Heimat - für Steffen Lühning aus Otersen sind das seine Familie, seine Freunde und ganz viele Erinnerungen Gleich wieder drin in der Gemeinschaft

Was ist Heimat? Der Ort, in dem jemand geboren wurde? Oder ist Heimat eher der Verein, in dem man sich zu Hause fühlt? Für manch einen mag Heimat auch der Ort sein, an dem er mit der eigenen Familie lebt - sei es in Australien oder in Tibet, auch wenn er ursprünglich aus Verden oder Achim stammt. Für wieder andere ist Heimat möglicherweise nicht mehr als ein unbestimmtes Gefühl - die Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln, die Erinnerung an intakte Natur nach einem Umzug in die weit entfernte Großstadt. Heimat hat viele Gesichter. Die VERDENER NACHRICHTEN stellen Menschen vor, die ihren Begriff und ihre Vorstellung von Heimat erläutern. Heute ist es Steffen Lühning (21) aus Otersen mit seinen 500 Einwohnern.
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Was ist Heimat? Der Ort, in dem jemand geboren wurde? Oder ist Heimat eher der Verein, in dem man sich zu Hause fühlt? Für manch einen mag Heimat auch der Ort sein, an dem er mit der eigenen Familie lebt - sei es in Australien oder in Tibet, auch wenn er ursprünglich aus Verden oder Achim stammt. Für wieder andere ist Heimat möglicherweise nicht mehr als ein unbestimmtes Gefühl - die Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln, die Erinnerung an intakte Natur nach einem Umzug in die weit entfernte Großstadt. Heimat hat viele Gesichter. Die VERDENER NACHRICHTEN stellen Menschen vor, die ihren Begriff und ihre Vorstellung von Heimat erläutern. Heute ist es Steffen Lühning (21) aus Otersen mit seinen 500 Einwohnern.

Von Fabian Lenk

Verden·Otersen. Was will ein junger Mann, der vor einem Jahr sein Abi am Domgymnasium bestanden hat, ein freiwilliges soziales Jahr in der Politik absolvierte und gerade eine duale Ausbildung bei einem Maschinenbauunternehmen in Soltau und an der Uni Hannover begonnen hat, noch in einem kleinen Dorf? Was hält ihn, was führt ihn immer wieder dorthin zurück?

Lühning schlendert, einen gelben Ball unterm Arm, zu seinem Lieblingsplatz in Otersen. Hinter niedrigen Hecken kauern große Höfe. Viel Fachwerk, gepflegtes, ländliches Idyll. Nieselregen fällt, fein wie ein Schleier. Ballspiele, die sind sein Ding, erklärt Lühning unterwegs. Der 20-Jährige kickt beim TSV Lohberg. Er ist Innenverteidiger, sein Vorbild ist Per Mertesacker: 'Der hat was im Kopf und engagiert sich.'

Dann ist er erreicht, der Platz, der Steffen Lühning viel bedeutet und der wie ein Magnet auf ihn wirkt. Hinterm Jägerzaun kommt erst eine Wiese, dann links ein Basketballfeld und rechts das Häuslingshaus. Lühning deutet auf das Spielfeld. 'Diesen Platz haben wir von der Dorfjugend mitgestaltet. Auch die anderen Vereine haben mitangepackt. So konnten wir die Kosten von 21000 auf 7000 Euro senken.' In seinem Dorf könne er als junger Mann etwas bewegen, etwas gestalten. Das macht ihm Spaß, weil er die Erfolge sieht - und das bindet ihn an seine Heimat.

Aber was bedeutet Heimat für ihn? Lühning braucht nicht lange zu überlegen. 'Erst mal ist Heimat für mich etwas Geographisches, ein Ort, an den ich ganz konkrete Erinnerungen habe. Als Kind habe ich zum Beispiel noch auf dem Hof meiner Großeltern gelebt. Da gab es viele Tiere - Schweine, Kühe und Hühner. Und ich bin mit einem Spielzeugtraktor rumgekurvt.' Lühning denkt aber auch an die Wälder von Otersen, die er als kleiner Junge durchstreifte, etwa während einer Schatzsuche bei einer Geburtstagsparty.

'Ich habe hier meine Erinnerungen, meinen Ursprung, meine Wurzeln, meine Familie - und ich habe hier viele Freunde gefunden', erläutert er. Lühning verreist zwar auch gern, vor allem nach Paris, eine Stadt, die den jungen Mann, der am Domgymnasium im Französisch-Leistungskurs war, besonders fasziniert. 'Du musst schließlich was von der Welt sehen', stellt Lühning klar. Aber mindestens ebenso gern kehrt er zurück in seine kleine beschauliche Heimat, auch wenn diese ihm manchmal, aber 'auch wirklich nur manchmal' (Lühning), auf die Nerven geht. Und kaum zurück, ist er auch gleich wieder drin in der Gemeinschaft.

'Oft reichen ein paar SMS oder Telefonate, und wir haben eine Fußballmannschaft zusammen. Dann treffen wir uns, um zu kicken', nennt Lühning ein Beispiel. Die Wege sind kurz in Otersen, das Zusammenspiel klappt. Im Sommer wird spontan gegrillt - und da kommt der kleine Dorfladen ins Spiel. 'Super, dass wir den haben', freut sich Lühning. 'Da kannst du abends noch schnell ?ne Kiste Bier und Grillfleisch abgreifen - und schon geht?s zur Aller. Dort haben wir einen schönen Strand, wo wir Sport treiben und Spaß haben. Auch deswegen bin ich gern hier .'

Aber hat Heimat, dieser oft mit einer Staubschicht behaftete Begriff, überhaupt eine Zukunft für einen 20-Jährigen, hier in Otersen? Ja, lautet die Antwort, und das liege vor allem daran, dass man sich um die Jugend kümmert. Denn die älteren Bürger würden die jungen miteinbeziehen. Im Dorfparlament, das zum Beispiel Feste plant, haben die Jugendlichen zwei Stimmen, man regiert nicht über ihre Köpfe hinweg. 'Die Leute im Ort achten auf uns, und das ist gut so. Denn die Jugend ist schließlich die Zukunft', argumentiert Lühning, der selbst beim TSV und dem Heimat- und Fährverein aktiv ist.

Vor allem aber engagiert er sich in der Dorfjugend, in der rund 30 Personen im Alter von 14 bis 25 Jahren aktiv sind. Die Dorfjugend gestaltet nicht nur ihre Homepage selbst, sondern plant auch das Erntefest. 'Wir entscheiden, welcher DJ kommt und was die Getränke kosten', erklärt Lühning. 'Und seit 2006 organisieren wir die OM, die Oterser Meisterschaften.' Bei diesem Fußball-Turnier kicken verschiedene Teams gegeneinander, parallel läuft das Dorfgemeinschaftsfest - der Spaß steht also im Vordergrund.

Drei Jahre wird Lühnings duale Ausbildung dauern, vielleicht schließt sich noch ein Master-Studiengang an. Industriekaufmann will Lühning werden. Und dann? Sieht er seine Zukunft im Dorf?

Lühning zuckt die Schultern. 'Mal sehen. Ich kann mir gut vorstellen, ein paar Jahre weg zu sein. Aber es wäre schön, wenn man dann zurückkehren könnte.'

Sein Vater Günter Lühning hat es ihm vorgemacht. Er arbeitet in Oyten, lebt aber nach wie vor in Otersen. Im Jahr 2000 hat er sein Haus gebaut - nur einen Steinwurf entfernt vom Hof seiner Eltern, wo Enkel Steffen einst mit dem Mini-Traktor fuhr.

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