Heimat - für den Daverdener Rudolf Lüdemann sind das der Acker und der Stall Immer ein Außenseiter geblieben

Was ist Heimat? Der Ort, in dem jemand geboren wurde? Oder ist Heimat eher der Verein, in dem man sich zu Hause fühlt? Für manch einen mag Heimat auch der Ort sein, an dem er mit der eigenen Familie lebt - sei es in Australien oder in Tibet, auch wenn er ursprünglich aus Verden oder Achim stammt. Für wieder andere ist Heimat möglicherweise nicht mehr als ein unbestimmtes Gefühl - die Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln, die Erinnerung an intakte Natur nach einem Umzug in die weit entfernte Großstadt. Heimat hat viele Gesichter. Die VERDENER NACHRICHTEN stellen Menschen vor, die ihren Begriff und ihre Vorstellung von Heimat erläutern. Heute ist es Rudolf Lüdemann, Tierarzt, Landwirt und Unternehmer aus Daverden.
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste

Was ist Heimat? Der Ort, in dem jemand geboren wurde? Oder ist Heimat eher der Verein, in dem man sich zu Hause fühlt? Für manch einen mag Heimat auch der Ort sein, an dem er mit der eigenen Familie lebt - sei es in Australien oder in Tibet, auch wenn er ursprünglich aus Verden oder Achim stammt. Für wieder andere ist Heimat möglicherweise nicht mehr als ein unbestimmtes Gefühl - die Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln, die Erinnerung an intakte Natur nach einem Umzug in die weit entfernte Großstadt. Heimat hat viele Gesichter. Die VERDENER NACHRICHTEN stellen Menschen vor, die ihren Begriff und ihre Vorstellung von Heimat erläutern. Heute ist es Rudolf Lüdemann, Tierarzt, Landwirt und Unternehmer aus Daverden.

Von Anke Landwehr

Verden·Daverden. In der Stube hängen zwei gemalte Bilder. Das eine zeigt die Daverden-Silhouette: Am rechten Bildrand erhebt sich der Kirchturm über hohen Bäumen, rechts lugen rote Dächer aus dem Blättergrün hervor. Dort irgendwo steht hoch über der Marschkante der Hof im Neddendörp, in den Rudolf Lüdemann vor 28 Jahren eingeheiratet hat.

Das andere Bild zeigt eine alte Hofstelle: Vorne ein einladend geöffnetes Tor, ein wenig zurückgesetzt ein Fachwerkhaus. Auf dem Strohdach über der grünen Dielentür kreuzen sich die für niedersächsische Bauernhöfe typischen Pferdeköpfe.

Dieses Haus - eine Diele mit Stall - gibt es nicht mehr. Es wurde abgerissen, als Rudolf Lüdemann zwei Jahre alt war: 1952. Das Wohnhaus dahinter, von dem auf dem Bild nur das Dach zu sehen ist, steht noch, ist allerdings längst modernisiert worden. Hier, im kleinen Nindorf bei Visselhövede, ist Rudolf Lüdemann aufgewachsen.

1952 war ein schreckliches Jahr für ihn. Er hatte sich das Bein gebrochen, was damals einen langen Krankenhausaufenthalt bedeutete. Der kleine Rudolf hatte so schreckliches Heimweh, dass seine Familie ihn nicht besuchen durfte. 'Das hätte ich nicht ausgehalten.' Irgendwie hat er die Zeit überstanden, aber sie hat Narben hinterlassen.

Wo seine Heimat ist? Spontan zeigt Lüdemann auf das Nindorf-Bild. Heute hat der Ort um die 600 Einwohner, damals waren es gut 400. 'Ich kannte mich in jedem Haus aus. Und jeder im Dorf fühlte sich für die Erziehung der Kinder verantwortlich. Wenn heute ein Jugendlicher auf der Straße trinkt oder raucht, kümmert das niemanden mehr.'

Würde Lüdemann sich in Daverden 'kümmern', könnte ihm das übel ausgelegt werden. Er ist hier nicht wohlgelitten. Ihm wird nachgesagt, dass er ausschließlich seine eigenen Interessen verfolgt. Als gäbe es nicht auch andere, die bei der Durchsetzung ihrer Ziele nicht immer zimperlich sind. Doch bei Lüdemann schaut man genauer hin. Er ist immer ein Fremder geblieben. 'Ich bin anders', sagt er.

Eine Erklärung dafür, dass er, an sich ein geselliger Mensch, in keiner Gruppe Fuß gefasst hat? Sein Gastspiel im örtlichen Kirchenchor war ebenso wenig von Dauer wie seine Mitgliedschaft im Gemeinderat: Die CDU, über deren Liste er gewählt worden war, distanzierte sich bald von ihm. Es heißt, Lüdemann hätte zu sehr seinen eigenen Vorteil gesucht.

Er hat zwei ältere Brüder, die von der Verwandtschaft mit Höfen versorgt wurden. Für den Jüngsten war keiner übrig und doch war sein sehnlichster Wunsch von jeher, Landwirt zu sein. Nach der Realschule durchlief er eine entsprechende Lehre, studierte dann internationale Agrarwirtschaft und beschloss, sein Glück in Mexiko zu suchen. 'Ich wollte dort mein Leben verbringen, geblieben bin ich zehn Tage. Aber das ist eine andere Geschichte.'

'Aus Verlegenheit' studierte Lüdemann dann nochmals, war nun Diplom-Landwirt und schob ein Tiermedizinstudium hinterher. Inzwischen war er mit Leichtathletik angefangen, schaffte als Sprinter 1977 den Niedersachsenrekord über 60 Meter in der Halle und trainierte gezielt für die Olympischen Spiele in Moskau. Ein Muskelriss zerstörte die Träume, noch bevor die westliche Welt die Spiele boykottierte.

Diese Jahre wären anders verlaufen, hätte Lüdemann damals schon eine Frau gefunden. 'Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich eine Hoferbin suche', sagt er. Auf einem Landjugendball traf er sie - Mechthild Kothe aus Daverden fasste Zuneigung zu dem 1,91 Meter großen Blonden mit dem unbändigen Ehrgeiz.

Lüdemann war 32 Jahre alt, als er nach Daverden kam, und er strotzte vor Selbstbewusstsein. 'Man legte mir das als Arroganz aus.' Außerdem war und ist er keiner, der gerne mal einen kippt. 'Ich trinke nie Alkohol.' Alles in allem kein guter Start, um sich neue Freunde zu machen. Als Landwirt aber konnte er jetzt endlich loslegen. Er war noch kein halbes Jahr in Daverden, als er an der Feldstraße einen Maststall für 720 Schweine baute. 'Das war damals einer der größten im Landkreis Verden.'

Er habe das Projekt gemeinsam mit seinem Schwiegervater durchziehen wollen, sagt Lüdemann. 'Aber der hatte Angst vor den Schulden.' Also nahm Lüdemann sein Schicksal in die eigene Hand. Den Kopf voller Ideen und risikofreudig marschierte er zur Bank und bekam den gewünschten Kredit. 'Ich bin ohne Geld gekommen, aber ich wusste, ich kann das.' Schon fünf Jahre später kaufte er einen Hof bei Lilienthal, um hier zunächst gut 400 Sauen zu halten. 'Es war der mit Abstand größte Betrieb dieser Art zwischen Elbe und Weser.'

Mit den Kollegen im Flecken Langwedel, insbesondere in Daverden, hatte er es sich längst verscherzt. Er pachtete und kaufte Flächen, die auch andere gerne gehabt hätten. Und als ihm klar wurde, dass ihm in Daverden kein weiterer Stallbau genehmigt würde, wich er nach Blender aus - auch dort war er nicht willkommen.

Mittlerweile ist Lüdemann an zwei Gesellschaften beteiligt, die in Ostdeutschland Sauenhaltung betreiben. Jeder der beiden Betriebe - einer in Brandenburg, der andere in Sachsen-Anhalt - beherbergt gut 2000 Tiere. Einer der Gesellschaften steht Lüdemann als Geschäftsführer vor. Darüber hinaus hat er eine Tierarztpraxis mit sieben angestellten Veterinären, einige arbeiten Teilzeit. Drei kümmern sich in Daverden um kranke Kleintiere, die anderen betreuen und beraten Schweinehalter im Elbe-Weser-Raum. Landwirte aus Daverden gehören nicht zu Lüdemanns Kunden.

Die ersten Jahre in Daverden - unerträglich. 'Hätte ich nicht einen Berg von Schulden gehabt, dann hätte ich meine Familie genommen und wäre wieder gegangen.' Dass er ein Außenseiter ist, offen oder subtil angefeindet wird, scheint ihn heute nicht mehr zu stören. 'Ich kann damit umgehen', sagt er. Anders sieht es aus, wenn seine Kinder hineingezogen werden. Drei von ihnen haben das Elternhaus bereits verlassen, die älteste Tochter hat Mechthild und Rudolf Lüdemann vor kurzem zu Großeltern gemacht. 'Das war ein Glücksgefühl, Opa geworden zu sein.'

Der 15-jährige Schweder und seine zwei Jahre ältere Schwester Beke wohnen noch zu Hause. Es sind nette, wohlerzogene Kinder, die herzlich und offen auf Menschen zugehen. 'Ich bin stolz auf meine Kinder', sagt Lüdemann.

Als die Familie noch komplett war, verbrachte sie regelmäßig Ferien in der evangelischen Heimvolkshochschule Loccum. 'Das fand ich immer toll.' Andere Urlaubsreisen gab es kaum. Zwar hat das Ehepaar Lüdemann gerade zehn Tage in Lettland verbracht, aber das war kein Urlaub herkömmlicher Art. Drei Tage waren für die Jahrestagung einer Gruppe evangelischer Christen reserviert, 'die auch alle Unternehmer sind.' Darauf hat sich Lüdemann sehr gefreut, 'weil ich da Gleichgesinnte getroffen habe.'

Wenn er zu Hause ist und sich ein seltener Moment der Muße ergibt, sitzt Rudolf Lüdemann gerne an dem Familientisch, der im oberen Flur eine Fensternische fast komplett ausfüllt. Von hier hat er freien Blick über das Daverdener Marschland, links steht die Kirche wie ein Fels in der Brandung. Heimat? Daverden ist nie dazu geworden, der Abstand zu Nindorf mit den Jahren größer geworden. 'Am wohlsten fühle ich mich auf dem Acker und im Stall', sagt Lüdemann.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+