Rieder Kirche Geläut zum runden Geburtstag

700 Jahre ist sie alt, die Bauernglocke in der Rieder Kirche. Grund genug, dies gebührend zu feiern. Und das in durchaus besonderer Art und Weise.
27.04.2020, 15:56
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Geläut zum runden Geburtstag
Von Jürgen Juschkat

Eigentlich hätte am Sonntag in der Rieder St.-Andreas-Kirche Konfirmation gefeiert werden sollen, doch die Corona-Pandemie mit all ihren Auflagen hat das verhindert. Die Not machte jedoch einmal mehr erfinderisch: Stattdessen fand nämlich anlässlich des 700-jährigen Jubiläums der ältesten und zweitgrößten Glocke in der Kirche – der „Bauernglocke“ – ein Glockenkonzert statt, für das die Gemeinde den jungen Bremer Hendrik Hopfenblatt engagierte.

Rund 40 Neugierige verteilten sich mit sinnvollem Abstand vor dem 27 Meter hohen Glockenturm des evangelischen Gotteshauses, für das Fachleute einst als ungefähres Baujahr für den ältesten Bauabschnitt – Turm und Kirchenschiff ohne den jetzigen Altarraum – das Jahr 1270 nennen. Vier Glocken befinden sich im Turm des Backsteinbaus, wobei die letzten beiden erst 1960 in Betrieb genommen wurden. „Sie feiern in diesem Jahr alle einen runden Geburtstag“, erklärte Pastorin Birgit Bredereke.

40-minütiges Konzert

Der Bremer Hendrik Hopfenblatt setzte in seinem Konzert der besonderen Art alle vier Glocken gekonnt ein. Er ließ verschiedene Teilmotive läuten und hatte diese unterteilt in Einzelglocken, Duette, Terzette und Vollgeläut. „Nach einem eher düsteren Molldreiklang folgte zum Beispiel ein fröhlicher Dursextakkord“, berichtete der junge Mann aus der Hansestadt. Gespannt verfolgten die Zuhörer und Zuhörerinnen die unterschiedlichen Klänge. 40 Minuten dauerte das Glockenkonzert, das eigentlich nie langweilig wurde.

„Beeindruckend, vielseitig, interessant und faszinierend“ – die Besucher vor der Kirche waren begeistert. „Schön, das hat schon etwas“, urteilte eine Dame. Auch der Glocken-Künstler selbst war zufrieden. „Ich hatte nie damit gerechnet, dass so viele Leute kommen. Es war mir eine Ehre, die Glocken zu schalten“, berichtete er. „Das hier war mein erstes Glockenkonzert. Weitere sind geplant, allerdings vorerst nur als ,Rohlinge' auf meinem Rechner. Wenn die Krise zu Ende ist, werde ich auf einige Gemeinden mit einem für Konzerte geeigneten Geläut zugehen“, erklärte Hopfenblatt.

Die Rieder „Bauernglocke“ – die Totenglocke (Schlagton g) aus dem Jahr 1320 – ist 930 Kilo schwer und misst im Durchmesser 116 Zentimeter. Die große Glocke, die so genannte Betglocke (e) aus dem Jahr 1705, ist die mit 1260 Kilo schwerste und hat einen Durchmesser von 130 Zentimetern. Erst im vergangenen Jahrhundert kamen die Trau- und die Taufglocke (Schlagton h beziehungsweise c) hinzu – gefertigt von der Glocken-Gießerei Rincker aus Sinn. Sie sind mit 300 und 450 Kilo und Durchmessern von 74 und 83 Zentimetern erheblich kleiner. „Die Rieder Bauernglocke steht ganz weit oben auf meiner persönlichen Liste der schönsten Glocken, die ich bisher gehört habe. Sie hat einen vollen und erhabenen Klang, welcher für ihre Entstehungszeit nicht üblich war und somit besonders ist. Zudem ist sie – für ihren Ton – sehr schwer, was auch noch mal ein gewisses Charisma erzeugt“, urteilte der Bremer Glocken-Künstler.

Sagen und Überlieferungen

„Im September 2018 habe ich das Geläut schon einmal besichtigt und aufgenommen. Danach blieben die Kirchengemeinde und ich in Kontakt, da ich schon seit längerer Zeit eine zweite, bessere Aufnahme plane. Nun bot sich die Gelegenheit mit dem Glockenfest beziehungsweise dem Konzert an“, erzählte Hopfenblatt über den Kontakt mit der Rieder St.-Andreas-Gemeinde. „Wir hatten bei ihm wegen des für den 4. Oktober vorgesehenen Glocken-Festes angefragt“, ergänzte Riedes Pastorin Birgit Bredereke. Das wird es nun jedoch in diesem Jahr nicht geben, denn dann soll möglichst die Konfirmation nachgeholt werden. Ersatzweise fand nunmehr aber das Glocken-Konzert statt, für das der Bremer spontan zusagte.

Um die ältesten Rieder Kirchenglocken herum ranken viele Überlieferungen, die jedoch historisch nicht belegt sein sollen. „Die Bauernglocke heißt so, weil sie vermutlich damals von den Bauern im Dorf angeschafft wurde“, erzählte vor Jahren bereits der Rieder Andreas Schumacher. Die Sage berichtet, dass der Erzbischof von Bremen und die Domherren von St. Petri vom reinen und sauberen Klang gehört hatten und fanden diese Glocke aus dem Jahr 1320 zu gut für eine Dorfkirche. Sie wollten diese besitzen und deshalb auch großartig bezahlen. Das gute Stück – einen Meter hoch und 116 Zentimeter im Durchmesser – sollte als Preis mit Silberstücken, den sogenannten Bremer Groten, gefüllt werden. Die Rieder gingen aber angeblich auf das attraktive Angebot nicht ein. Nach einer anderen Überlieferung soll der Wagen, mit dem die Glocke abtransportiert wurde, am Ortsausgang liegengeblieben sein. Somit scheiterte der Verkauf nach Bremen. Welche Geschichte nunmehr wahr ist, darüber kann nur spekuliert werden. Offensichtlich ist jedoch, dass die beiden ältesten Rieder Glocken die beiden Weltkriege des zwanzigsten Jahrhunderts trotz des erheblichen Metallbedarfs unbeschadet überstanden haben.

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