In Kirchlinteln ist wieder ein Isegrim gesichtet worden / Bereits 500 Unterschriften für CDU-Petition Holtum und der böse Wolf

Landkreis Verden. Jedes Mal, wenn Dirk Storch zu seiner Koppel fährt, überkommt ihn ein „mulmiges Gefühl“. Seit im nahen Heidekreis und zunehmend auch in der Gemeinde Kirchlinteln Wölfe gesichtet wurden, hat der Neddener einfach Angst um seine Tiere.
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Landkreis Verden. Jedes Mal, wenn Dirk Storch zu seiner Koppel fährt, überkommt ihn ein „mulmiges Gefühl“. Seit im nahen Heidekreis und zunehmend auch in der Gemeinde Kirchlinteln Wölfe gesichtet wurden, hat der Neddener einfach Angst um seine Tiere. Vor 40 Jahren hat er mit drei Schafen angefangen, heute grast eine ganze Herde deutscher schwarzköpfiger Fleischschafe das saftige Grün ab. Storch ist Schäfer im Nebenerwerb, hat in jüngster Zeit ordentlich aufgerüstet, um seinen Nutztieren den größtmöglichen Schutz vor dem Isegrim zu gewähren. Die Zäune wurden erhöht sowie ein batteriebetriebenes Foxlight angeschafft. „Die LED-Leuchte erweckt nachts den Anschein, als würde jemand mit der Taschenlampe über die Koppel gehen“, erzählt Storch.

Der Schäfer aus Neddenaverbergen ist einer der Unterzeichner einer Petition, die im Sommer von den Christdemokraten aus der Gemeinde Kirchlinteln gestartet wurde. Sie trägt den Titel „Wölfe brauchen wir hier nicht“ und wurde vom Vorsitzenden der CDU-Kreistagsfraktion und früherem Landtagsabgeordneten Wilhelm Hogrefe entworfen. Die Eingabe richtet sich an das Europaparlament, den Deutschen Bundestag sowie den Niedersächsischen Landtag. „Unser Ziel ist es nicht, den Wolf auszurotten, sondern die weitere Ausbreitung von Wolfsrudeln strikt zu begrenzen“, erklärt Hogrefe, berichtet in diesem Zusammenhang schon von rund 500 Unterzeichnern. „Norwegen hat gerade beschlossen, den Wolfsbestand um zwei Drittel zu reduzieren, weil an der Grenze zu Schweden bereits jedes dritte Schaf gerissen wird“, sagt der Christdemokrat.

Seit Ende 2015 würden auch in der Gemeinde Kirchlinteln immer wieder vereinzelt Wölfe gesichtet, weiß der Initiator der Petition, Wilhelm Hogrefe, um die Sorgen von Nutztierhaltern wie Dirk Storch. Gerade wurde in Holtum (Geest) ein Foto von einem vermeintlichen Wolf geschossen. Frank Faß, Wolfsberater des Landkreises Verden, steht nach eigenen Worten bereits mit dem betroffenen Landwirt in Kontakt. Bislang gebe es einen nachgewiesenen Wolfsriss im Kreisgebiet. „Im Frühjahr dieses Jahres wurde in Schmomühlen ein Schaf getötet. Ich habe Proben entnommen und an den Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten und Naturschutz (NLWKN) geschickt“, erläutert Faß. Die Behörde habe die DNA-Proben dann an ein Labor in Gelnhausen weitergeleitet, später amtlich festgestellt, dass das tote Schaf wirklich Opfer eines Wolfs geworden ist.

Eine ungehinderte weitere Ausbreitung der Wölfe dürfe im dichtbesiedelten Deutschland nicht zugelassen werden, kann sich die CDU Kirchlinteln gut vorstellen, die Petition auf die Nachbarkreise Heidekreis und Rotenburg auszudehnen. „Die Petition wird nichts bringen – selbst wenn drei Millionen Menschen unterschreiben“, ist Wolfsberater Frank Faß überzeugt. Die strengen EU-Schutzgesetze seien in nationales Recht überführt worden – die FFH-Richtlinie in Kombination mit Bundesnaturschutz- und Bundesartenschutzgesetz. Der umweltpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Gero Hocker aus Achim, hält das Ziel der CDU-Petition zwar für „unterstützungswert“, fragt sich jedoch, ob eine Eingabe dafür das „richtige Instrument“ sei, wo doch die Christdemokraten im Landtag gegen den von den Liberalen eingebrachten Gesetzesentwurf gestimmt hätten.

„Um die steigende Populationszahl zu managen, haben wir gefordert, den Wolf – bei ganzjähriger Schonzeit – in das Jagdrecht aufzunehmen“, erinnert Hocker. Bedeutet: Es dürfe lediglich dann „unbürokratisch“ und „zügig“ eingegriffen werden, wenn die „kritische Bestandsgröße“ erreicht sei. Hocker empfindet es als problematisch, dass der Isegrim nicht ins Jagdrecht aufgenommen wurde: „Wird heute beispielsweise ein Wolf vom Auto angefahren und vom Jäger erlöst, steht der formal schon mit einem Bein im Knast.“

Als Schäfer Dirk Storch seinen Zaun (6000 Volt) erhöht hat, wurden ihm dafür lediglich 80 Prozent der Kosten erstattet. Sollte er sich für einen Herdenschutzhund entscheiden, würde dieser wiederum auch nur mit 80 Prozent gefördert. Wie Wilhelm Hogrefe fordert auch Gero Hocker, dass die Kosten dafür zu hundert Prozent übernommen werden. Stichwort Entschädigungszahlungen vom Land: „Die müssen auch fließen, wenn die Nutztiere nicht nur von einem reinrassigen Carnis lupus, sondern auch von einem Hybriden, sprich einer Kreuzung aus Haushund und Wolf, gerissen wurden“, findet Hocker. Außerdem moniert der Liberale, dass lediglich Ausgleichszahlungen für Nutztierhalter gezahlt würden, solange dafür noch Geld im Topf sei. Das Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ sei falsch, zumal nach Ansicht von Experten die Risszahlen über den Sommer hinweg abflauen, in der kalten Jahreszeit jedoch wieder ansteigen würden.

„Hobbytierhalter gehen nach einem Wolfsriss bislang immer noch leer aus“, moniert Wilhelm Hogrefe. Er hält es zudem für „praxisfremd“, dass die vor dem eigentlichen Zaun gespannten Elektrozäune stets von Bewuchs frei gehalten werden müssten: „Da können Sie ja alle paar Tage mit der Sense langgehen.“ Erfahrungen aus den Seealpen hätten zudem gezeigt, dass sich Isegrim extrem schnell an besagte Zäune gewöhnen würde, sogar bereit sei, einen Stromschlag zu riskieren.

46 Wolfsrudel, 15 Wolfspaare sowie vier sesshafte Einzeltiere leben derzeit im Bundesgebiet. Das geht aus den aktuellen Monitoring-Daten vor, die das Bundesamt für Naturschutz (BfN) jetzt gemeinsam mit der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Wolf (DBBW) präsentiert hat. „Die positive Entwicklung der Wolfspopulation in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes, seitdem der Wolf unter strengem Artenschutz in der Europäischen Union steht“, freut sich BfN-Präsidentin Beate Jessel. Vor dem Hintergrund von Straßenunfällen und illegalen Abschüssen sei immer noch der Mensch „der größte Feind“ des Isegrims. „Wölfe leben heute in der Kulturlandschaft in direkter Nähe zum Menschen, und es gehört zu ihrem normalen Verhalten, dass sie gelegentlich auch tagsüber in Sichtweite zu bewohntem Gebiet entlanglaufen“, erklärt die BfN-Präsidentin. Und weiter: Die Koexistenz von Mensch, Haus- und Nutztier sowie Wolf müsse erst wieder erlernt werden. Der Wolf werde auf alle Fälle „regulierend“ auf den Wildbestand einwirken, ist Diensthops Revierförster Michael Müller überzeugt.

Storchs betagter Hütehund, Border Collie Krümel, kann Isegrim jedenfalls nichts mehr entgegensetzen, sollte er sich ein schwarzköpfiges Fleischschaf greifen.

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