Der Behinderung getrotzt

„Ein echter Glücksgriff“

Oliver Talhi aus Oyten ist aufgrund einer Krankheit auf den Rollstuhl angewiesen. Doch er will das machen, was alle anderen ohne Behinderung auch so machen. Inzwischen hat er seinen ersten Job gefunden.
15.01.2020, 16:59
Lesedauer: 3 Min
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„Ein echter Glücksgriff“
Von Marius Merle
„Ein echter Glücksgriff“
Björn Hake

Trotz Krankheit ein möglichst normales Leben führen. Das war Oliver Talhi schon immer ein wichtiges Anliegen. Der 28-Jährige leidet an Muskeldystrophie, ein erblich bedingter Muskelschwund, der ihn an den Rollstuhl fesselt. Die Suche nach dem ersten Job 2018 gestaltete sich schwierig, doch am Ende wurde der Oytener sogar in seinem Wohnort fündig. Seit rund einem halben Jahr arbeitet Talhi als Projektmanager im Rathaus der Gemeinde. „Ein echter Glücksgriff“, wie er betont und die guten Arbeitsbedingungen und die netten Kollegen hervorhebt.

Der 28-Jährige hat trotz seines Handicaps stets eine Regelschule besucht, nach der Mittleren Reife folgte der Wechsel auf ein Gymnasium. „Als kleines Kind konnte ich ganz normal laufen“, erzählt Talhi. Mit fünf Jahren zeigten sich langsam die Folgen der Muskelkrankheit, davon unterkriegen lassen wollten er und sein Umfeld sich aber nicht. „Es war allen immer wichtig, dass ich das mache, was alle anderen in meinem Alter auch machen. Als kleines Kind habe ich Fußball gespielt, ich war zwar langsamer als andere, aber ich konnte mitspielen“, erinnert sich Talhi, der 2003 mit seiner Familie nach Oyten gezogen ist. Ausgrenzung habe es nicht gegeben, er sei stets gut integriert gewesen und habe viele Freunde gehabt.

Trotz des starken Rückhaltes, ohne zusätzliche Hilfe geht es für eine Person, die auf den Rollstuhl angewiesen ist und die Hände nur eingeschränkt bewegen kann, natürlich nicht. Unterstützungsangebote wie Schulassistenz und die persönliche Assistenz haben ihm stets geholfen. Nach seinem Abitur absolvierte Talhi seinen Bachelor und Master an der Universität Bremen in den Bereichen Wirtschaftswissenschaften, Politik und Jura. Danach begann die Arbeitssuche. Das Ziel des Oyteners war eine Arbeitsstelle in Bremen, möglichst in der Wirtschaft. „Ich wurde zu Vorstellungsgesprächen eingeladen und die Arbeitgeber wussten auch schon im Vorfeld über meine Situation Bescheid, jedoch wollte es irgendwie nicht klappen“, erzählt er.

Ob seine Behinderung dabei eine Rolle gespielt hat, wisse er natürlich nicht. Aber er habe in jedem Fall festgestellt, dass bei vielen Unternehmen noch Unwissenheit herrscht, welche Unterstützung oder Kostenerstattungen für etwa spezielle technische Ausstattungen sie bekommen, wenn sie Schwerbehinderte einstellen. „Weitere Aufklärungsarbeit ist wichtig“, befindet Talhi, der sich parallel zur Jobsuche auch Unterstützung bei der Agentur für Arbeit in Verden geholt hatte. „Meine Arbeitsvermittlerin war sehr engagiert dabei und hat immer Ideen gehabt, wo ich mich bewerben kann“, sagt der 28-Jährige.

Und so weitete er seine Suche aus und stieß auf eine Stellenausschreibung der Gemeinde Oyten, die einen Sachbearbeiter im Finanzbereich suchte. „Eigentlich gar nicht mein Thema, aber ich wollte mich trotzdem bewerben“, blickt Talhi zurück. Ein Vorstellungsgespräch fand im Februar 2019 statt, ein weiteres sollte einige Wochen später folgen. In diesem stellten er, Daniel Moos von der Verwaltung und der damalige Bürgermeister Manfred Cordes fest, dass ein Job als Finanzsachbearbeiter wohl nicht das Richtige sei, es aber eine vakante Stelle im Bereich Projektmanagement gäbe, für die sie Talhi gerne einstellen würden. „Jeder braucht seinen Platz im Leben“, waren die Worte des Bürgermeisters, erinnert sich der 28-Jährige an seine Zusage für den ersten Job.

Bis es im Juli losgehen konnte, mussten noch einige Dinge geklärt werden, etwa die Beantragung einer Arbeitsassistenz und der technischen Hilfsmittel am Arbeitsplatz. Die Gemeinde Oyten zeigt sich als Arbeitgeber zudem flexibel, freitags kann Talhi von zu Hause arbeiten und nach Bedarf auch einen weiteren Tag in der Woche Home-Office betreiben. „Der Weg von Herrn Talhi zeigt, welche Chancen Menschen mit einer Beeinträchtigung haben können, ihre Position am Arbeitsmarkt zu finden. Dank zahlreicher Unterstützungsmöglichkeiten für Arbeitnehmer und auch Arbeitgeber kann vorhandenes Fachkräftepotenzial ausgeschöpft werden“, heißt es von der Agentur für Arbeit Nienburg-Verden.

Natürlich habe sich Talhi, der in seiner Freizeit gerne Zeit mit seiner Partnerin verbringt, auf Rockkonzerte geht sowie Filme und Serien schaut, vor dem Berufsstart im Oytener Rathaus Gedanken gemacht, ob dort alles wie erhofft klappt. Doch die Nervosität sei schnell verflogen gewesen. „Ich stoße jeden Tag auf absolutes Verständnis und eine tolle Wertschätzung meiner Person und meiner Arbeit“, fühlt sich der 28-Jährige in seinem beruflichen Umfeld pudelwohl.

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