Gleichstellungsarbeit in Thedinghausen „Es gibt noch Potenzial“

Bianca Lankenau ist seit gut fünf Jahren Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Thedinghausen. Was alles gut läuft und wo es noch Potenzial gibt, erzählt sie im Interview.
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„Es gibt noch Potenzial“
Von Onno Kutscher

Sie haben mit dem Samtgemeindebürgermeister in diesem Jahr den ersten Gleichstellungsbericht für die Samtgemeinde Thedinghausen veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem, dass es positive Ansätze gibt, geschlechtergerecht zu handeln. Es bestehe aber noch Entwicklungspotenzial. Das klingt nach einer netten Umschreibung dafür, dass Sie nicht ganz zufrieden sind.

Bianca Lankenau : Bisher haben wir im Rathaus vier Ämter und alle sind angehalten, am Gleichstellungsbericht mitzuarbeiten und zu schauen, was im jeweiligen Amt gelaufen ist, um geschlechtergerecht zu handeln. Im Vorfeld wurde besprochen, dass die Ergebnisse im Bericht ämterweise aufgeschlüsselt werden. So hatte ich das in meiner ursprünglichen Version des Gleichstellungsberichtes auch an den Samtgemeindebürgermeister Harald Hesse übermittelt. Das ist dann aber von ihm geändert worden. Ich habe bei der Vorstellung des Berichts im Rat ja bereits von gewissen Motivationsdefiziten in der Führungsebene gesprochen. Hätte man den Bericht ämterweise abgefasst, wäre sehr klar hervorgetreten, welches Amt sich gut beteiligt hat und wo es noch deutliches Entwicklungspotenzial gibt.

Ich kann mich noch an die von Ihnen angesprochene Ratssitzung erinnern. Dort haben Sie ja auch schon betont, dass Sie sich gewünscht hätten, dass sich die Verwaltungsmitarbeiter beim Gleichstellungsbericht mehr eingebracht hätten. Frustriert es Sie, dass es da vielleicht auch an Unterstützung fehlt?

Ein Frustrationsgrad ist schon da, natürlich. Es macht immer mehr Spaß, wenn man gemeinsam Dinge im Team voranbringt. Zumal es ja auch so ist, dass wir in der Samtgemeinde schon einiges vollbracht haben. Auch in den Ämtern, die sich weniger beteiligt haben, sind gute Aktionen gelaufen. Aber dieses Bewusstsein, noch genauer hinzuschauen und zu überlegen, wie man etwas geschlechtergerecht weiterentwickeln kann, das ist teilweise nicht da. Und das frustriert schon.

Haben Sie Erklärungen dafür, dass es in puncto Anerkennung der Gleichstellungsarbeit in der Samtgemeinde noch nicht so gut funktioniert?

Wenn man es mit anderen Kommunen im Landkreis Verden vergleicht, ist es einfach so, dass diese eine längere Geschichte haben, wenn es um die Gleichstellungsarbeit geht. Vor meiner Zeit gab es in Thedinghausen 16 Jahre lang eine ehrenamtliche Gleichstellungsbeauftragte. Die Arbeit ist aber so umfangreich, das kann man ehrenamtlich nicht leisten. So gesehen hat die Samtgemeinde eine kurze Gleichstellungsgeschichte. Ich mache das jetzt seit fünf Jahren, anfangs nur mit zwölf Stunden, inzwischen sind es 19,5 Stunden die Woche. Das ist auch der Punkt. Es gibt alte, gewachsene Strukturen in der Verwaltung. Es gibt Bedenken wie: ,Jetzt kommt da jemand und kontrolliert das. Das haben wir doch sonst immer anders gemacht.‘ Total überrascht waren die meisten, als ich gesagt habe, dass wir um Jahre mit dem Gleichstellungsplan- und -bericht hinterherhinken.

Es gibt aber auch Dinge, die während Ihrer Amtszeit umgesetzt werden konnten.

Ein wichtiges Thema war für mich schon immer die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Da gibt es den Punkt Geschwisterbonus. Ursprünglich war es so, dass dieser Bonus nur für Familien gewährt wurde, bei denen beide Kinder in einer kommunalen Einrichtung betreut wurden. Wenn aber eines in einer externen Einrichtung untergekommen war, mussten die Familien für beide Kinder den vollen Beitrag zahlen. Das wurde abgeschafft. Außerdem sind wir jetzt in den einzelnen Mitgliedsgemeinden auf dem Weg zur Ganztagsgrundschule. Da ging es kürzlich um die Ferienbetreuung in der Ganztagsgrundschule Thedinghausen. Es war verwaltungsseitig erst einmal eine geringe Platzzahl von neun Prozent der Schülerschaft ausgewiesen. Ich habe mich unter anderem dafür eingesetzt, dass die Deckelung entfällt und wesentlich mehr Kindern die Ferienbetreuung offen steht. Außerdem haben wir bei der Samtgemeinde zum ersten Mal eine Auszubildende in Teilzeit. Da bin ich sehr stolz drauf. Da nehmen wir im Landkreis Verden tatsächlich auch eine Art Leuchtturm-Funktion ein.

Um noch einmal auf den Gleichstellungsbericht zurückzukommen. Darin heißt es, dass sich die rechtzeitige Beteiligung der Gleichstellungsbeauftragten in der Samtgemeinde noch etablieren muss. Fühlen Sie sich manchmal nicht ernst genommen und beeinflusst das vielleicht sogar Ihre Motivation?

Ich fühle mich eher übergangen, aber durchaus ernst genommen. Denn hätte man nichts zu befürchten, nach dem Motto: ,Das macht sie alles so mit, wie wir ihr das vorlegen‘ – dann würde man sich mir gegenüber anders verhalten.

Dann machen Sie doch mal Werbung für die Gleichstellungsbeauftragten. Warum ist diese Aufgabe so wichtig?

Das rührt so ein bisschen aus der Geschichte der Frauen in Deutschland. In den 1970er-Jahren war es ja noch so, dass der Ehemann den Job der Frau kündigen konnte, wenn es ihm nicht gepasst hat, dass sie arbeiten geht. Die Frau als Besitzgegenstand des Mannes hat eine lange Tradition. Und obwohl sich vieles geändert hat, sind Frauen noch immer Benachteiligungen ausgesetzt. Beispielsweise in den klassischen Frauenberufen wie der Erzieherin, da ist die Ausbildung vier Jahre lang unbezahlt. Da muss sich was ändern. Oder auch, wenn es um tradierte Rollenmuster bei der Haus- und Erziehungsarbeit geht. Und auch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist ein wichtiges Thema. Da kommt es häufig zu einer Schuldumkehr. Frauen suchen also die Schuld bei sich. Es gibt viele Themen, an denen Gleichstellungsbeauftragte arbeiten müssen.

Wo fängt sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz an und gibt es im Landkreis Fälle, die Ihnen bekannt sind?

Also das kommt im Landkreis Verden ebenso vor, wie woanders. Es ist häufig so, dass versucht wird, eine sexuelle Belästigung als Flirt abzutun. Tatsächlich ist sexuelle Belästigung ein einseitiges und unerwünschtes Verhalten von einer Person gegenüber einer anderen. Bei einem Flirt ist man ja grundsätzlich daran interessiert, diesen aufrecht zu erhalten. Bei einer sexuellen Belästigung ist ausschlaggebend, was es bei der betroffenen Person auslöst. Ist es ein negatives Gefühl? Möchte sie das schnell beenden, ist verunsichert? Dann kann man davon ausgehen, dass es eine Belästigung ist und kein Flirt.

Was raten Sie Opfern in diesem Fall?

Alles zu dokumentieren: Bilder, Nachrichten, wann hat sich was mit wem wo zugetragen? Und dann nicht hinterm Rücken tuscheln, wegen der Gefahr von übler Nachrede, sondern an entsprechender Stelle melden. Wir arbeiten in der Samtgemeinde gerade an einer Dienstvereinbarung, in der aufgeschlüsselt wird, dass man den Dienstweg in solch einem Fall nicht einhalten muss. Heißt also: Man muss nicht unbedingt zum Vorgesetzten, sondern kann sich beispielsweise an die Gleichstellungsbeauftragte oder auch den Personalrat wenden.

Sie sind nun seit gut fünf Jahren Gleichstellungsbeauftragte bei der Samtgemeinde. Wie geht es 2019 weiter? Welche Pläne haben Sie?

Erstmal werde ich in absehbarer Zeit in den Mutterschutz gehen. Ich habe deshalb im September einen Antrag auf eine befristete Vertretung für die Dauer von Mutterschutz und Elternzeit gestellt. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann ist das für diese Zeit eine starke Nachfolgerin, die die erforderliche Fachkompetenz mitbringt und auch unter Druck in der Öffentlichkeit klar argumentieren kann. Dafür ist es meiner Meinung nach wichtig, dass es eine Frau ist, die nicht bereits in einem Dienstverhältnis zur Samt- oder einer Mitgliedsgemeinde steht, denn dann wäre sie schon in eine Hierarchie eingebunden. Sie muss weisungsfrei agieren können. Falls der Samtgemeinderat eine Vertreterin bestellt, dann wird sie sich mit um den Gleichstellungsplan kümmern müssen, der Silvester ausläuft. Der nächste Gleichstellungsbericht ist dann für Anfang 2020 fällig. Dazu kommt unter anderem die rechtlich einwandfreie Begleitung diverser Stellenbesetzungsverfahren: von der Stellenausschreibung bis hin zur Besetzung.

Wenn Sie und alle anderen Gleichstellungsbeauftragten ihren Job bestmöglich erledigen, ist es dann letztlich nicht so, dass Sie gegen sich selbst arbeiten? Denn dann braucht man in Deutschland solch eine Stelle doch irgendwann nicht mehr.

Das wäre doch ideal. Wenn es irgendwann so sein sollte, dass alle das Thema Gleichstellung mitdenken, dann könnte das tatsächlich passieren. Das sehe ich für die nächsten Jahrzehnte aber noch nicht. Ich gehe daher davon aus, dass auch künftig Gleichstellungsbeauftragte gebraucht werden.

Das Gespräch führte Onno Kutscher.

Info

Zur Person

Bianca Lankenau

ist seit fünf Jahren Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Thedinghausen. Sie ist 36 Jahre alt, hat drei Kinder, ist verheiratet und wohnt in Thedinghausen.

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