Das Interview

„Ottersberg ist besonders“

Seit dem 1. Juli ist Tim Willy Weber neuer Bürgermeister des Fleckens Ottersberg. Wie der 48-Jährige die ersten 100 Tage im Amt erlebt hat und welche Ziele er sich gesteckt hat, verrät er in einem Interview.
09.10.2020, 16:05
Lesedauer: 5 Min
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„Ottersberg ist besonders“
Von Lars Köppler
„Ottersberg ist besonders“

Tim Willy Weber hat gut lachen. Seit seinem Amtsantritt am 1. Juli dieses Jahres hat der neue Ottersberger Bürgermeister eine gute Zeit im Rathaus erlebt. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten ihm den Rücken frei, er wiederum schätzt ihre offene Art und die motivierte Arbeitsmoral.

FOCKE STRANGMANN
Herr Weber, Ihr Vorgänger Horst Hofmann klagte zum Ende seiner Amtszeit als Bürgermeister darüber, nicht besonders gut schlafen zu können. Wie sieht es mit Ihrer Nachtruhe aus?

Tim Willy Weber: Ich bin ohnehin Frühaufsteher und stehe in der Regel um 5 Uhr auf. Meistens schlafe ich gut. Wobei, am Wochenende merke ich die Woche schon. Da brauche ich meistens einen Tag, wo ich mich wirklich ausruhe. Ich erlebe das zwar nicht als strapaziös, aber wenn man so eine Termindichte hat oder wenn der Tag zehn bis zwölf Stunden dauert, dann merkt man das einfach. Ich schalte dann mit Zeitung lesen und Kaffee trinken ab. Mein Sessel ist mein Lieblingsplatz. Die Arbeit nehme ich in der Regel nicht mit nach Hause.

Als erste Amtshandlung wollten Sie Ihren Arbeitsplatz einrichten. Worauf haben Sie bei der Arbeitsplatzgestaltung geachtet und was haben Sie verändert?

So viel habe ich gar nicht verändert. Ich habe einen Schrank rausgeschmissen und ein Kunstwerk anders platziert, der Bergkristall ist nun da. Es ist insgesamt etwas luftiger geworden. Teile des Schreibtisches und des Schranks habe ich zudem ausgemistet, da war ich sehr konsequent.

Mittlerweile haben Sie auch Ihre Mitarbeiter kennengelernt. Welchen Eindruck haben Sie gewonnen?

Die Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kannte ich bereits. Ich war zunächst einmal beeindruckt, was im Rathaus noch so alles gemacht wird. Der Laden läuft, das war mein erster Eindruck. Das Team ist offen und motiviert. Ich hatte das erwartet, bin aber darüber hinaus positiv überrascht, die Zusammenarbeit macht richtig Spaß.

Apropos Personal: In Ihrem Aufgebot gibt es noch einige Lücken. Wie ist hier der Stand der Dinge und wann können Sie sagen, dass das Team komplett ist?

Eine ganz wichtige Lücke war durch den Weggang von Eckhard Bruns entstanden, die haben wir mit Marco Lorenz gut geschlossen. Der Mensch ist zwar nicht ersetzbar, aber die Funktion ist ersetzbar. Im Bauamt sind wir noch unterbesetzt. Das ist eine kleine Baustelle, die wir aber angehen. Wir wollen dort zwei Stellen besetzen, eine möglichst zum 1. Januar und eine vielleicht zum 1. April 2021. Für mich war anhand der Vergleichszahlen relativ schnell ersichtlich, dass hier personell ein bisschen was geschehen muss.

Seit nunmehr 100 Tagen sind Sie als Bürgermeister des Fleckens Ottersberg im Amt. Wir stressig ist Ihr neues Dasein als Rathauschef und wie geht Ihre Familie mit der Mehrbelastung um?

Die Mehrbelastung ist gar nicht so groß. Ich habe vorher auch 60 Stunden gearbeitet und jetzt ist es so, dass ich fast immer eine Mittagspause habe. Ich kann dann nach Hause fahren und sehe meine Frau sogar häufiger als vorher.

Wo liegen die Unterschiede zwischen Ihrer vorherigen Arbeit und Ihrer neuen Tätigkeit als hauptamtlicher Bürgermeister?

Ich war früher an den Wochenenden oft bundesweit unterwegs und jetzt bin ich hauptsächlich im Flecken Ottersberg unterwegs. Das ist auch überschaubarer. Aber es ist schon intensiver geworden, weil als Bürgermeister doch die Aufgabenfülle und die Termindichte anders sind. Thematisch sind die Sprünge groß, aber es ist in gewisser Weise doch entspannter geworden, weil ich mich jetzt auf diese Aufgabe konzentrieren kann. Früher hatte ich in meinem Kalender immer fünf Spalten mit Aufgaben, die zu erledigen waren, jetzt habe ich nur noch drei Spalten und eine davon ist die Bürgermeister-Spalte. Das Bürgermeister-Amt an sich ist nicht übersichtlich, aber daran werde ich mich gewöhnen. Das haben mir die Bürgermeisterkollegen gleich am Anfang gesagt und es stimmt auch.

Wie viel Post mit Anregungen oder Kritik landet eigentlich auf Ihrem Schreibtisch im Rathaus?

So viel ist es nicht, was bei mir auf dem Schreibtisch landet. Wir hatten jetzt mit Hannah Schwarz-Kaschke die erste Bürgermeister-Sprechstunde, es waren ungefähr zehn Menschen da. Ich habe das Gefühl, dass die Leute mir noch etwas Zeit geben, weil ich noch in der Einführungszeit bin. Es kommt aber auch nicht jede Anregung oder Kritik auf meinen Schreibtisch, sondern viele Dinge werden schon im Bauamt oder im Ordnungsamt abgearbeitet. Meine Mitarbeiter halten mir – soweit möglich – den Rücken frei.

Mit welchen Ottersberger Themen beschäftigen Sie sich derzeit am meisten?

Als nächstes Thema steht der Haushalt an. In das Thema Verkehr mit Schwerpunkt Fahrradverkehr gebe ich viel Zeit ein. Ein weiterer Punkt ist das Flächenmanagement. Wir haben in Ottersberg das Problem, zu wenig Flächen zu haben. Da beschäftigt mich die Frage, was es eigentlich bedeuten würde, wenn wir ein neues Baugebiet erschließen. Dritter Punkt ist Weiterentwicklung und Profilbildung. Da geht es darum, welche Stärken der Ort schon hat und welche wir noch herausarbeiten wollen.

Welche Stärken hat denn der Flecken Ottersberg?

Wir sind ein familienfreundlicher Ort und lassen uns das auch viel kosten. Wir sind in der Bildung gut. Die Frage ist, ob wir da eventuell noch mehr machen wollen. Wir haben im Grunde auch Tourismus-Potenzial. Ottersberg ist viel beliebter, als wir denken. Da kann also noch was gehen. Und wir haben als Mitglied der Gesundregion auch viel Potenzial beim Thema Gesundheit. Wir haben zum Beispiel ganz viele Therapeuten hier im Ort. Und schließlich leben hier viele unterschiedliche Menschen, die zum Teil sehr aktiv sind. Dorfladen, KuKuC, Montagsturner, Cato-AG und Feuerwehren sind nur einige Beispiele. Ottersberg ist besonders.

Haben Sie bereits Entscheidungen getroffen, die etwas verändern sollen oder verändert haben?

Mein Motto lautet: Initiative möglich machen. Und einige Mitarbeiter haben auch schon die Initiative ergriffen. Der neue Hochzeitsgarten ist zum Beispiel sehr schön geworden. Wir haben die Ortsratsbetreuung etwas umstrukturiert. Es läuft etwa so: Ich mache einen Vorschlag, der wird diskutiert, verändert und dann umgesetzt. Ich werde auch manchmal ausgebremst und das ist gut so. Ich habe zum Beispiel die Kommunikation und Information geändert. Es sind keine großen Veränderungen, eher kleine Schritte.

Wie würden Sie Ihre Handschrift als Bürgermeister definieren?

Ich würde sagen, dass ich kommunikativ bin und Menschen mitnehme. Es gelingt mir ganz gut, einen kommunikativen Strang aufzubauen und zu halten. Dazu gehören viele Gespräche und auch regelmäßige Besuche der Fraktionen. Bei der Seevereinbarung hat das ganz gut geklappt.

Ein aktuelles Thema ist die Entschleunigung der Großen Straße. Sie haben kürzlich die Präsentation der Ottersberger Hochschule besucht. Welcher Entwurf der sieben künstlerischen Installation hat Sie am meisten überzeugt?

Das Sternchen. Es war eine richtige schöne Veranstaltung, ich war danach frischer als davor. Für mich war am interessantesten dieser Blickwinkel, der Perspektivwechsel. Es geht bei dem Projekt nicht um Störung, sondern mehr darum, eine Atmosphäre zu schaffen, wo die Leute von sich aus langsamer fahren. Ich finde es toll, dass sich Leute auf den Weg machen, den aktuellen Zustand zu ändern. Das beeindruckt und freut mich.

Wenn wir dieses Interview in exakt 265 Tagen wiederholen würden: Was möchten Sie bis dahin für Ottersberg erreicht haben?

Ich möchte das Losverfahren als Methode zur Bürgerbeteiligung einmal ausprobiert haben, damit wir da praktische Erfahrung bekommen. Ich möchte bei der Sanierung des Otterstedter Sees so eine Atmosphäre erreichen, dass wir das anpacken und auch schaffen. Ich möchte, dass in einem Jahr das Hallenbad fertiggestellt ist. Dass wir mit dem Feuerwehr-Gerätehaus in Posthausen angefangen haben und ich hoffe, dass bis dahin auch die Hamburger Straße ausgebaut ist. Die wartet schließlich schon länger. Ganz toll wäre es, wenn wir den Fahrradweg von Ottersberg nach Fischerhude ausgebaut hätten. Und ich hoffe, dass wir bis dahin ein Restaurant im Kernort haben.

Das Gespräch führte Lars Köppler.

Info

Zur Person

Tim Willy Weber (48)

ist verheiratet und hat drei Töchter im Alter von 23, 21 und 19 Jahren. Am 1. Juli 2020 löste Weber den bisherigen Bürgermeister Horst Hofmann nach fast 14-jähriger Amtszeit im Rathaus ab. Das Duell gegen Reiner Sterna (CDU) hatte Weber im Corona-Wahlkampf Ende April mit 51,56 Prozent der abgegebenen Stimmen knapp für sich entschieden.

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