Neuer Schlachthof für Bremen Der Schlachtplan der Bio-Bauern

Fünf Landwirte und ein Biometzger wollen einen Schlachthof bauen. Die Gruppe sucht nach eigenen Angaben derzeit nach einem geeigneten Gewerbegrundstück im Süden von Bremen.
26.05.2021, 17:06
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Der Schlachtplan der Bio-Bauern
Von Jürgen Hinrichs
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Sie sind die Pioniere unter den Biolandwirten, und es war nicht leicht, "eine harte Zeit", sagt Elisabeth Böse. Als ihre Familie vor 32 Jahren die Produktion umstellte, alles auf Öko, "da waren wir die Spinner der Nation". Heute ist das anders. Der Bioland-Hof Böse-Hartje in Thedinghausen gilt in der Gegend als Institution, hoch anerkannt vor allem für sein Rindfleisch von Weidetieren aus ökologischer Zucht und Haltung. Es gibt auch noch die Eier von 600 Hühnern und die Milch von 200 Kühen. Dazu das Jungvieh, 150 Stück. Eine kleine Klitsche ist das nicht, war es nie. Die Besucher können sich davon überzeugen, wenn sie freitags und sonnabends im Hofladen einkaufen oder ein Heißgetränk im Café nehmen, sofern die Pandemie das erlaubt. Einmal im Monat findet auf dem Hof ein Wochenmarkt statt, dann ist richtig was los.

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Das Fleisch - muss man sich leisten können. Filetsteak zum Beispiel kostet 59 Euro das Kilo, mehr als dreimal so viel als im aktuellen Angebot bei Edeka. "Dafür ist es ehrliches Fleisch", betont Böse. Das Zehn-Kilo-Paket mit allem drin, mit Hochrippe, Braten, Gulasch, Hack, Rouladen, Steaks und Kochfleisch verkauft sie pro Kilo für 14,30 Euro. Alles zart und schmackhaft, verspricht die Bäuerin, "das sagen auch die Kunden".

Die Rinder vom Biohof werden in einem kleinen Schlachthaus getötet, das zwölf Kilometer entfernt liegt. "Es ist widerwärtig, wenn die Tiere vorher stundenlang transportiert werden", findet Böse. Doch was tun in Zukunft, denn dort, wo sie heute schlachten lässt, ist das möglicherweise bald vorbei, "der Betrieb ist zu klein, er müsste erweitert und saniert werden, aber das lohnt sich nicht mehr".

Wie die Idee entstanden ist

Zusammen mit vier anderen Hofbesitzer, die in der gleichen Situation sind, soll eine Genossenschaft gegründet werden. Ziel ist der Bau und Betrieb eines eigenen Schlachthofes für Rinder und Schafe. Keine Massen davon, sondern gerade mal so viel, dass es noch Handwerk ist und keine Industrie. Geplant sind 50 Rinder und 150 Schafe an je zwei Schlachttagen pro Woche. Verarbeitet werden soll sowohl bio-zertifiziertes als auch konventionelles Fleisch aus der Region.

Die Genossen in spe haben den ehemaligen Bremer Staatsrat Wolfgang Golasowski mit der Konzeption beauftragt. Er sucht gerade nach einem geeigneten Gewerbegrundstück  im Süden von Bremen und hat das 5,5 Millionen Euro teure Projekt unter anderem dem Rat der Gemeinde Schwarme vorgestellt, wo eine Fläche in Frage käme, benötigt werden rund 5000 Quadratmeter.

"Schlachten gehört dazu. Wenn ich Fleisch essen will, muss ich das tun", sagt Elisabeth Böse (71). Ihre Generation sei damit groß geworden, ein ganz natürlicher Vorgang auf dem Hof, wenn das Schwein dran war oder das Huhn. Diese Nähe soll der neue Schlachthof wieder herstellen, indem er "gläsern" produziert und Besucher dabei zuschauen lässt. "Uns geht es auch darum, den Beruf des Schlachters aufzuwerten", sagt Böse. In der Präsentation von Golasowski wird das so formuliert: "Denselben Stellenwert wie das Tierwohl haben menschenwürdige Arbeitsverhältnisse, Festanstellungen und faire Bezahlung. Wir wollen den Beruf des Fleischers attraktiv machen und ausbilden."

Auf dem Bioland-Hof Böse-Hartje werden die Tiere zur Schlachtung weggegeben und grob zerlegt, alles andere geschieht im eigenen Betrieb: Die Steaks, das Gulasch, die Zehn-Kilo-Pakete gehen durch die Hände der Hofbesitzer. Was dabei an Wert geschöpft wird, bleibt bei ihnen. Das ist ein Vorteil, und es gibt noch einen: "Wenn ich meine Tiere direkt vermarkte, ist für jeden Kunden nachvollziehbar, was er kauft."

Aus Sicht der Bäuerin sind die Pläne für den neuen Schlachthof bereits weit gediehen. Er soll unter anderem einen hellen und ruhigen Wartestall bekommen soll, damit sich die Tiere nach dem Transport beruhigen. Die Gespräche mit einer Bank seien positiv verlaufen, das Projekt könne finanziert werden. Voraussetzung sei allerdings eine Förderung durch das Land Niedersachsen.

Mit Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) müsste das eigentlich möglich sein. Sie hat sich für einen grundsätzlichen Wandel bei der Fleischerzeugung ausgesprochen. Man müsse "weg von immer größer und immer mehr", sagte die Politikerin in einem Pressegespräch. Es dürfe nicht sein, dass es ganze Landkreise gebe, in denen kein einziger Schlachter mehr zu finden sei. Das erschwere nicht nur regionalen Konsum, sondern verlängere auch Tiertransporte. "In jeden Landkreis gehört ein Schlachthof", so die Ministerin.

Das Land hat zum 1. März dieses Jahres die Förderrichtlinien angepasst. Sie kommen kleinen Betrieben im Fleischsektor zugute, auch solchen, die gerade gegründet werden. Ein Grund zur Freude? Nein, sagt Bäuerin Böse: "Die Förderzusage ist an einen fertigen Bauantrag mit Emissionsgutachten gebunden. Wir müssen mit immens viel Geld in Vorleistung gehen, ohne zu wissen, ob was vom Land kommt und wie viel das ist." Es gibt deswegen Gespräche mit dem Agrarministerium, Golasowski ist am Ball, Ausgang: offen. Ganz aufgegangen ist der Schlachtplan also noch nicht.

Ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen

Die Handvoll Landwirte aus der Bremer Region reklamieren für sich, mit ihrer Idee eines alternativen Schlachthofs in Norddeutschland einmalig zu sein. Woanders ist dieser Pfad bereits betreten worden. Es gibt einen Betrieb in Nordrhein-Westfalen, der damit wirbt, besonders schonend zu schlachten. Geführt wird er von der Familie Thönes. Sie schlachtet seit 1988 und ist in der 8000-Seelen-Gemeinde Wachtendonk nahe Kleve zu Hause. Die Tiere kommen von Biolandwirten, die ihre Höfe im Rheinland und an der Ruhr haben und im Naturverbund Niederrhein zusammengeschlossen sind.

Das schonende Schlachten fängt beim Transport an. Maxime ist, dass jeder Landwirt die Tiere selber bringt und nicht lange unterwegs sein darf. Bei Schweinen betrage die Zeit durchschnittlich eine halbe Stunde, informiert der Naturverbund. Bei Rindern seien es durchschnittlich anderthalb Stunden. Die Transportbedingungen würden ausschließlich von geschulten und fest angestellten Mitarbeitern überprüft. Nach der Annahme würden die Tiere mindestens sechs Stunden in Warteställen untergebracht und gut versorgt. Die Tiere blieben in denselben Gruppen wie während der Mast, um Rangkämpfe zu vermeiden.  "Stresshormone bleiben nach der Schlachtung als chemische Substanz im Fleisch und im Blut der Schlachtkörper enthalten. Wenn wir schon den Einsatz von Antibiotika bei der Mast ausschließen, dann sollen auch keine anderen vermeidbaren Wirkstoffe im Fleisch enthalten sein", erklärt der Verbund. Neben dem Tierwohl spielt also genauso Qualitätsfragen eine Rolle.

Betäubt würden die Tiere mit einem Elektroschock, um danach bewusstlos zu verbluten. "Auf eine Gasbetäubung durch CO2 und andere Gase wird aus Gründen des Tierschutzes grundsätzlich verzichtet", heißt es in der Beschreibung des Naturverbands.

Die aktuellen Zahlen zum Fleischmarkt

Im Jahr 2019 wurden in Deutschland nach Angaben des aktuellen „Fleischatlas“ der Umweltorganisation BUND mehr als zwei Millionen Tiere pro Tag geschlachtet, darunter 1,7 Millionen Hühner, 151.000 Schweine und 94.000 Puten. Getötet, zerlegt und verarbeitet werden die Tiere meist in einem der Fleischkonzerne. Durch Übernahmen und Fusionen sind  sie stetig gewachsen und haben ihre Marktmacht ausgebaut. Das mit weitem Abstand größte Unternehmen ist die Tönnies-Gruppe mit einem Umsatz von 7,3 Milliarden Euro im Jahr 2019. Tönnies steht seit Jahrzehnten in der Kritik, unter anderem wegen der Arbeitsbedingungen in den Betrieben. Zuletzt hatte die Gruppe wegen eines massenhaften Corona-Ausbruchs in der Belegschaft des Stammwerks in Rheda-Wiedenbrück Schlagzeilen gemacht. Nach Tönnies folgen fast gleichauf mit jeweils rund 2,8 Milliarden Euro Vion Food German und Westfleisch. Die weiteren Plätze: PHW-Gruppe (2,68 Milliarden), Heristo (1,328 Milliarden),  Rothkötter (1,185 Milliarden), Zur-Mühlen-Gruppe (1,00 Milliarde), Müller-Gruppe (950 Millionen), Kaufland (849 Millionen) und die Sprehe-Gruppe (753 Millionen).

Gesetzgeber gibt der Fleischindustrie neue Regeln

In der Fleischindustrie waren Skandale in den vergangenen Jahrzehnten an der Tagesordnung. Sei es, dass verunreinigte Ware gefunden wurde, es in den Werken keinen hinreichenden Schutz gegen Corona gab, Hygienebestimmungen keine große Rolle spielten oder, das vor allem, die Beschäftigten unter unwürdigen Bedingungen arbeiten und leben mussten. Beinahe zwei Drittel von ihnen seien bisher bei Subunternehmen über Werkverträge oder durch Arbeitnehmerüberlassung angestellt und kämen aus Mittel- und Osteuropa, heißt es im aktuellen „Fleischatlas“ der Umweltorganisation BUND. Tarifliche Regelungen für die Werkverträge habe es nicht gegeben, immerhin würde nach Auskunft der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten aber meist der gesetzliche Mindestlohn gezahlt. In der Vergangenheit seien wiederholt Fälle bekannt geworden, dass die Leiharbeiter und Menschen mit Werkverträgen weder Urlaub noch Feier- oder Krankheitstage gezahlt und Überstunden nicht richtig berechnet wurden.

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Der Gesetzgeber hat damit jetzt Schluss gemacht. In der  Fleischindustrie sind ab dem 1. Januar Werkverträge und ab dem 1. April Zeitarbeit verboten: Schlachtung und Zerlegung dürfen dann nur noch von eigenem Stammpersonal des Inhabers vorgenommen werden. Eine auf drei Jahre befristete Ausnahmeregelung macht es nach Mitteilung der Bundesregierung auf Grundlage eines Tarifvertrags möglich, Auftragsspitzen ausschließlich in der Fleischverarbeitung durch Leiharbeit aufzufangen – allerdings unter strengen Auflagen und Kontrolle. In der Arbeitsstättenverordnung werde künftig bestimmt, wie die Gemeinschaftsunterkünfte zur Unterbringung von Arbeitnehmern ausgestattet sein müssen, auch abseits des Betriebsgeländes. Teil des neues Arbeitsschutzkontrollgesetzes ist außerdem das Gebot für die Bundesländer, die Betriebe häufiger als bisher zu kontrollieren. Die Arbeitgeber müssen fortan den Beginn und das Ende der täglichen Arbeitszeit ihrer Belegschaft verpflichtend elektronisch aufzeichnen. Bei Verstößen setzt es Geldbußen bis zu 30.000 Euro.

Die Arbeitsbedingungen und Unterkünfte der Arbeiter in der Fleischindustrie seien nicht länger hinnehmbar, hatte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD im Gesetzgebungsverfahren betont. 16-Stunden-Tage und beengtes Wohnen in Gemeinschaftsunterkünften würden nicht länger akzeptiert, gezielte Kontrolle und klare Verhältnisse seien das Gebot der Stunde.

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