Erbhof Thedinghausen

Sartre im plattdeutschen Gewand

Im Erbhof Thedinghausen gab es gleich zwei Theaterstücke zu sehen. Dazu gehörte das Vier-Personen-Schauspiel „Ünner uns“ – auch bekannt unter dem Titel „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre.
18.10.2020, 16:54
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Sartre im plattdeutschen Gewand
Von Jürgen Juschkat
Sartre im plattdeutschen Gewand

Im Renaissancesaal des Erbhofs gab es gleich zwei Theaterstücke zu sehen. Wegen Corona aber vor kleiner Zuschauerzahl.

Björn Hake

Bleibende Eindrücke vermitteln wollte das Theater SpielArt im Renaissancesaal des Schlosses Erbhof in Thedinghausen – und das dürfte gelungen sein. Zwar war durch Corona nur eine kleine Zuschauergruppe zugelassen, doch konzentriert verfolgte diese die plattdeutschen Dialoge und Gesten der Schauspieler und Schauspielerinnen und sparte nicht mit Applaus. Eingeladen dazu hatte der Förderkreis Erbhof anlässlich des 400-jährigen Bestehens des Erbhofs.

Das ehrenamtliche Theater-Ensemble mit dem künstlerischen Leiter Thomas G. Willberger zog das Publikum durch zwei unterschiedliche niederdeutsche Aufführungen in seinen Bann. Zunächst durch das Vier-Personen-Schauspiel „Ünner uns“ – auch bekannt unter dem Titel „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre. Später durch „My Name is Peggy“, eine Komödie des in Bremen geborenen Marc Becker. „Wir wollen die Spannbreite unseres Programms zeigen. Die Stücke sind prädestiniert für die plattdeutsche Sprache“, erklärte der Regisseur.

Die Bühne bestand aus einem grauen Vorhang im Hintergrund und drei Sitzgelegenheiten. Das Geschehen spielte sich beim nachdenklich stimmenden Schauspiel an einem unwirklichen Ort ab, in einem Raum ohne Fenster, Spiegel und Tageslicht. Neben den Scheinwerfern im Hintergrund spendete nur der Kronleuchter an der Decke künstliches Licht. Ein Wärter mit schmutzigen Gummistiefeln und der Jacke eines Soldaten (gespielt von Dirk Röver) sperrte Ines (Isa Steffen), Stella (Kerstin Umierski) und Gregor (Andreas Lamp) in eben diesen Raum ein, in dem sie fortan – nach ihrem Tod – unentrinnbar gefangen sind.

Es wird gelogen und getäuscht und dem anderen Leidensgefährten etwas vorgespielt. Das Leben nach dem Tod wird in dieser Dreier-Gemeinschaft zur Hölle, in der ein Teufel gar nicht nötig ist. Dieser steckt vielmehr schon im Detail, also in den Peinigern selbst. Denn jede entstandene Zweierbeziehung wird kurz darauf schon wieder vom Dritten zerstört. Egal, ob nun der Berliner Journalist Gregor, die übermäßig ängstliche Stella oder die sture Ines gerade mit einer anderen Person aus dem Trio anbandelt oder sogar rumknutscht – wie zwischen Stella und Gregor geschehen. Alle drei stellen sich immer wieder die Frage, warum man sie zusammengebracht hat. Einsicht und Ausblick prägen die verbalen Äußerungen.

Nach einer Pause zeigte SpielArt die Tourneetheater-Fassung von „My Name ist Peggy“ mit einer Frau auf dem Weg zum Glück. „Ein zeitgenössisches Stück“, urteilte Regisseur Willberger, dessen Frau Inske Albers-Willberger hier die einzige Rolle ausfüllt. „Een möss de totale Kontroll över sik heben. Allns, wat nödig ist, von sik to weten kriegen, dormit 'n weet, wo dat funktioniert“, rezitierte zum Thema Eigenkontrolle die lebenslustige Peggy, die von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt ist. Immer mit einem Notizbuch in der Hand entwickelte sie sich zur Sabbeltante, erzählte zunächst vom Marmeladenfleck beim Frühstück, der sie mehr aufregt als Bernds Tod. Die Begegnung mit einem Amerikaner stürzt sie in einen Englisch-Sprachkurs und schließlich in ein unreales Wunsch-Treffen mit diesem umschwärmten Mann. Traum und Wirklichkeit liegen weit auseinander, doch schließlich wird alles zur Metapher.

Im Hintergrund sorgte Willberger am Regiepult für die passenden Töne, für die Soufflage war bei diesem Ausbildungsbetrieb zur Förderung der niederdeutschen Sprache Gabriele Brandt zuständig. „25 Veranstaltungen hatten wir anlässlich des 400. Erbhof-Geburtstages geplant, fünf wurden durchgeführt, 16 aufgrund von Corona aber abgesagt“, sagte Gerd Schröder, Vorsitzender des Förderkreises, etwas wehmütig. Aber zumindest dieser Theaterabend am Sonnabend fand statt – wenn auch nur vor kleiner Zuschauerkulisse, jedoch in nachhaltiger Form.

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