ist, sondern nur angerissen wird. Lenis Mann stirbt nach einem Unfall. Zunächst braucht Leni Zeit, um sich zu sammeln, neu zu sortieren. Dann nimmt sie das Geld der Lebensversicherung, um auf dem Land einen Hofladen zu eröffnen. Es ist die Erfüllung eines Traums – und gleichzeitig das Risiko des Neuanfangs. Die beiden müssen sich ins Dorfleben integrieren. Das ist erst einmal nicht so einfach.

„Wir sind nicht aalglatt. Jeder hat seine Historie und seine Wahrheit“, sagt Mina Teichert. Manche Menschen würden Dinge nicht wagen und verharrten in der Starre. „Mein Buch könnte Mut machen, die eigenen Träume und Gedanken anzusehen“, sagt die Autorin. „Es gibt nicht immer die perfekte Lösung, aber viele Möglichkeiten.“

Viel selbst Erlebtes ist in den Kinder- und Jugendbüchern, Kurzgeschichten und Romanen zu finden. „Aber in jeder meiner Geschichten findet man einen großen Teil von mir“, verrät Teichert auf ihrer Homepage. Auf minateichert.jimdofree.com stehen viele Informationen zu ihren Büchern und zu ihrem Leben. Teichert wurde im schneereichen Januar 1978 in Bremen geboren. Sie ist gelernte Fotografin, wollte studieren, hat dann ihren ersten Mann kennengelernt und eine Tochter bekommen.

Auch sie musste sich ins Dorfleben integrieren, als sie ihren heutigen Mann kennenlernte, der Landwirt ist. „Ich hatte damals mein Pferd einen Hof weiter stehen. Eines Tages, bei der Rückfahrt nach Hause, stand eine Kuh auf der Straße. Ich hielt an. Dann habe ich überall geklingelt auf der Suche nach jemandem, der sie mit mir einfängt. So habe ich meinen jetzigen Mann kennengelernt.“ Diese Geschichte beschreibt sie in ihrem zweiten Buch über ADS „Bruchlandung auf Wolke 7“, das sich dem Thema Liebe und ADS widmet.

Es gibt viele Modelle für ein Lebenskonzept. Bei Familie Teichert ist so, dass der Mann sich ums Milchvieh und den Hof kümmert, die Frau arbeitet als Schriftstellerin. „Sein Tag beginnt um 5.30 Uhr; meiner um neun Uhr“, erzählt Mina Teichert. Oft schlafe sie schlecht wegen ADS. Es sind Anspannungen, Ängste, auch Schmerzen. Sie brauche immer wieder Auszeiten, um auf die Reset-Taste zu drücken, zum Alles-auf-Anfang-Stellen. Die Tochter, mittlerweile volljährig und sehr selbstständig, steht morgens allein auf. Sie übernimmt auch Aufgaben wie das Einkaufen, was für Mina Teichert purer Stress ist. Und sie organisiert Reisen der Mutter, begleitet sie zum Bahnhof, achtet auf die Durchsagen, die ihre Mutter nicht hört.

Die Ideen für Geschichten gehen Mina Teichert nicht aus. Und geschrieben habe sie schon immer, erzählt sie. Sie macht sich viel Notizen, hört sich Dialoge an, sammelt das Notierte auf Zetteln. Es sind immer Stifte und Blöcke griffbereit, auch in ihrer Handtasche. „Jeder Spruch wird aufgeschrieben.“

Vielleicht ist das die Botschaft in ihren Büchern: Man muss sich nicht mit anderen messen. Man kann rebellisch sein, braucht Platz für das eigene Leben, unabhängig davon, was andere erwarten und davon, wie alt man ist. Und: „Man muss nicht perfekt sein“, sagt Mina Teichert.

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