Behörde Im Zeichen der Elster

Das Verdener Finanzamt feiert im September sein 100-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass wird eine Ausstellung über die Rolle der Finanzverwaltung im Nationalsozialismus gezeigt.
26.08.2019, 17:52
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Im Zeichen der Elster
Von Jörn Dirk Zweibrock

Rund 29 000 Arbeitnehmer aus dem Landkreis Verden müssen jährlich ihre Steuererklärung beim Finanzamt Verden abgeben. Die meisten machen es mittlerweile elektronisch, über Elster. Mit einem Steueraufkommen in Höhe von 776 Millionen Euro im vergangenen Jahr steht die Verdener Behörde landesweit auf Platz 14 der aufkommensstärksten Finanzämter. Sie feiert im September ihren hundertsten Geburtstag. Interessierte können sich aus diesem Anlass ab dem 11. September verschiedene Ausstellungen im Erdgeschoss der Behörde an der Bremer Straße 4 in Verden ansehen. Darin wird unter anderem die Rolle des Hauses im Nationalsozialismus beleuchtet.

Kathrin Schünemann, die zur Zeit ihren Erprobungsdienst in Verden absolviert, hat sich im Zuge eines Projekts intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. Eine der Ausstellungstafeln erzählt vom Schicksal der Geschwister Mautner aus Neddenaverbergen in der heutigen Gemeinde Kirchlinteln. Nach ihrer Deportation wurde das elterliche Gasthaus samt Wohnhaus von den Nazis enteignet. „Ihr Vorgehen war menschenverachtend“, erzählt Frank Hofmann, seit 2018 Vorsteher des Verdener Finanzamtes. So mussten die jüdischen Mitbürger nicht nur eine Verzichtserklärung (Eigentum) ausfüllen, sondern auch ihre deutsche Staatsbürgerschaft aufgeben. Nachdem die Immobilie an das Reich gefallen war, wurde dort ein Kindergarten der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt eingerichtet. Anhand der vom Finanzamt Verden archivierten Einheitswertakte konnte die Jewish Trust Corporation das erbenlose jüdische Vermögen später erfassen und sichern. „Hier ist die entsprechende Wiedergutmachungsverfügung“, erläutert Kathrin Schünemann und zeigt auf das Dokument. Auch Hofmann weiß um die Rolle der Finanzverwaltungen in der NS-Zeit und ist froh, dass dieses dunkle Kapitel nun anlässlich des großen Jubiläums noch einmal richtig aufgearbeitet wird. Stichwort Reichsfluchtsteuer: Nachdem die jüdischen Mitbürger für ihre Emigration ins Ausland teuer bezahlt hatten, wurde ihr Mobiliar draußen vor dem Haus von einem Finanzbeamten versteigert und die Nachbarn bekamen beispielsweise den wertvollen Steinway-Flügel zum Spottpreis.

Das bedeutendste Ereignis der deutschen Finanzgeschichte war übrigens die nach Reichsfinanzminister Matthias Erzberger benannte Finanz- und Steuerreform von 1919/1920. „Die immense Verschuldung des Deutschen Reiches aus dem Ersten Weltkrieg sowie die hohen Reparationszahlungen erzwangen einen völligen Umbau des Steuersystems“, blickt Kathrin Schünemann in die Chronik zurück. Noch heute bildet die sogenannte Erzbergsche Reform die dreigliedrige Grundstruktur in der Finanzverwaltung. Als Mittelbehörde steht über den Finanzämtern das Landesamt für Steuern. Oberste Behörde ist das Finanzministerium.

„Zurzeit gibt es noch 66 Finanzämter in Niedersachsen. 14 Finanzämter werden bis 2022 zu sieben Finanzämtern fusionieren“, erläutert Frank Hofmann. Mit rund 200 Beschäftigten gehört sein Haus allerdings „zu den größten unter den Kleinen“. Außerdem spreche das hohe Steueraufkommen, bedingt durch die Wirtschaftskraft des Landkreises, für sich.

1932 wurde übrigens Oyten, das bis dato im Syker Amtsbezirk lag, den Verdenern zugeschlagen. „Bis 1945 hatte Achim ein eigenständiges Finanzamt“, erzählt Hofmann. Ziel der Zusammenlegung war, durch Synergieeffekte zusätzliche Kräfte für die Wehrmacht zu gewinnen. Bis 1950 diente das damalige Achimer Finanzamt als Bundesfinanzlehranstalt und war damit Vorläufer der heutigen Bundesfinanzakademie in Brühl. In Verden wurde dagegen nach mehreren Standortwechseln 1968 mit dem Neubau des Dienstgebäudes an der Münchmeyerstraße begonnen. Nach Herrichtung des ehemaligen Kreishauses übersiedelte die Belegschaft an die Bremer Straße.

Neben der bevorstehenden Grundsteuerreform und im Ausland erzielten Einkünften, die künftig möglicherweise auch im Inland zu versteuern sind, ist es vor allem der demografische Wandel, der dem Verdener Finanzamt Sorgen bereitet. „Da die niedersächsische Finanzverwaltung bis 2025 rund 40 Prozent ihrer Belegschaft aus Altersgründen verlieren wird, bilden wir derzeit bis an unsere Kapazitätsgrenzen Steuer- und Finanzanwärter aus“, erklärt Hofmann.

Die durchschnittliche Bearbeitungsdauer für eine Steuererklärung dauert in Verden 50 Tage. „Damit liegen wir über unserer Zielvorgabe“, weiß Kathrin Schünemann. Sie rät den Steuerpflichtigen dazu, ihre Erklärungen möglichst frühzeitig abzugeben, weil erfahrungsgemäß im Frühsommer das Gros eintrudelt. Die abgegeben Erklärungen laufen später durch den sogenannten Risikofilter. Hat er Beanstandungen, wird nachgeprüft. „Wir sind unser eigener Gerichtsvollzieher. Rückständige Steuern ziehen wir selber ein“, erzählt Vorsteher Frank Hofman lachend.

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