Das Porträt

Alles andere als auf dem Holzweg

Zimmerin Katja Mareike Wiesenmüller aus Oyten erreichte bei den Deutschen Meisterschaften in ihrem Handwerk den dritten Platz. Durch ihre Leistung schaffte die Gesellin nun auch den Sprung ins Nationalteam.
19.11.2019, 16:22
Lesedauer: 4 Min
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Alles andere als auf dem Holzweg
Von Marius Merle
Alles andere als auf dem Holzweg

Katja Mareike Wiesenmüller arbeitet als Zimmerin bei Warnke-Holzbau in Oyten.

Björn Hake

Eigentlich war schon alles in trockenen Tüchern: Zum kommenden Februar wollte Zimmerin Katja Mareike Wiesenmüller nach Kassel ziehen, um dort ihren Meister zu machen. Doch dann kamen die Leistungswettbewerbe des Deutschen Handwerks und für die 21-Jährige ergab sich eine unerwartete Chance. Dank ihrer exzellenten Ergebnisse ist sie plötzlich Teil des Nationalteams des Deutschen Baugewerbes. Und da das dortige Mitwirken und die Weiterbildung zum Meister parallel kaum zu bewerkstelligen sind, muss der nächste Karriereschritt erst einmal warten. Die Oytenerin kann es derweil immer noch kaum glauben, was in den vergangenen Wochen passiert ist: „Ich bekomme das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.“

Angefangen hatte alles Mitte Oktober mit der Auszeichnung als jahrgangsbeste Gesellin im Zimmererhandwerk der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade. Dadurch durfte Wiesenmüller am niedersächsischen Leistungswettbewerb teilnehmen. Bei der dort zu absolvierenden praktischen Prüfung erreichte die 21-Jährige eine höhere Punktzahl als ihre Kontrahenten. Doch viel Zeit zum Freuen blieb nicht, denn nur rund eine Woche später stand schon der Wettbewerb auf Bundesebene an.

„Sieger aus anderen Bundesländern haben dafür vier Wochen Vorbereitung“, erklärt Wiesenmüller, durch die Kurzfristigkeit im Nachteil gewesen zu sein. Ihr blieben nur wenige Tage und das, obwohl die Gesellen aus dem Süden Deutschlands ohnehin schon einen Vorsprung hätten, etwa, weil sie während der Ausbildung mehr Lehrgänge besuchen. Daher landen die Zimmerergesellen aus dem Norden bei den Deutschen Meisterschaften in der Regel auf den hinteren Rängen.

Aufgrund dessen sei die Oytenerin auch mit geringen Erwartungen zu dem dreitägigen Wettstreit angetreten, zumal sie schnell festgestellt habe: „Das Niveau geht noch einmal deutlich höher.“ Doch Schritt für Schritt bewältigte sie die Übungsaufgabe und wusste mit ihrem Werk die Jury zu überzeugen. Am Ende reichte es für die Bronze-Medaille bei den Deutschen Meisterschaften. „Ich konnte es kaum glauben, bei der Siegerehrung meinen Namen zu hören“, blickt Wiesenmüller „sehr zufrieden“ zurück.

Spontane Berufswahl

Dabei war der Beruf als Zimmerin als Jugendliche und junge Frau eigentlich überhaupt keine Option für sie gewesen. Nachdem sie 2016 ihr Abitur am Cato-Gymnasium in Achim absolviert hatte, folgte zunächst ein einjähriger Freiwilligendienst im Sport am Verdener Domgymnasium. Dann sollte es mit einem Studium weitergehen. „Ich habe auch 15 Studienplätze sicher gehabt“, erzählt Wiesenmüller. Doch in die Zeit davor fiel der Hausbau der Eltern, bei dem sie mithalf und so auf den handwerklichen Geschmack kam. Und da ihr jetziger Chef, Philipp Warnke von Warnke-Holzbau aus Oyten, am Bau ebenfalls beteiligt gewesen ist, war der Kontakt schnell hergestellt. „Es ging Ruck-Zuck“, berichtet die Oytenerin, wie sie plötzlich statt an der Uni in der Werkstatt landete – und damit auch eine Handwerks-Familientradition fortsetzt.

Denn ihrem Vater gehört eine Elektriker-Firma in Oyten, ihr Großvater war Tischler und ihr Ur-Großvater Zimmerer. Die 21-Jährige ist nun die erste Frau in der Familie, die ihre Handwerksleidenschaft zum Beruf gemacht hat. Mit ihrem Geschlecht ist sie gleichzeitig in der gesamten Branche oft alleine auf weiter Flur. Im gesamten Zimmerer-Jahrgang der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade war sie die einzige Frau, bei den Wettbewerben ebenfalls. Für ihre Entscheidung, den für eine Frau heutzutage doch noch ungewöhnlichen Berufsweg einzuschlagen, habe sie im Übrigen fast durchweg positive Rückmeldungen und viel Unterstützung erhalten.

Stichwort Unterstützung: Wiesenmüller ist es wichtig, zu betonen, dass sie alleine nie die Bronze-Medaille bei den Deutschen Meisterschaften hätte holen können. Denn zunächst einmal brauche es einen Chef, der hinter einem steht und der vor allem auch die zeitlichen Freiräume ermöglicht, um überhaupt zu trainieren und an den Wettbewerben teilnehmen zu können. Angesichts derzeit voller Auftragsbücher in der Handwerksbranche, nicht selbstverständlich, zumal Wiesenmüller die erste Auszubildende bei Warnke-Holzbau überhaupt gewesen ist. Denn den Betrieb gibt es erst seit Anfang 2017.

Einen besonderen Dank spricht die erfolgreiche Gesellin zudem ihrem Lehrgangsmeister Ralf Junge aus Stade aus. Er war es, der sie in seiner Freizeit auf die Leistungswettbewerbe vorbereitet hat. „Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft“, betont Wiesenmüller, die nicht erst seit den Erfolgen der vergangenen Wochen weiß, dass ihre kurzfristige Berufswahl die richtige Entscheidung gewesen ist. „Das Große und Ganze macht einfach Spaß“, sagt sie und zählt einige Aspekte auf: die Arbeit mit dem Material Holz, am Ende des Tages zu sehen, was man geschafft hat, die netten Kollegen oder bei der Arbeit an der frischen Luft zu sein.

Sport im Verein als Ausgleich

Mit der frischen Luft ist bei Wiesenmüller derweil auch nach Feierabend noch nicht Schluss. Denn sich direkt gemütlich auf der Couch zu erholen, das ist an vielen Tagen nicht angesagt. Sie spielt Fußball beim TSV Bassen und Tennis beim TC Oyten. „Es kostet manchmal abends schon Überwindung, aber es ist ein guter Ausgleich“, findet die 21-Jährige, auf die ein spannendes Jahr 2020 wartet.

Denn als Teil der Nationalmannschaft des Deutschen Baugewerbes stehen einige anspruchsvolle Lehrgänge auf dem Programm. Bei diesen gilt es zu überzeugen, um einen Platz im Kader für die Europameisterschaft zu bekommen. Aus Altersgründen sei es ihre einzige Chance, an einem großen Turnier teilzunehmen. 2021 könne Wiesenmüller schon nicht mehr Teil des Teams sein. Dafür könne dann der Meisterplan nachgeholt werden. Aber erst einmal freue sie sich auf die kommenden Monate: „Denn Nationalmannschaft – das ist nur einmal im Leben.“

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