Streckenausbau Bremen-Hannover

Kleine Lösung statt teurer Prestigeprojekte

Auf den Schienen zwischen Bremen und Hannover ist viel los. Und besonders da, wo Nebenstrecken auf die Hauptstrecke treffen, kommt es immer wieder zu Wartezeiten. An einer Stelle soll das jetzt anders werden.
10.09.2020, 07:08
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Kleine Lösung statt teurer Prestigeprojekte
Von Peter Mlodoch
Kleine Lösung statt teurer Prestigeprojekte

So soll die Brücke aussehen, die im Bereich Dauelsen die Bahnkreuzung ersetzen soll, durch die der Zugverkehr ausgebremst wird.

Deutsche Bahn AG

Schienenkreuzungen bremsen den Bahnverkehr. Züge müssen dort aufeinander warten; die Kapazitäten der Trassen sind dadurch eingeschränkt. Allein fünf solcher konfliktträchtigen Kreuzungen gibt es auf der Strecke Bremen-Hannover. Aber nur eine einzige davon soll im Rahmen des Großprojekts Hamburg/Bremen-Hannover (HHBH) der Bahn AG durch eine neue Brücke entschärft werden, nämlich die Einbindung der künftig zweispurigen Strecke Verden-Rotenburg. Das ergibt sich aus einer Auskunft des Bundesverkehrsministeriums auf eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Sven-Christian Kinder (Grüne) aus Hannover.

Im Zuge des milliardenschweren Modernisierungsprogramms, das früher unter dem Namen „erweitertes Alpha E“ als Ersatz der umstrittenen Y-Trasse firmierte, soll der bisher einspurige, oft auch als ICE-Umleitungsstrecke genutzte Abschnitt Verden-Rotenburg zweigleisig ausgebaut werden. Dabei soll etwa 2,5 Kilometer nördlich des Bahnhofs Verden ein sogenanntes Überwerfungsbauwerk entstehen: eine rund 100 Meter lange Brücke, die dann einen der beiden aus Rotenburg kommenden Schienenstränge kreuzungsfrei in einem Bogen in die Haupttrasse Bremen-Hannover leitet.

Bei den vier anderen ebenerdigen Ein- und Ausfädelstellen, darunter die zur viel befahrenen Ost-West-Verbindung Berlin-Hannover-­Ruhrgebiet, soll dagegen alles beim Alten bleiben. „Weitere höhenfreie Kreuzungsausbildungen sind seitens des Bahnprojekts HHBH aktuell nicht geplant“, heißt es in der Antwort, die dem WESER-KURIER vorliegt.

Kindler kann das nicht nachvollziehen. „Eine Strecke, auf der sich kreuzende Züge ohne Zeitverluste aneinander vorbeifahren können, wäre ein großer Gewinn“, sagt der Grünen-Parlamentarier. „Dann kommen viele Züge pünktlicher an, und der gesamte Betriebsablauf würde flüssiger laufen. Das verbessert nicht nur die Fahrzeiten für Personenzüge, sondern erhöht auch die Pünktlichkeit des Güterverkehrs.“ Ein stehender Güterzug verbessere weder die Klimabilanz des Schienenverkehrs noch sei er eine Konkurrenz zum Lastwagen.

Besonders ärgert den Abgeordneten, dass die eingeleitete Elektrifizierung und Ertüchtigung des Abschnitts zwischen Langwedel und Uelzen nicht gleich auch zum kreuzungsfreien Anschluss an die Strecke Bremen-Hannover genutzt wird. Das schränke die Kapazität der früheren Amerika-Linie von vornherein erheblich ein. „Die Deutsche Bahn sollte alle Möglichkeiten, die gesamte Strecke kreuzungsfrei auszubauen, wirtschaftlich und ergebnisoffen prüfen“, fordert Kindler. „Wieso das bisher noch nicht geschehen ist, ist völlig unverständlich.“

Die Bahn AG gibt zu, dass die ebenerdigen Kreuzungen den Zugverkehr zwischen Bremen und Hannover zum Teil behindern. „Durch die hier vorliegenden höhengleichen Fahrwegkreuzungen besteht in der Regel eine Einschränkung in der Fahrwegkapazität im Vergleich zu höhenfreien Streckeneinfädelungen“, zitiert das Verkehrsministerium das staatliche Verkehrsunternehmen. Dennoch sieht man dort keine Notwendigkeit für weitere Brücken. „Bei der Einfädelung der Strecke Langwedel-Uelzen in die Strecke Hannover-Bremen ist derzeit kein Überwerfungsbauwerk geplant, da die prognostizierte Anzahl an Zügen für den Streckenabschnitt Langwedel-Uelzen auch mit einer höhengleichen Ausfädelung abgefahren werden“, erklärt ein Bahnsprecher auf Anfrage des ­WESER-KURIER.

Allerdings scheint ein späterer Sinneswandel nicht ganz ausgeschlossen zu sein: „Wir befinden uns im Projekt aktuell in einem frühen Planungsstadium. Weiteres werden die Ergebnisse der Vorplanung für den Streckenabschnitt Langwedel-Uelzen zeigen, die voraussichtlich Ende 2023 vorliegen werden“, fügt der Bahnsprecher an. Die Ertüchtigung der Amerika-Linie galt bislang immer als wichtiger Baustein für den Bahn-Hinterlandverkehr von und zu den norddeutschen Häfen.

Grünen-Parlamentarier Kindler denkt indes bereits weiter und sogar über Niedersachsen hinaus. „Das Problem der Kreuzungen und der Wartezeiten von Zügen stellt sich nicht nur bei der Amerika-Linie und auf der Strecke Hannover-Bremen, sondern auch bei vielen anderen Schienenwegen in ganz Deutschland.“

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) müsse daher ein „Sonderprogramm Kreuzungsfreiheit“ auflegen und die Potenziale von kreuzungsfreien Bahnstrecken in ganz Deutschland systematisch untersuchen, fordert der Abgeordnete. „Statt neuer, teurer Prestigeprojekte sollte geprüft werden, inwiefern mit kleineren baulichen Maßnahmen zur Kreuzungsfreiheit Verbesserungen der Fahrzeiten, der Pünktlichkeit und des Betriebsablaufes erzielt werden können.“

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