Oberschule Verdener Campus "Jeder in seinem Tempo"

Seit drei Jahren gibt es die Verdener Oberschule. Ihr pädagogischer Konzept ist im ständigen Wandel. Kernpunkt ist und bleibt jedoch das individuelle Lernen.
16.07.2021, 15:31
Lesedauer: 3 Min
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Von Marie Lührs

Die Lehrkraft steht vorne und unterrichtet, die Schülerinnen und Schüler sitzen da und lernen – so sieht für viele eine klassische Unterrichtsstunde aus. Doch der Frontalunterricht ist ein Auslaufmodell. An vielen Schulen wird er durch Gruppenarbeiten und allerlei andere Formate abgelöst, die den Lernenden mehr Aktivität abverlangt. Auch die Oberschule Verden beschreitet neue pädagogische Pfade. Vor drei Jahren wurden die Klaus-Störtebeker-Schule und die Realschule Verden zur Oberschule zusammengelegt – einen gemeinsamen Standort gibt es allerdings noch nicht. 

Bei einer kleinen Zwischenbilanz, wie sich die Zusammenlegung der Schulen und das neue pädagogische Konzept ausgewirkt haben, sind alle Beteiligten positiv gestimmt. "Was wir hier machen, erschließt sich nicht gleich auf den ersten Blick", räumt Schulleiter Christian Piechot ein und meint damit die Arbeitsweise der Lehrer und Schüler, die in den unteren Jahrgängen nur noch wenig auf klassischen Frontalunterricht setzen. "Wir reden nicht über Unterricht, sondern über das Lernen." 

Zufriedene Versuchskaninchen

"Die Schüler lernen nicht mehr gemeinsam, sondern jeder in seinem Tempo", fasst Bürgermeister Lutz Brockmann (SPD) das Konzept grob zusammen. Mit dem Verschmelzen der beiden Schulen wurde nach und nach das neue Unterrichtsmodell eingeführt. Den Anfang macht der fünfte Jahrgang, der schulintern als Safari-Jahrgang bezeichnet wird. Finja Kruse, die damals an die neue Schule kam, nennt es anders: "Wir waren Versuchskaninchen", sagt sie und meint das gar nicht negativ. Ganz im Gegenteil – denn auf die Frage, wie sie die neue Schule findet, sagt sie: "Sie ist perfekt". Doch ein wenig Luft nach oben scheint nach kurzem Überlegen doch zu sein. "Wir brauchen Räume", stellt die Siebtklässlerin fest. Nicht nur, um beide Schulgebäude in einem zu vereinen, werde mehr Platz gebraucht. Der vorhandene Platz müsse auch anders unterteilt werden. Denn der Bedarf nach großen Klassenräumen sinke, dafür werden beispielsweise sogenannte Differenzierungsräume gebraucht. "Wir haben Raum, aber den falschen", sagt auch der Schulleiter. Für das neue Lernkonzept brauche es Räume in verschiedensten Größen.

Auf den Fensterbänken, auf Sitzkissen am Boden, einzeln oder in kleinen Gruppen bearbeiten die Schüler der fünften bis siebten Jahrgänge teilweise ihre Aufgaben. Im Klassenverbund kommen sie eher selten für gemeinsames Input zusammen. Danach können sie eigenständig ihre Aufgaben bearbeiten und bekommen so viel Unterstützung, wie sie brauchen. "Es gibt Schüler, um die muss ich mich zwei Tage nicht kümmern", erklärt Piechot, der auch Mathelehrer ist. Durch die Umstellung des Unterrichts habe er Gelegenheit, Jungen und Mädchen, die mehr Unterstützung benötigen, genau diese zu bieten. Auch dafür können kleinere Räume zum Einsatz kommen.

Teures Unterfangen

Konkrete Pläne für den Umbau gibt es noch nicht. Doch eines ist klar: "Das wird nicht billig", stellt Brockmann fest. Doch auch wenn dafür eine hohe Summe aufgebracht werden müsse, zahle es sich aus. "Wir investieren in die Zukunft der Menschen dieser Stadt", betont er. Von der Investition würden alle Betroffenen gleich mehrere Jahrzehnte profitieren.

Doch die zusätzlichen Räume sind nur die halbe Miete. Aktuell laufen die Jahrgänge fünf bis sieben nach dem neuen Unterrichtskonzept. Mit jedem Jahr, kommt ein neuer hinzu. Die jüngeren Schüler bekommen im Unterricht sogenannte Lernpfade, erklärt Piechot. Sie können so immer genau sehen, was das Ziel der Lerneinheit ist, wie viel sie schon erreicht haben und wie viel noch zu tun ist. Die Methode soll ihnen Erfolgserlebnisse bescheren. Wem das Lernen nicht so leicht fällt, der legt seinen Fokus auf die Grundlagen, wer mehr will, kann sich mit fortgeschrittenen Inhalten befassen. 

Selbständigere Schüler

Während des Lockdowns gab es von Schülern und Eltern viele positive Rückmeldungen. "Die Schüler waren das eigenständige Arbeiten gewohnt", sehen sie den Vorteil. Der Wechsel ins Homeoffice war für viele von ihnen kein Problem.

Piechot wünscht sich für seine Schule eine kleine Revolution, ein radikales Neudenken von Schule. Noch seien durch das Schulgesetz enge Grenzen gesetzt. Doch das Modellprojekt Zukunftsschule Niedersachsen könne der Oberschule bald mehr Spielraum bei der Unterrichtsgestaltung bieten. Piechot hofft auf einen der 20 Plätze im Projekt. Ob seine Schule dabei ist, soll sich in den kommenden Wochen entscheiden. 

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