Interview mit Gordon Doyen „Eisenbahn als Hobby ist nicht mehr sexy“

Gordon Doyen war eines der Gründungsmitglieder des Kleinbahnvereins Leeste und ist noch immer im Vorstand tätig. Im Interview spricht er über die Zukunft des Pingelheini, alte Probleme und neue Freundschaften.
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Von Stephen Kraut
Herr Doyen, der Kleinbahnverein Leeste scheint derzeit viele neue Freunde zu finden. Neben der Kooperation mit der Weser-Ems-Eisenbahn ist auch eine langfristige Zusammenarbeit mit dem Verein Sudweyher Bahnhof angedacht. Wie wichtig sind diese „neuen Freundschaften“?

Gordon Doyen: Sehr wichtig, weil wir mit unseren Zugfahrten ja nicht ständig das Rad neu erfinden und deswegen Anreize schaffen müssen, bei uns mitzufahren. In Bezug auf den Sudweyher Bahnhof kommt noch hinzu, dass wir von diesem Projekt begeistert sind, denn es rettet ein Stück Kleinbahn, und es bringt kulturelles Leben in den Ort Sudweyhe. Und zu einem Bahnhof gehört Zugverkehr, oder? Die Zusammenarbeit mit der Weser-Ems-Eisenbahn ist wieder eine andere Sache, denn nur so haben wir die Chance, Tagesfahrten in Norddeutschland anzubieten. Solche Fahrten sind wichtig, weil sie das Geld in die Vereinskasse bringen, das wir auf unserer Stammstrecke nach Thedinghausen nicht mehr verdienen. Wir brauchen es aber, um unsere Fahrzeuge am Laufen zu erhalten.

Ist diese Suche nach Partnern eine neue Entwicklung?

Nein, denn für Fahrten auf DB-Strecken hatten wir, seit wir sowas veranstalten, immer schon Fahrzeuge anderer Betreiber angemietet. An unserer Kooperation mit der Weser-Ems-Eisenbahn ist neu, dass wir hier keine Fahrzeugmiete mehr bezahlen müssen, sondern an den Einnahmen beteiligt werden, die durch Fahrgäste, die in Leeste zusteigen, erwirtschaftet werden. Das Risiko liegt damit bei unserem Partner. Und das ist für uns ein großer Vorteil, denn solche Auswärtsfahrten sind sehr teuer. Wenn wir bislang einen Sonderzug schlecht auslasten konnten, riss das ein schmerzliches Loch in die Vereinskasse. Ich möchte hier aber betonen, dass solche Einnahmen bei uns streng zweckgebunden sind, denn wir sind ein gemeinnütziger Verein und kein Wirtschaftsunternehmen. Jeder Cent wird in unsere Fahrzeuge investiert, und wir alle arbeiten ehrenamtlich.

Der Kleinbahnverein Leeste lebt maßgeblich von seinen tatkräftigen Ehrenamtlichen, doch Nachwuchs ist auch bei Ihnen rar. Welche Wege kann der Verein gehen, um neue Interessierte in die eigenen Reihen zu holen?

Sie sprechen ein echtes Problem an. Die Eisenbahn als Hobby ist nicht mehr sexy, und die Gesellschaft und die Interessen verändern sich. Wir werden Jugendliche nicht erreichen, das war sogar schon schwierig, als ich 1986 – damals war ich 16 – zum ersten Mal in einem Sonderzug zum Thänhuser Markt schaffnerte. Wir wenden uns Kindern zu, beteiligen uns an der Weyher Ferienkiste, veranstalten Nikolaus- und Heiligabendfahrten und bieten im Sommer in unseren Planzügen Kindern freie Fahrt. Ich fürchte aber dennoch, dass sich dieses Hobby nicht auf ewig halten wird.

Der Pingelheini ist seit 1993 regelmäßig unterwegs. Was macht aus Ihrer Sicht noch immer den Reiz der Museumsbahn aus?

Ich glaube, dass die Fahrgäste spüren, dass sich unsere Leute viel Mühe geben. Unsere Lokführer – das sind zumeist mein Vorstandskollege Harald Urber und der örtliche Betriebsleiter der BTE (Bremen-Thedinghauser-Eisenbahn, Anm. d. Red.), Dietmar Rautenberg – haben noch nie ein Kind oder auch Erwachsene zurückgewiesen, wenn die mal die Lokomotive erleben möchten. Unsere Schaffner sind keine strengen Kartenkontrolleure, sondern Menschen, die Spaß am Umgang mit Gästen haben. Kinder finden die Eisenbahn immer noch toll, und Erwachsene erinnern sich wieder, wie sie damals selbst zur Arbeit oder zur Schule gefahren sind – diese Fenster, die man noch öffnen kann, diese Sitze aus Kunstleder und das Schaukeln der Wagen.

Sie sind auch Gründungsmitglied des Kleinbahnvereins. Was ist seit den Anfängen aus Ihrer Sicht die bisher größte Veränderung gewesen, die der Verein erlebt hat?

Oh, es gab immer Veränderungen. Als wir begannen, war bei der Bahn noch vieles möglich, das heute undenkbar ist. Das Internet hatte später viel verändert, und wir waren die erste Museumsbahn, bei der man online reservieren konnte. Eine Veränderung war auch, als wir uns vor zehn Jahren erstmals auf das Streckennetz der DB wagten. Die größte Veränderung aber war sicherlich, als wir es Ende der 1990er-Jahre plötzlich mit ominösen „Heuschrecken“ zu tun hatten, die die Strecke abreißen und in Bauland verwandeln wollten. In den Jahren waren wir nur noch damit beschäftigt, deren Treiben so öffentlich wie möglich zu machen und für den Erhalt der Bahn zu kämpfen. An Ende entstand dann mit der kommunalen BTE eine neue Firma, was auch für uns eine neue Ära bedeutete.

Sie selbst leben inzwischen in Hamburg. Wie schwierig ist es für Sie, die Geschicke des Vereins von dort zu führen?

Von Hamburg nach Leeste ist es ein Katzensprung. Ich bin oft in Leeste, und umgekehrt kommen die Vorstandskollegen auch immer wieder nach Hamburg, wenn es etwas zu besprechen gibt. Eine Herausforderung ist eher mein Beruf. Sie wissen vielleicht, dass ich vor fünf Jahren mein Leben ändern und raus aus dem Büro und den ewigen Meetings wollte. Ich wurde Lokführer in Hamburg und Schleswig-Holstein, und in dem Beruf arbeitet man sehr oft zu Zeiten, in denen andere ruhen, zum Beispiel an Feiertagen oder nachts. Ich liebe meinen Job, es ist ein toller Beruf, aber das macht es mitunter herausfordernd, die notwendige Zeit für den Pingelheini aufzubringen. Das hat aber auch gute Effekte. Unser Vorstand besteht aus drei Leuten. Es gibt keinen Vorsitzenden, wir sind alle gleichberechtigt. Harald Urber leitet den technischen Bereich in Leeste, und Alfred Schuchardt kümmert sich um Verwaltungskram, beide leisten vor Ort sehr viel Arbeit, und wir kommunizieren per E-Mail, Skype oder Whatsapp. Weitere Mitglieder wie Chris Harnell, der für den Thekenwagen zuständig ist und den wohl jeder unserer Gäste kennt, haben nun viel mehr Eigenverantwortung, und das stärkt deren Position und Selbstbewusstsein.

Der Bahnhof Sudweyhe wurde modernisiert und soll ein Ort der Begegnung werden. Würden Sie sich für den Bahnhof in Leeste ebenfalls eine Aufwertung wünschen?

Natürlich! Die Kleinbahn war ein maßgeblicher Motor für die Entwicklung der Orte, durch die sie führt, sie war eine Lebensader, und die Bahnhöfe prägten das Ortsbild. Auch Leeste täte ein Projekt wie das in Sudweyhe gut. Der Bahnhof gehört der BTE und damit zu einem guten Teil den Gemeinden. Ich glaube, dass eine Aufwertung mit Kultur, Historie oder Gastronomie für Leeste einen Mehrwert hätte und das notwendige Geld dafür gut angelegt wäre.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen müssen, wo kann der Weg für den Kleinbahnverein und den Pingelheini hinführen?

Sollte eines Tages doch noch die Straßenbahnlinie 8 von Bremen-Huchting aus über die BTE nach Leeste verlängert werden, müssen wir unsere Fahrzeuge technisch so aufrüsten, dass sie für die dann mit Signaltechnik ausgerüstete Strecke fit sind. Von der technischen Seite einmal abgesehen, wünschen wir uns ein gemeinsames Marketing mit den Gemeinden und Touristikvereinen. In Thedinghausen klappt das schon ganz gut, aber in Stuhr und Weyhe passiert da doch eher wenig, und in Bremen sind wir quasi Luft. Wir selbst müssen in der Öffentlichkeit deutlich machen, dass neue Mitstreiter immer willkommen und wir kein verschworener Haufen sind, sondern eine offene Gemeinschaft.

Das Interview führte Stephen Kraut.

Info

Zur Person

Gordon Doyen

ist seit 2016 kaufmännischer Vorstand des Vereins Kleinbahn Leeste. Der 49-jährige gebürtige Bremer ist ausgebildeter Lokomotivführer und lebt in Hamburg. Er arbeitet für ein dort ansässiges mittelständisches Eisenbahnunternehmen, das Regionalverkehr in Hamburg und Schleswig-Holstein anbietet.

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