In Walle wackeln die Wände

Ein Erdbeben der Stärke 3,2 hat am Freitagabend die Region um die Stadt Verden erschüttert. Vereinzelt ist es an Gebäuden zu Schäden gekommen. Und sofort wird über Fracking diskutiert.
24.04.2016, 19:03
Lesedauer: 4 Min
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In Walle wackeln die Wände

Genau hier in Langwedel wackelte am Sonnabend die Erde. Das Erdbeben hatte eine Stärke von 3,2 auf der Richterskala.

Erich Schwinge

Ein Erdbeben der Stärke 3,2 hat am Freitagabend die Region um die Stadt Verden erschüttert. Vereinzelt ist es an Gebäuden zu Schäden gekommen. Und sofort wird über Fracking diskutiert.

Was für eine böse Überraschung. Als er Freitagabend von der Arbeit nach Hause kam, entdeckte Knut Heinisch den rund fünf Meter langen Riss in seiner Hauswand. Ein Erdbeben der Stärke 3,2 auf der Richterskala hat ihm diesen unschönen Gruß im Putz hinterlassen. „Ich war schon vorgewarnt. In der Whatsapp-Gruppe der Bürgerinitiative Walle gegen Gasbohren war zu diesem Zeitpunkt reger Verkehr“, erzählt der Geschädigte im Gespräch mit unserer Zeitung. Er habe bereits von vier Betroffenen – alleine aus dem Bereich Walle – gehört.

Gegen 19.45 Uhr hat Freitagabend wieder einmal zwischen Achim und Verden die Erde gebebt. Das stärkste Erdbeben, was dort jemals gemessen wurde, sagt Martin Busch, Sprecher der Bürgerinitiative (BI) Walle gegen Gasbohren. Das Beben mit der Stärke 3,2 sei schon eine „Hausnummer“gewesen. Beim Erdbeben am 22. November 2012 seien in der Gemeinde Langwedel 2,8 auf der Richterskala gemessen worden, am Nikolaustag vergangenen Jahres dagegen 2,2. Busch selbst hat Freitagabend einen riesigen Knall vernommen, Mitglieder der BI hätten ihm berichtet, dass bei ihnen zuhause die Gläser im Regal gewackelt haben. Ein Bekannter habe auf dem Fußboden gelegen, an seinem Radlader gearbeitet und die Erschütterungen hautnah gespürt.

„Mancherorts ist Freitagabend die Stärke 2,8 gemessen worden, an anderen Stellen dann wieder über 3“, mahnt Heinz Oberlach von der DEA (Deutsche Erdöl AG) erstmal zur Besonnenheit. An diesem Montag würden sich die Geophysiker zusammen setzen und die Messwerte abgleichen. Neben der DEA seien auch Vertreter der Deutsche Montan Technologie (DMT) sowie des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) anwesend. Die DMT betreibt unter anderem die Mess-Station am Rathaus Langwedel. An diesem Montag werde sich auch die Deutsche Erdöl AG zum jüngsten Erdbeben äußern, kündigt Oberlach an.

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Er nimmt nicht das Wort Epizentrum, sondern den Begriff „Erschütterungsherd“ in den Mund, und der habe vermutlich wieder im Flecken Langwedel gelegen. Erdbeben ab einer Lokalmagnitude größer als 2,0 würden an der Erdoberfläche als Erschütterung wahrgenommen, teilt das LBEG auf seiner Internetseite mit.

„Wesentlich ist doch erstmal, dass bei dem Erdbeben kein Mensch und kein Tier zu Schaden gekommen ist, Bahn- und Straßenverkehr dadurch nicht eingeschränkt wurden“, betont der Beauftragte Kommunikation für den Förderbetrieb Niedersachsen. Seit nunmehr 20 Jahren fördert die DEA Erdgas in der Region. Die Erdgasfelder tragen den Namen Völkersen und Völkersen-Nord. „Habt Ihr wieder an Eurem Bohrturm gefracked?“, hätten ihn bereits besorgte Bürger angerufen, erzählt Heinz Oberlach und stellt klar: „An einem Bohrturm wird gebohrt und nicht gefracked.“ Darüber hinaus werde in Deutschland bereits seit 2011 nicht mehr gefracked. Die Erdstöße vom Freitagabend seien nicht durch Fracking verursacht worden, warnt Oberlach davor, etwas zu vermengen, was „null miteinander zu tun hat“.

„In einem Zimmer herrscht Überdruck und im anderen Zimmer herrscht Unterdruck. Entscheidend ist, wie die Wand damit umgeht, ob sie sich schüttelt oder nicht“, bedient sich der Beauftragte Kommunikation für den Förderbetrieb Niedersachsen bei der Erklärung der Erdgasförderung einer Metapher. Nicht die Erdgasförderung direkt würde Erdstöße auslösen, sondern die Beschaffenheit der Gesteinsschichten. Die seien nicht glatt wie eine Kuchenschicht, sondern immer wieder von Brüchen und Störungszonen durchzogen. „Entscheidend ist die Schwingungsgeschwindigkeit, der Rumms da unten hat die Schäden nicht ausgelöst“, erläutert Oberlach.

Knut Heinisch jedenfalls will sich nun erstmal einen Gutachter ins Haus holen, der die Schäden an seiner Putzwand genauer unter die Lupe nimmt. „Dramatisch sieht es von außen zwar nicht aus, aber wer weiß, was sich hinter den Steinen verbirgt“, rätselt der geschädigte Waller Bürger. Ihm bleiben nun zwei Möglichkeiten. Entweder eine Ziviklage gegen die DEA, „die ist teuer, langwierig und aussichtslos“, oder er wendet sich an die Schlichtungsstelle für Erdbebenopfer in Rotenburg. „Darauf wird es wohl hinauslaufen.“ 2014 hat die Schlichtungsstelle in der Wümmestadt übrigens ihre Arbeit aufgenommen.

Die BI Walle gegen Gasbohren und die Bürgerinitiativen aus der Gemeinde Langwedel, No Fracking Völkersen und Flecken Langwedel gegen Gasbohren, werden nun die weitere Vorgehensweise beraten, wie die Schäden ausgeglichen werden können. Die Sprecher kündigen für die erste oder zweite Maiwoche eine Versammlung an. Auch aus Langwedel wurden den Bürgerinitiativen seit Freitagabend von Gebäudeeigentümern nämlich viele Schäden gemeldet.

Einer, der bereits in mehr als 20 Schlichtungsfahren als Beisitzer oder Schlichter mitgewirkt hat, ist Gerd Landzettel aus Etelsen. Er engagiert sich innerhalb der BI No Fracking Völkersen. „Die Schlichtungsverfahren nach dem Erdbeben 2012 laufen noch, befinden sich gerade in der Endphase“, erklärt er. Bei der Versammlung Anfang Mai sollten den Betroffenen dann praktische Hilfestellungen gegeben werden, wie sie sich nun verhalten müssen. „Wir werden ein Formschreiben aufsetzen“, sagt Landzettel. Allen Betroffenen rät er außerdem dazu, die Schäden an ihren Häusern genau mit der Kamera zu dokumentieren. Eine Schlichtung sei immer erst der zweite oder dritte Schritt. Zuerst müsse eine Schadensmeldung an das Unternehmen, sprich die DEA, abgegeben werden. Schlichtung setze nämlich immer einen gewissen Dissens voraus. Betroffene hätten sich meist mit der Deutschen Erdöl AG auf eine Summe geeinigt, die rund 50 bis 70 Prozent der geltend gemachten Schäden abdecke, weiß Landzettel aus Erfahrung. Das Wort „Fracking“ sei inzwischen zu einem Kampfbegriff geworden, habe jedoch nichts mit den vergangenen Erdstößen zu tun.

Das größte Erdgasfeld Europas liege in der niederländischen Provinz Groningen. Dort würde es mittlerweile über 100 Erdbeben jährlich geben, prognostiziert Verdens SPD-Ratsherr Carsten Hauschild künftig stärkere Erdbeben für die Region Langwedel/Verden. Die Sozialdemokraten hätten in der Vergangenheit deutlich Position gegen den Ausbau der Erdgas-Förderstätten sowie die Verpressung von Lagerwasserstätten bezogen, meldet sich Hauschild in einer Pressemitteilung zu Wort. „Letzteres gefährdet im Trinkwasserschutzgebiet Scharnhorst das Trinkwasser, weil niemand genau sagen kann, was bei einem Erdbeben in den Erdschichten mit den eingelagerten Abwässern passiert und welche Wege sie dann dort nehmen.“

Er fordert nun, dass parteiübergreifend dafür gesorgt wird, den Ausbau der Erdgasförderung und des Fördervolumens zu begrenzen.

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