Ausstellung in Fischerhude

Der Prozess des Werdens in der Natur

In Fischerhude wurde die Dialogausstellung „Natur in der Malerei“ im Otto-Modersohn-Museum eröffnet: Sie ist eine Gegenüberstellung der Werke des dänischen Künstlers Per Kirkeby und des Malers Otto Modersohn.
27.09.2020, 16:28
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Wilfried Adelmann

Seit Sonntag findet die Dialogausstellung „Natur in der Malerei“ im Otto-Modersohn-Museum in Fischerhude statt. Sie ist eine Gegenüberstellung der Werke des dänischen Künstlers Per Kirkeby und die des Malers Otto Modersohn. Bei einsetzendem Regen im Festzelt auf dem Gelände des Museums hielt Clemens Bonnen als Vorsitzender der Otto-Modersohn-Gesellschaft die Begrüßungsrede und Erich Franz führte mit seiner Rede in die Ausstellung ein.

Die Gegenüberstellung von Werken Otto Modersohns zu anderen Künstlern hat im Otto-Modersohn-Museum in Tecklenburg schon Tradition. 2018 begann dieses Format mit Werken von Gerhard Richter und wurde 2019 mit Bildern der „Maler von Barbizon“ und 2019/20 mit der Ausstellung Otto Modersohn/Anulf Rainer fortgesetzt. Durch die Corona-Krise musste die Dialogausstellung Modersohn/Kirkeby abgesagt werden. Die Modersohn-Gesellschaft entschloss sich daraufhin, dieses Format vom Museum in Tecklenburg zu übernehmen und so können die Besucher in den Räumen des Otto-Modersohn-Museums in Fischerhude eine Gegenüberstellung des bekannten Künstlers mit den Werken von Per Kirkeby (1938-2018) erleben.

Nicht das Gegenüber als Konkurrenz, sondern der Dialog im Sinne des Austauschs soll hier betont werden. Und es ist schon verblüffend, wenn man die Vordergrundbilder von Modersohn mit den gegenstandslosen Großformaten von Kirkeby vergleicht und Ähnlichkeiten in den Auffassungen der beiden Maler erkennt: Die Natur soll nicht abgemalt werden, sondern die Stimmungen, die die Objekte erzeugen, sollen wiedergegeben werden. Beide Künstler wollten den Prozess des Werdens in der Natur auf ihre Arbeiten übertragen und ließen dem Zufall einen hohen Stellenwert zukommen.

Tagebuch Otto Modersohn, 1895: „Die Natur zeigt überall und in allem ein Wesen, eine Erscheinung, die mit Menschenwerk gar nichts zu thun hat. Dem muß der Maler Ausdruck geben. Das Bild muß ähnlich entstehen, wie die Natur selbst, möchte ich sagen. Man muß dem Zufall freien Lauf lassen, so kann etwas entstehen, was der Natur in etwa ebenbürtig, verwandt ist.“

Schicht um Schicht entwickelten Beide ihre Werke. Sie übermalten schon Fertiges und erzeugten so eine Verlangsamung im künstlerischen Prozess. Per Kirkeby: „Malerei besteht immer darin, Schicht auf Schicht zu legen. Ohne Ausnahme ist das etwas Grundlegendes bei gemalten Bildern. Wie eine geologische Schichtenfolge mit Brüchen und Diskordanzen (Schichtlücken, Anm. d. Red.).“

Der studierte Geologe Kirkeby malte in kräftigen Farben gegenstandslos, aber nicht abstrakt. Der Betrachter möchte etwas erkennen und versucht, seine Assoziationen in Gegenstände zu formulieren. Der spontane Ausruf eines kleinen Kindes – „Trecker“ – vor einem Bild von Kirkeby macht deutlich, dass mehr in den Bildern steckt als scheinbar beliebige Farbkomposition. Der Betrachter wird zur Arbeit mit dem Bild aufgefordert und je vorurteilsfreier der Umgang mit den Werken ist, desto eher kann er in Resonanz mit dem Werk treten und die unsichtbaren Stimmungen erfahren, die der Künstler in die Strukturen eingewoben hat.

Die Betonung des Vordergrundes bei den Studienbildern von Modersohn, in denen sich der Hintergrund auflösen darf, zeigt der Künstler am Detail, das sich stetig Wandelnde in Natur, Kunst und im Schaffen von Werken. Es wird so ein spannendes Aufeinandertreffen zeitgenössischer Malerei mit der bildenden Kunst der Jahrhundertwende (18. /19. Jahrhundert) möglich. Die Ausstellungsbesucher können die verschiedenen Ansätze der Künstler erleben und zusammenbringen. Ähnlichkeiten und Unterschiede werden sichtbar und die Entwicklung zur Moderne deutlich.

Ohne die Bilder eines Modersohn und seiner Weggefährten wäre ein Per Kirkeby kaum in der Lage gewesen, seine Bilder zu entwickeln. Durch die aufgebrachten Wandzitate beider Maler in der Ausstellung wird dem Besucher zusätzlich ein tieferes Verständnis für die Auffassungen dieser Ausnahmekünstler ermöglicht, was den Zugang zu deren inneren Welten erleichtert. Das Format der Dialogausstellung kann im Otto-Modersohn-Museum jetzt öfter sein Spannungsfeld erzeugen, um im Betrachten von „alter“ und „neuer“ Kunst etwas von den Prozessen zu spüren, die jede Kulturarbeit begleiten.

Bis zum 3. Januar 2021 ist die Ausstellung noch in Fischerhude noch zu erleben.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+