Fußball-Oberliga

Tim Ebersbach im Interview: „Wir sind für alle der Underdog“

Der Rotenburger SV ist zurück im niedersächsischen Oberhaus. Trainiert wird der Klub vom Oytener Tim Ebersbach. Im Interview spricht der Coach über die anstehende Saison.
04.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Tim Ebersbach im Interview: „Wir sind für alle der Underdog“
Von Florian Cordes
Tim Ebersbach im Interview: „Wir sind für alle der Underdog“

Tim Ebersbach freut sich auf die Saison in der Oberliga. Der Coach weiß aber auch, dass es für den Rotenburger SV keine einfache Spielzeit wird.

Björn Hake
Herr Ebersbach, jetzt sind es nur noch wenige Tage bis Sie mit dem Rotenburger SV als Aufsteiger in die neue Oberliga-Saison starten. Wie ist bei Ihnen die Gefühlslage so kurz vor dem Start?

Tim Ebersbach: Es herrscht eine positive Anspannung. Wir freuen uns auf den Wettkampf. Für uns – mit unserer jungen Truppe und der Ausrichtung, mit Jungs aus der Region aufzusteigen – ist das Ganze schon ein Highlight. Die Jungs sind jetzt richtig heiß. Das merkt man. Durch Corona haben wir ja lange keine Spiele gehabt. Nun haben wir mit den Kickers Emden und anschließend dem Heeslinger SC zwei echte Kracher zum Auftakt. Beide sind sehr ambitioniert. Bei uns ist die Erwartungshaltung eher gering. Wir sind für alle der Underdog. Dennoch haben bei uns jetzt alle Bock.

Die Lust nach den Pflichtspielen konnten die Testpartien also nicht wirklich auffangen?

Nein. Das haben wir eher als Training angesehen. Da wurde viel ausprobiert. Doch jetzt geht es endlich los. Und in Emden treffen wir gleich auf einen alten Traditionsverein mit einem schönen Stadion. Das erste Spiel dort zu haben, ist schon etwas Besonderes.

Sie haben bereits gesagt, dass Ihr Team als Außenseiter angesehen wird. Das heißt im Umkehrschluss, dass der Aufstieg nicht eingeplant war?

Eigentlich nicht. Wir haben damals gesagt, wir gehen mittelfristig den Weg, junge Spieler einzubauen. Wir wollten Spieler, die sich mit dem Verein identifizieren. Dass wir stark sind, hat sich aber bereits in der Saison vor dem Aufstieg abgezeichnet. Da waren wir in der Rückrunde sehr stark. Danach haben wir kaum neue Spieler geholt und nur ein paar ältere aussortiert. Der Kader ist ohne große Fluktuation zusammengeblieben. Es war eher ein Wunschgedanke, dass man Tabellenplatz fünf bestätigt (diesen Rang belegte der RSV in der Saison 2018/2019, Anm. d. Red.). Aber dann haben sich die Jungs toll weiterentwickelt. Früher haben wir eher destruktiv gespielt, wurden jedoch immer stärker und von den Minimalisten, die oft nur 1:0 gewonnen haben, zu der Mannschaft, die die meisten Tore geschossen hat. Wir haben dann auch gegen Teams, die defensiv standen, immer wieder Lösungen gefunden und guten Fußball gespielt. Von daher hatten wir es verdient, oben zu stehen. Schlussendlich hat sich die Mannschaft klar für den Aufstieg ausgesprochen. Also gehen wir es jetzt an. Dennoch müssen wir demütig bleiben und sagen, dass wir der Underdog sind. Wir müssen jedes Spiel neu angehen und den einen oder anderen Gegner ärgern.

Wegen der Corona-Pandemie ist die Oberliga Niedersachsen in zwei Staffeln aufgeteilt worden. Die Fahrten sind für Sie und Ihr Team fürs Erste also nicht so weit. Wie denken Sie über die Teilung der Liga, war es die richtige Entscheidung?

Ich glaube ja. Durch die Teilung haben wir immerhin die Derbys behalten, mit Heeslingen, Hagen und Uphusen. Klar: In der Oberliga gehören auch mal weitere Auswärtsfahrten dazu. Die haben wir jetzt ja auch mit Emden und Spelle. Aber man weiß ja auch nicht, was passiert, wenn im Herbst die Infektionszahlen wieder hochgehen sollten. Aber ich glaube, man hätte mit diesem Modus schon noch die Chance, die Saison zu Ende zu kriegen. Das wäre mit 20 Mannschaften in einer Liga mit Hin- und Rückspielen eigentlich nicht möglich. Von daher kann ich die Entscheidung nachvollziehen. Es wäre fair, wenn wir den Spielplan so durchbekommen. Als Nachteil sehe ich jedoch, dass unsere Staffel als die stärkere gilt. Da sind einige ambitionierte Klubs dabei. So genau kenne ich die Teams aus der anderen Staffel aber nicht, um mir da ein genaues Urteil zu bilden.

Mit Atlas Delmenhorst ist eine der großen Attraktion der Oberliga in die Regionalliga aufgestiegen. Sind Sie enttäuscht, weil Ihrer Mannschaft ein echter Saisonhöhepunkt entgeht?

Ja, definitiv. Atlas wäre ein Highlight gewesen. Das ist ein cooler Verein. Da hätte man vor einer größeren Kulisse gespielt. Daher ist es für uns schade, dass Atlas für uns als Gegner nicht drin geblieben ist.

Dennoch gehen Sie die Saison mit viel Vorfreude an, aber eben auch mit einer jungen Mannschaft. Ist dieses Konzept nicht auch riskant, weil den Spielern die Erfahrung fehlt?

Ja, das ist sicher so. Was ich aber gut finde: Wir haben uns nicht verkauft. Natürlich haben wir auch mit ambitionierten Spielern Gespräche geführt, haben aber ebenso gesagt: Wenn wir aufsteigen, dann mit unseren Jungs und mit Spielern, die finanziell und sportlich zu uns passen. Es ist aber so, dass uns Erfahrung fehlt, die du in der Oberliga brauchst. Ich kann mit unserem Weg jedoch sehr gut leben. Wir verkaufen für die Oberliga nicht unsere Philosophie und unsere Mannschaft. Natürlich könnte man vier, fünf gestandene Oberligaspieler holen, die aber eigentlich zu teuer sind und gleich wieder gehen, wenn es sportlich nicht läuft. Zudem haben wir mit Sämi van den Berg und unserem neuen Keeper Fabiano Curia viel Qualität dazu gewonnen.

Sie sprechen den Achimer Sämi van den Berg an, der vom Bremer SV kam. Er ist zwar noch jung, bringt jedoch einiges an Erfahrung mit, weil er unter anderem mit Hannover 96 in der A-Jugend-Bundesliga gespielt hat. Welche Rolle soll er in Ihrem Team einnehmen?

Ich sehe Sämi als Führungsspieler an. Er hat eine tolle Art, ein Team zu lenken. Sämi verfügt über ein gutes Stellungsspiel und tolles Spielverständnis. Er ist ein Typ, der bei uns reinpasst und auch gleich eine Rolle bekommt, die ihm in seiner individuellen Entwicklung hilft. Aufgrund seiner Ausbildung in Hannover hat er sicher den Anspruch, noch höher zu spielen. Und da sind wir das richtige Paket für ihn.

Von ihrem künftigen Ligakonkurrenten Uphusen wurde zudem der junge Keeper Julian Paul geholt. Welchen Eindruck hat er bislang hinterlassen?

Wir sind mit ihm völlig zufrieden. Julian ist ein Perspektivspieler. In ihm schlummert allerdings jede Menge Potenzial. Wir sind davon überzeugt, dass er seinen Weg macht. Er wird seine Einsatzzeiten auch bekommen. Curia ist aber unser Stammtorhüter.

Bleiben wir beim TB Uphusen, einer Ihrer Derbygegner. Was trauen Sie dem Team in der neuen Saison zu?

Ich habe einen sehr guten Kontakt zu Florian Warmer (Sportlicher Leiter des TBU, Anm. d. Red.), den ich sehr schätze. Uphusen ist nicht der typische Derbykonkurrent für uns wie Heeslingen. Da geht es nicht um das große Prestige, weil wir nicht über viele Jahre in der gleichen Liga gespielt haben. Sie gehen jetzt ja auch einen ähnlichen Weg wie wir: Mit weniger erfahrenen sowie gestandenen Spielern, durchaus verjüngt und Jungs aus der Region. Zudem haben sie sich mit Christian Ahlers-Ceglarek für einen Trainer entschieden, der ein sehr gutes Standing in der Mannschaft und im Verein hat. Ich finde diese Entscheidung richtig und sehr sympathisch, weil sie ähnlich ist wie bei mir in Rotenburg. Es birgt natürlich ein Risiko, in der Oberliga anzufangen. Aber ich glaube, es ist der richtige Weg, der in Uphusen eingeschlagen wird.

Das Interview führte Florian Cordes.

Info

Zur Person

Tim Ebersbach (39)

ist Trainer des Oberliga-Aufsteigers Rotenburger SV. In der Saison 19/20 gewann der Oytener mit dem RSV den Titel in der Fußball-Landesliga, nun peilt der Coach mit seiner jungen Truppe den Klassenerhalt im niedersächsischen Oberhaus an. Bereits als Spieler war er mit dem RSV in der Oberliga Niedersachsen.

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